Hugh Aldersey-Williams: Anatomien – Kulturgeschichten vom menschlichen Körper

Cover Aldersey-Williams Anatomien
© Hanser

Hugh Aldersey-Williams hat mich als Autor von Das wilde Leben der Elemente begeistert. Und so habe ich auch sein neues Buch Anatomien voller Neugier und mit hohen Erwartungen begonnen. Der Autor folgt der Spur der menschlichen Körperteile durch Literatur, Kunst, Philosophie und Geschichte. Motiviert wird er durch die Unkenntnis über die Funktionen seines eigenen Körpers.

Hugh Aldersey-Williams ist studierter Naturwissenschaftler und hat sich als Buchautor und Kurator mit Themen wie Wissenschaft, Kunst und Design auseinandergesetzt. Sein Ausgangspunkt für dieses Buch ist die Analyse eines Gemäldes von Rembrandt: "Die Anatomie des Dr. Tulp" von 1632, auf dem ein seinerzeit berühmter Anatom beim Sezieren einer Leiche zu sehen ist. Von hier aus mäandert der Text in die Vergangenheit und Gegenwart der Medizin. Der medizinische Fortschritt wurde immer gebremst durch religiös und kulturell bedingte Tabus und zwang die Ärzte früherer Epochen zu so drastischen Maßnahmen wie dem Leichenraub. Heute liegen Fragen der Ethik im Streit mit der technischen Machbarkeit.

Aldersey-Williams untersucht die weit verbreitete Vorstellung des menschlichen Körpers als Landkarte. Bis heute werden die medizinischen Lehrwerke als Atlanten bezeichnet, mit Adern und Venen als Transportbahnen von Nährstoffen von einer Region zur anderen. Im Deutschen sind dies zum Beispiel die Atlanten von Sobotta und Prometheus. In den einzelnen Kapiteln folgt Aldersey-Williams dieser Geografie und behandelt die wichtigsten Teile des Körpers.

Prometheus Lernatlas Anatomie
© Thieme

So thematisiert er im Gehirn-Kapitel zum Beispiel die Suche nach dem Sitz der Genialität. Nach Albert Einsteins Tod hat man versucht, in dessen Gehirn relevante Unterschiede zu den Hirnen weniger intelligenter Menschen ausfindig zu machen. Dies ist aber nicht gelungen. Mit neuen Methoden der Hirnforschung wie der Magnetresonanztomografie und anderen bildgebenden Verfahren versucht man heute die Geheimnisse des Gehirns zu entschlüsseln.

Sobotta Atlas Anatomie
© Elsevier

Im Kapitel über Hände geht der Autor der Frage nach, warum wir genau fünf Finger an jeder Hand haben. Der Daumen als fünfter Finger erleichtert jedenfalls den Gebrauch von Werkzeugen und hat die kulturelle Entwicklung des Menschen vorangebracht. Spannend ist auch die Frage nach der Links- oder Rechtshändigkeit, die sich offenbar schon im Mutterleib entwickelt. Durch gesellschaftlichen Druck werden die meisten Linkshänder aber umerzogen.

Um sich dem Thema Anatomie anzunähern, hat Aldersey-Williams Werke über die großen medizinischen Koryphäen vergangener Epochen wie Hippokrates, Galen und Vesalius studiert. Er hat außerdem an einem Kurs für Akt-Zeichnen teilgenommen, beim Sezieren von Leichen zugesehen und selbst einige Schweineaugen seziert. Gelegentlich kommt er auf diese Erfahrungen zurück. Einen größeren Raum nehmen aber die Interpretationen von Kunstwerken von Michelangelo bis Rembrandt sowie literarischen und philosophischen Texten von Shakespeare über Gogol, von Descartes zu Montaigne ein.

Für mich hat die Mischung aus Medizin und Kulturgeschichte oft nicht gestimmt. Es gab hervorragende, spannende Kapitel, aber leider auch Abschnitte, die mich gelangweilt haben und wo ich den Eindruck einer uninspirierten Aneinanderreihung von Anekdoten hatte, weil dem Autor nichts interessanteres eingefallen ist. Die Begeisterung, die der Autor im früheren Buch über die chemischen Elemente vermittelt hat, fehlte mir in diesem Werk. Schade, denn er hat einen hohen Rechercheaufwand betrieben! Die euphorischen Rezensionen, die auf dem Buchrücken zitiert werden und im Internet zu finden sind, kann ich daher nicht nachvollziehen. Auch die bisher einzige deutsche Rezension für das Deutschlandradio fällt sehr positiv aus. Offensichtlich gibt es also Leser, die diesem Buch mehr abgewinnen können als ich. Möge dieses Buch auf die passenden Leser treffen.

Nachtrag: Dieses Buch wurde von der Zeitschrift bild der wissenschaft zum Wissensbuch des Jahres 2014 in der Kategorie Überraschung gewählt.

Hugh Aldersey-Williams: Anatomien - Kulturgeschichten vom menschlichen Körper
Aus dem Englischen von Christophe Fricker
Hanser Verlag 2013
ISBN 978-3-446-43678-8

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2 Gedanken zu „Hugh Aldersey-Williams: Anatomien – Kulturgeschichten vom menschlichen Körper

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