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Johann Brandstetter/Josef H. Reichholf: Symbiosen

Cover Brandstetter Reichholf Symbiosen
© Matthes & Seitz

Das Erdbeerfröschchen ist fleißig! Mehrmals täglich klettert es hoch auf einen Baum im tropischen Regenwald. Sein Ziel sind die ganz oben wachsenden Bromelien. Einzeln trägt es seine frisch geschlüpften Kaulquappen zum Wasser, das sich zwischen den trichterförmigen Blättern der Bromelien gesammelt hat. Dann bringt es unbefruchtete Eier als Nahrung für den Nachwuchs hinauf – und das bis zu zehn Wochen lang! Was für ein Aufwand, um den Gefahren am Erdboden zu trotzen! Im Tausch erhält die Bromelie, die vom Regenwasser und den Nährstoffen aus der Luft lebt, die gehaltvollen Ausscheidungen der Kaulquappen – eine perfekte Symbiose, von der beide Seiten profitieren.

Welche Formen des Zusammenlebens gibt es in der Natur? Wie finden geeignete Partner zueinander und welche Güter tauschen sie aus? Wer profitiert am meisten? Davon erzählt das Buch Symbiosen von Johann Brandstetter und Josef H. Reichholf, erschienen in der Naturkunden-Reihe des Matthes & Seitz Verlags. 31 doppelseitige Bildtafeln bilden den Auftakt zu den Kapiteln des Buches. Diese wunderbaren Zeichnungen basieren auf Skizzen, die der Naturillustrator und Künstler Johann Brandstetter auf seinen Reisen in Zentralafrika, Asien und den Tropen anfertigte. In Costa Rica begann er sich für Symbiosen zu begeistern. Sein Freund, der Evolutionsbiologe und bekannte Sachbuchautor Josef Reichholf, hatte die Idee zu diesem gemeinsamen Buch, in dem das Wesen der Symbiose aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird.

Die wichtigste Symbiose für das irdische Leben ist die uralte Kooperation von Pflanzenzellen mit Cyanobakterien. Diese wurden in das Innere der Zellen integriert und produzieren das Blattgrün der Pflanzen. Durch Fotosynthese veränderte sich die Atmosphäre auf der Erde und bot neuen Lebensformen die Chance, sich zu entwickeln. Auch andere Symbiosen sind unverzichtbar: Ohne Pilze, die sich mit Bäumen zu einer speziellen Form von Symbiose, der Mykorrhiza, zusammenschlossen, gäbe es keine üppigen Wälder. Ohne die "Super-Symbiose" zwischen Blüten und Insekten gäbe es weniger Nahrung. Der Biologe Josef Reichholf erläutert diese Zusammenhänge anhand vieler lebendig ausgeschmückter Szenen aus der Natur. Dabei vermittelt er Einblicke in die schwierige Arbeit der Biologen bei der Erforschung von Symbiosen.

Das Buch zeigt verblüffende Bündnisse: Paranussbäume, die zur Verbreitung auf die scharfen Nagezähne der Agutis angewiesen sind; Blattschneiderameisen, die Landwirtschaft mit Pilzen betreiben; Clownfische, die gegen das Gift der Seeanemonen immun sind und zwischen ihren Tentakeln Schutz finden; die gigantischen "Wohnanlagen" der Siedelweber, Flechten als Überlebenskünstler in allen Klimazonen. Auf Josef Brandstetters Zeichnungen sehen wir nicht nur die Symbiosepartner in ihrer natürlichen Umgebung, sondern auch botanische und zoologische Details: Pflanzensamen im Querschnitt, Entwicklungsstadien von Korallen und Früchten, Zellstrukturen, farbenprächtige Varianten einzelner Insektenspezies – beschriftet wie in einem Feld-Notizbuch.

Passionsblume und Passionsblumenfalter Heliconius © Johann Brandstetter, mit frdl. Genehmigung des Verlags Matthes & Seitz

Jede Bildtafel ist ein Kunstwerk für sich. Der Biologe Reichholf geht auf die Details der Zeichnungen ein. Hier sind Wort und Bild perfekt aufeinander abgestimmt!

Auch die Beziehung zwischen Hunden und Menschen ist eine Symbiose. Hunde stammen von Wölfen ab. Wo liegt der Ursprung dieser Jahrtausende alten Partnerschaft? Zahme Haushunde gab es früher nicht. Sie konnten also nicht das Ziel menschlicher Bemühungen gewesen sein, meint Josef Reichholf. Die Initiative ging vermutlich von Wölfen aus. Diese suchten die Nähe zu eiszeitlichen Jägern und versuchten, Futterreste zu erbeuten. Um geduldet zu werden, passten sie sich den Menschen an und beschützten sie sogar vor anderen Wolfsrudeln. So entwickelte sich eine enge Bindung – die Wölfe konnten gezähmt werden. Erst als die Menschen sesshaft wurden, begannen sie mit der Züchtung bestimmter Eigenschaften. Heute dienen Hunde den Menschen als treue Begleiter, als Blindenhunde oder als Spürnasen. Ihr Überleben ist gesichert, doch viele leben in prekären Verhältnissen.

Kritisch beurteilt Josef Reichholf die einst partnerschaftliche Beziehung zwischen Mensch und Natur. Durch Überzüchtung können viele Nutzpflanzen sich nicht mehr allein fortpflanzen. Nutztiere werden ausgebeutet. Der Mensch ist kein Partner mehr, sondern ein Parasit, der durch seine Eingriffe in die Natur das eigene Überleben und das vieler Arten gefährdet. Hier brauchen wir eine Rückkehr zu mehr Kooperation und Nachhaltigkeit.

Nach der Lektüre dieses Buches ist klar, dass ein Überleben ohne Partnerschaften kaum möglich ist. Ein dichtes Beziehungsgeflecht überzieht die Erde. Je mehr Zusammenhänge wir verstehen, desto besser können wir mit der Natur umgehen. Dieses hinreißende Buch leistet einen wertvollen Beitrag dazu.

Erdbeerfrosch und Bromelien in allen Details!
© Johann Brandstetter, mit frdl. Genehmigung des Verlags Matthes & Seitz

P.S. Die Illustrationen von Johann Brandstetter mit Erläuterungen von Josef Reichholf sind bis September 2017 im Salzburger Haus der Natur zu bewundern.

Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Ästhetik

Johann Brandstetter/Josef H. Reichholf: Symbiosen – Das erstaunliche Miteinander in der Natur
Matthes & Seitz Verlag 2017, 298 Seiten
Reihe Naturkunden
ISBN 978-3-95757-366-7
Leseprobe

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7 thoughts on “Johann Brandstetter/Josef H. Reichholf: Symbiosen

  1. Birgit

    Ich war schon beim Stichwort "Erdbeerfröschchen" gefangen ... und dann erst der Siedelweber! Da muss ich gleich mal nachschauen gehen.
    Aber überaus erfreulich fand ich dann die Erklärung zu Symbiose Mensch-Wolf, die ich neulich im Projekt #lithund via Jack London eher literarisch aufgriff - schön, dass ich hier so eine kurze, eingängige Erläuterung für dieses Bündnis finde.

    Antworten
    1. Petra Wiemann

      Mir hat die Erklärung zur Mensch-Hund-Symbiose auch eingeleuchtet. Sie dient den Autoren als Beispiel, wie eine Symbiose begonnen haben könnte. Der Zweck einer Zusammenarbeit ist nicht immer klar und schwierig zu erforschen.

      Antworten
  2. Gerhard

    Spannend geschrieben!
    Mir fiel beim Text ein, daß ich noch ein Buch "Blattschneiderameisen - der Superorganismus" halb angefangen rumliegen habe. 🙁
    Bzgl. Kooperationen: Durch die Eingriffe der Menschheit werden diese Netze beeinträchtigt oder sogar zerstört. Man ist sich dieses Verwobenseins in der Natur garnicht breit bewusst.
    Unlängst gelesen, daß man es für möglich hält, einen Saurier zu klonen. Wie soll das aber gehen ohne die zahlreichen Mikroben, die er in jedweder Hinsicht braucht? Ohne diese Biomasse kann er vermutlich keine Sekunde überleben.

    Antworten
    1. Petra Wiemann

      Beim Saurier klonen gibt es sicher noch mehr Probleme! Ich denke, dass man lieber die Finger davon lassen sollte, siehe Jurassic Parc ;-).
      Das Blattschneiderameisenbuch habe ich mir auch schon mal angeschaut, das ist klasse! Ein ganzes Buch nur über diese eine Art. Hatte es nicht auch ganz viele Fotos aus einem Ameisenstaat? Im Symbiosen-Buch erhält man ja schon mal interessante Einblicke!

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  3. entdeckeengland

    Du hast mich mal wieder richtig neugierig gemacht, liebe Petra, zumal das auch ein wichtiges Thema ist, wenn man die Natur und ihre Zusammenhänge verstehen will. Das kommt gleich auf die berüchtigte Liste. Lieben Gruß, Peggy

    Antworten
    1. Petra Wiemann

      Das freut mich! Hier wird auch sehr schön deutlich, dass wir Menschen eben doch zur Natur gehören und von ihr abhängig sind. Sehr lehrreich.
      Liebe Grüße!

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  4. Pingback: Wissensbuch des Jahres 2017 – Die Nominierungen – Elementares Lesen

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