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Siddhartha Mukherjee: Das Gen

Cover Mukherjee Gen
© S. Fischer

Beim Besuch seiner Verwandtschaft in Indien stellt sich Siddhartha Mukherjee die Frage, wie die Vererbung von Geisteskrankheiten funktioniert. Denn in seiner Familie gibt es eine auffällige Häufung von Schizophrenie und bipolaren Störungen. Könnten auch er und seine Töchter von diesem Erbe betroffen sein? Der Mediziner, Autor des Bestsellers Der König aller Krankheiten – Krebs und Pulitzerpreisträger beginnt nachzuforschen. Was ist überhaupt erblich bedingt und wie funktioniert die Weitergabe von Genen? Das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen hat er im Buch Das Gen – Eine sehr persönliche Geschichte festgehalten – eine fesselnde Erzählung, die bei Gregor Mendels Experimenten mit Erbsenpflanzen im Klostergarten von Brünn beginnt, und endet bei neuen Methoden wie der Genschere CRISPR/Cas9, welche die Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krankheiten revolutioniert, und dem Projekt ENCODE (Encyclopedia Of DNA Elements) zur Entschlüsselung sämtlicher Elemente des menschlichen Genoms.

Wie hängen Vererbung und Evolution zusammen? Wo genau befinden sich die Gene? Wie entstehen aus dem genetischen Code unsere körperlichen Merkmale? Wie werden das Geschlecht und die sexuelle Identität ausgeprägt? Welche Gene sind aktiv, warum sind so viele inaktiv? Welche Bedeutung haben Mutationen? Wie stark ist der Einfluss der Umwelt? Viele Wissenschaftszweige müssen hier zusammenarbeiten: Genetik, Biotechnologie, Chemie und Medizin. Die Suche nach Antworten ist knifflig und kostet viel Zeit. Und jede Erkenntnis wirft neue Fragen auf.

Mukherjee verknüpft die Suche nach den Wurzeln der Krankheiten in seiner Familie mit der Geschichte der Genetik. Packend beschreibt er die vielen kleinen Schritte auf dem Weg zum Verständnis der Vererbung. Er präsentiert nicht nur die Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte: wie sich die DNA unerwartet als Trägerin der Erbinformation entpuppte, wie die Doppelhelix-Struktur der DNA erkannt wurde oder den Wettlauf um die Kartierung des menschlichen Genoms. Auch düstere Kapitel beleuchtet der Autor, zum Beispiel die Phase der Eugenik, die der Auslese der besten genetischen Merkmale diente und im nationalsozialistischen Deutschland zu tödlichen Exzessen führte. In den USA gab es in den 30er Jahren schockierende Fälle von Zwangssterilisation bei Frauen, die als schwachsinnig galten. Schon hier macht Mukherjee deutlich, wie anfällig die Genetik für den Missbrauch ihrer Erkenntnisse ist.

Er dröselt auf, welche Erkenntnisse sich aus der Arbeit mit Modellorganismen wie Fruchtfliegen oder Fadenwürmern gewinnen lassen und wie die Zwillingsforschung zu immer neuen Einsichten führt.
Oft halfen auch tückische Krankheiten bei der Kartierung von Genen und dem Verständnis ihrer Wirkung. Um den Auslöser der Krankheit Chorea Huntington zu finden, reiste eine selbst betroffene Psychologin in den venezolanischen Urwald, wo dieses Leiden gehäuft auftrat. Nach mehr als zehn Jahren aufwendiger Forschung entdeckten sie und ihr Team, dass ein einziges Gen für die Erbkrankheit verantwortlich ist. Bei anderen Krankheiten, wie zum Beispiel Krebs, ist die Suche noch komplizierter, weil mehrere Gene beteiligt sind.

Doch nicht nur die Identifikation von Krankheitsursachen ist mithilfe der Genetik möglich. Es geht auch darum, welche Bedeutung die Gene für unsere Persönlichkeit, unsere Fähigkeiten oder Vorlieben haben. So suchten Forscher nach dem "Schwulen-Gen", dem Gen für Intelligenz und nach Merkmalen für rassische Unterschiede in den Genen. Viele Versuche laufen ins Leere, da keine eindeutigen Zusammenhänge erkennbar sind. Mukherjee führt auch in das noch junge Feld der Epigenetik ein, bei dem es um die An- oder Abschaltung von Genen durch Umwelteinflüsse und ihrer Weitergabe an die Nachkommen geht.

Die Genetik verrät uns nicht nur etwas über unsere Gegenwart und Zukunft, sondern auch über den Ursprung der Menschheit. Forschern gelang es sogar, die Urmutter aller Menschen zu finden, die sogenannte "Mitochondriale Eva", die vor etwa 200.000 Jahren in der Subsahara lebte und auf die die gemeinsame Abstammung aller modernen Menschen zurückzuführen ist!

Deutlich warnt Mukherjee vor den Risiken und ethischen Dilemmata, die neue Technologien eröffnen: Tendenzen der Neu-Eugenik, Genmanipulation oder gar die Eliminierung von Mutationen, die Krankheiten verursachen. Mutationen sind schließlich der Motor der Evolution und könnten irgendwann nützlich sein! Bei vielen Eingriffen ins Genom sind die Wechselwirkungen nicht absehbar. Der Autor fordert daher ein Manifest für die postgenomische Welt - die Zukunft, in der alle technischen Hürden beseitigt sein werden.

Siddhartha Mukherjee findet in seinem Buch Das Gen die Balance zwischen den wissenschaftlichen Details, vielen lebendig ausgeschmückten Geschichten von engagierten Forschern und den persönlichen Fallbeispielen von Patienten und Studienteilnehmern. Keine leichte Kost, aber absolut spannend! Das ist Wissenschaftsgeschichte vom Feinsten!

Nominiert für das Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Überblick

Siddhartha Mukherjee: Das Gen – Eine sehr persönliche Geschichte
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
S. Fischer Verlag 2017, 768 Seiten
ISBN 978-3-10-002271-4
Leseprobe

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15 thoughts on “Siddhartha Mukherjee: Das Gen

    1. Petra Wiemann

      Danke, das freut mich! Könnte was für deine Hirngymnastik sein. Aber da kommt ja erst mal die Meeresforschung dran. Juhu 🙂

      Antworten
  1. Flatter Satz

    Mein Gott, Petra, dann sind wir ja über sieben Ecken zwar, aber immerhin, verwandt! 🙂

    Aber im Ernst, das Buch steckt mir auch in der Nase. Den König Krebs (obwohl ich den Begriff 'König' für ungeeignet halte, 'Höllenfürst' wäre angemessener, wenn es schon adlig sein muss) habe ich seinerzeit mit viel Gewinn gelesen. Wenn's nur nicht wieder so dick wäre....

    liebe grüße
    gerd

    Antworten
    1. Petra Wiemann

      Den Gedanken mit der Verwandtschaft finde ich auch faszinierend 🙂 Hab auch schon irgendwo darüber gelesen, vielleicht bei Nick Lane oder Richard Dawkins? Ich fand es toll, dass Mukherjee auf diesen Aspekt eingegangen ist. Die genetischen Unterschiede zu anderen Menschen sind viel kleiner als die meisten vermuten.
      Für so ein dickes Buch las es sich "Das Gen" übrigens erstaunlich gut weg. Aber es gab natürlich etliche Abschnitte, für die man höchste Konzentration benötigt. Mal sehen, ob ich mich an sein Krebs-Buch heranwage.
      Liebe Grüße, Petra

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    1. Petra Wiemann

      Dann empfehle ich dir, mit der Genetik anzufangen. Das ist sozusagen die Vorgeschichte oder besser die Grundlage zum Krebs-Buch.

      Antworten
  2. entdeckeengland

    Liebe Petra, Deine Besprechung macht Lust, gleich mit dem Buch loszulegen. Seit der Schule habe ich schon viel zu viel vergessen und das Thema Gentechnik wird uns noch viel beschäftigen. Es macht mir manchmal Angst, wie wenig ich, und vermutlich der größte Teil der Menschheit, über das Thema weiß, wo doch immer mehr Rahmenbedingungen abgesteckt werden müssen, um Missbrauch zu verhindern. Von den ungeahnten Folgen mal ganz zu schweigen. Liebe Grüße, Peggy

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    1. Petra Wiemann

      Liebe Peggy, dein Kommentar ist über Nacht im Spam-Filter hängengeblieben. Da gehört er natürlich nicht hin!
      Ich hatte das Thema Genetik in meiner mündlichen Abi-Prüfung. Eine gewisse Faszination wurde bei mir durch einige Bücher der letzten Jahre wiedergeweckt. Aber so ausführlich wie dieses war keins davon. Mukherjee warnt sehr eindringlich vor den Gefahren der Gentechnik, ist aber natürlich als Krebs- und Stammzellenforscher auch dankbar für die Chancen, die sich eröffnen. Vielleicht kann er mit seinem Buch ja aufrütteln und etwas bewegen. Ich wünsche ihm jedenfalls viele Leser!
      Liebe Grüße nach Dubai, Petra

      Antworten
      1. entdeckeengland

        Jetzt machst Du mir das Buch gleich noch schmackhafter Seltsam, mit dem Spam. Susanne hat das auch erwähnt. Hängt vielleicht mit der Namensänderung zusammen und ist hoffentlich nur eine kurze Phase. Liebe Grüße, Peggy

        Antworten
  3. Gerhard

    Das klingt sehr interessant.

    Das über die Urmutter muß ich nochmal nachlesen. Mir war das im Grunde bekannt, auch daß es zwingend einen einzigen Vorfahren geben muß - all das auf den ersten Blick paradoxe Findungen, aber Wissenschaft ist heutzutage sehr wohl imstande, solche nicht naheliegenden Aussagen zu schaffen.

    Antworten
    1. Petra Wiemann

      Wenn du eine gute Informationsquelle findest, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Ich finde das auch sehr spannend!

      Antworten

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