Daniela Leitner: Als das Licht laufen lernte

Bertelsmann

© C. Bertelsmann

Kann man es mit dem Jubeln über ein fantastisches Buch übertreiben? – NEIN! Hier sind Lobeshymnen angebracht! Dieses Buch ist originell, verblüffend, witzig, großartig, ELEMENTAR …! Denn so ungewöhnlich hat noch niemand die Geschichte des Universums erzählt und inszeniert.
Aber zunächst einmal die Vorgeschichte: Schon 2012 bin ich durch einen Beitrag von Joachim Schulz in seinem Blog Quantenwelt auf ein Projekt von Daniela Leitner aufmerksam geworden. Dort gab es nämlich einen Link zu Textauszügen, die ich mir damals als PDF heruntergeladen hatte. Seit ich das Buch vor Monaten in einer Vorschau des Bertelsmann Verlags wiederentdeckt habe, fieberte ich dem Erscheinen entgegen, siehe Vorfreuden für Leseratten III. Inzwischen liegt es endlich gedruckt vor und ist ein echtes Schwergewicht mit 864 Seiten. Das klingt nach einer Menge Lese-Arbeit. Nach Abzug von ca. 70 Seiten Inhaltsverzeichnis und Index sowie einem Drittel Fotos und Grafiken bleiben immerhin etwa 500 Seiten reiner Text. Und der hat es in sich!

Was ist nun das Besondere an diesem Buch? Wo soll ich bloß anfangen? Aus der Diplomarbeit einer Kommunikationsdesignerin wurde ein geniales Buch über die Entstehung des Lichts. Mit Alltagsgegenständen aus ihrer unmittelbaren Lebenswelt, sprich ihren eigenen vier Wänden, verdeutlicht Daniela Leitner, woraus sich das Universum zusammensetzt und wie es entstanden ist. Schon durch seine Farbgebung besticht dieses Buch. Die Farbe der Seiten wechselt von blauviolett kapitelweise bis hin zu rosa. (Das sieht ein bisschen aus wie Löschpapier, fühlt sich aber fest an.) Mit diesen Farben wird das Prinzip der Rotverschiebung verdeutlicht, denn je weiter wir zurück in die Vergangenheit reisen, umso stärker ist das Licht ins Rötliche verschoben, beginnend in der Gegenwart mit bläulichen Seiten bis hin zum Urknall auf rötlichen Seiten. Nicht nur deshalb, sondern weil es ein Gesamtkunstwerk ist, wurde das Buch mit mehreren Design-Preisen ausgezeichnet.

Für die fachliche Kompetenz verbürgt sich übrigens der Physiker Prof. Dr. Harald Lesch, den Daniela Leitner als Korrekturleser für ihre Arbeit gewinnen konnte. Denn er hat mit seiner Sendereihe Alpha Centauri die Begeisterung für das Thema Physik und Astronomie geweckt und die Initialzündung für diese Tour de Force ausgelöst.

In einem 2-minütigen Video erzählt Daniela Leitner von ihrem Projekt:

Ausgehend vom Doppelcharakter des Lichts als Teilchen und Welle begeben wir uns auf die Reise rückwärts in der Zeit: von der Entstehung unserer Sonne bis zur Planck-Ära, der ersten Sekunde unseres Universums nach dem Urknall. Auf dem Weg dorthin werden wirklich alle notwendigen physikalischen Grundlagen und Begriffe locker und humorvoll erläutert und mit wunderbar fantasievollen Fotos und Grafiken verdeutlicht. Die Heisenberg´sche Unschärferelation wird mithilfe von Socken erklärt. Kisten stehen für Elementarteilchen und die physikalischen Kräfte, eine Orange spielt die Rolle der Sonne. Glühlampen, Wolle, Knöpfe, alles ist geeignet, um Materie, Atome, Photonen und Kräfte zu verdeutlichen. Sämtliche Fotos sind in Daniela Leitners Wohnung entstanden und zeigen oft witzige Details wie z.B. das geisterhafte Abbild der Fotografin. Auch eine Katze (namens Schrödinger?) hat es beim Fotoshooting geschafft.

Der gesamte Text ist unkompliziert und durchweg verständlich formuliert. Die Wiederholung von Kernaussagen am Ende eines Abschnitts fand ich sehr hilfreich. Besonders wichtige Sätze haben sogar jeweils eine ganze Seite verdient, was beim Lesen ungemein entspannend wirkte. Seltsame Kapitelüberschriften weckten meine Neugier:
„Vom Verschlucken und Wiederausspucken“
„Die Sturheit des Lichts“
„Die Anarchie der geladenen Teilchen“
„Die Unabhängigkeitserklärung der Materie“
So schafft man die 864 Seiten spielend und versteht, wie das Licht 380.000 Jahre nach dem Urknall endlich laufen lernte.

Am Ende der Lektüre habe ich viele Aha-Erlebnisse zu verzeichnen, keine langweilige Minute beim Lesen dieses Wälzers, habe geschmunzelt, war verblüfft – und immer wieder begeistert von den kreativen Einfällen der Autorin, ihrer Fähigkeit, diese komplizierte Materie so gekonnt zu erklären. Mich hat vor allem ihre eigenwillige Bildersprache fasziniert. Es gibt hier nicht ein einziges „astronomisches“ Foto und doch ist alles da, was unser Universum beinhaltet, vom kleinsten Elementarteilchen bis zu den Galaxienhaufen!

Daniela Leitner: Als das Licht laufen lernte
C. Bertelsmann Verlag 2013
ISBN 978-3-570-10184-1
erhältlich bei der Buchhandlung meines Vertrauens

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9 Kommentare

  1. Sturheit und Anarchie: Das wirft doch ein ganz neues Licht auf das Licht. Danke für die ansprechende Rezension – da macht das Lesen Spaß!

  2. Ich muss gestehen: Ich bin neugierig geworden!

  3. Es klingt so toll wie es aussieht! Da hast du dich bravourös durchgekämpft ;)!

  4. Liebe Petra, noch einmal ganz vielen Dank für diese tolle Rezension! Ich habe soeben von meinem Blog aus zu dir gelinkt. Meine Katze ist übrigens ein Mädchen und heißt »Mia« :-)

    Viele Grüße
    Daniela

    • Gern geschehen!! Ich hätte noch viel ausgiebiger jubeln können, aber das hätte den Rahmen gesprengt. Allen zukünftigen Lesern, die ich zur Lektüre deines Buches anregen kann, wünsche ich genauso viel Spaß wie ich dabei hatte :-)

      Viele Grüße,

      Petra

  5. Vielen Dank für diesen Buchtipp. Als Dank verrate ich das Geheimnis des Universums:

    http://faszinationmensch.com/2013/12/17/pssst-ich-verrate-euch-ein-geheimnis-weitersagen/

    ;-)

    Liebe Grüße

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