Jan Haft: Die Wiese

Die Wiesen Mitteleuropas waren einst von einer reichhaltigen Flora und Fauna bewohnt. Den Wäldern abgetrotzt, als Kulturlandschaften gepflegt, – bis im 20. Jahrhundert die Landwirtschaft intensiviert wurde. Seitdem veröden und verschwinden diese artenreichen Habitate. Der preisgekrönte Dokumentarfilmer und Biologe Jan Haft hat ein sehr persönliches Buch über den Wandel einer Landschaftsform geschrieben: Die Wiese – Lockruf in eine geheimnisvolle Welt.

Jan Haft lebt mit seiner Familie im ländlichen Isental bei München. Dort, auf einem alten Bauernhof, ist auch der Sitz seiner Firma nautilusfilm, wo geniale Produktionen wie Magie der Moore, Das grüne Wunder – Unser WaldBiene Majas wilde Schwestern und Kinder der Sonne – Unsere Schmetterlinge entstanden sind. Ich kenne sie alle! Auch zum neuen Buch gibt es einen Film, den ich mir unbedingt anschauen will: Die Wiese – Ein Paradies nebenan, der bereits in den Kinos lief und ab Herbst im Handel erhältlich ist. Erfreulicherweise ist auch sein Buch sehr gut gelungen! Hier erfährt man, wie aus einem naturvernarrten, insektensammelnden Jungen ein renommierter Dokumentarfilmer wurde. Seine Erfahrungen als aktiver Naturschützer verknüpft der Autor mit der Geschichte der Wiesen und dem aktuellen Forschungsstand zur Wiesenökologie.

Wiesen existierten schon vor dem Auftreten des Menschen. Früher wurden sie vermutlich durch die inzwischen ausgestorbenen Tiere der Megafauna und andere große Pflanzenfresser offengehalten. Dann kam der Mensch und machte daraus Lebensräume, die als Weidegrund und Viehfutter nutzbar sind. Die Bewirtschaftung förderte sogar eine artenreiche, bunte Zusammensetzung. Erst in Zeiten industrialisierter Landwirtschaft gerät das Gleichgewicht ins Wanken, denn die Wiesen werden überdüngt und viel zu häufig gemäht. Oder sie werden sich selbst überlassen und verbuschen. Das Ergebnis ist ein “Verschwinden der Farben”, wie Jan Haft schreibt, ein Verlust blühender Wiesen.

Die vier Haupttypen – fette oder magere, trockene oder feuchte Wiesen – lassen sich je nach Bodenchemie, Lage und Klima in eine Vielzahl von Habitaten unterteilen, zum Beispiel magere Trockenwiesen, wechselfeuchte Wiesen, nährstoffreiche Feuchtwiesen, Halbtrockenrasen und vieles mehr. Pflanzen und Tiere haben sich auf bestimmte Wiesentypen spezialisiert und komplexe Lebensgemeinschaften miteinander gebildet. Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling legt seine Eier ausschließlich auf den Blüten des Großen Wiesenknopfs ab. Dessen Raupen lassen sich von Knotenameisen in ihren Bau schleppen, um deren Brut zu fressen; dort verpuppen sie sich – bis sie nach elf Monaten als geschlüpfte Schmetterlinge das Weite suchen und der Kreis von Neuem beginnt. Dieses ausgeklügelte Timing wird aber durch falsches Mähen der wechselfeuchten Wiesen durchbrochen. Orchideen wie das Gefleckte und das Fleischfarbene Knabenkraut leben in Symbiose mit Pilzen, die ihre Wurzeln durchdringen und Nährstoffe miteinander austauschen. Durch Überdüngung sterben jedoch die Pilze ab. Damit werden bald auch die Orchideenwiesen verschwinden, beklagt Jan Haft. Ein Profiteur der allgegenwärtigen Überdüngung ist der Löwenzahn, der aber andere Arten verdrängt.

Die frühere Form der Mahd, maximal zweimal im Jahr, entspricht den Bedürfnissen vieler Arten. Vögel haben Zeit, ihre Eier auszubrüten, Blumen bieten Nektar und Pollen für zahlreiche Insekten, und wenn ihre Fruchtstände Zeit zum Reifen haben, verbreiten sie sich. Zu viel Dünger und zu häufiges Mähen zerstört ihre Lebensgrundlage. Das macht Haft an vielen Beispielen deutlich. Er äußert Verständnis für die ökonomischen Zwänge der Landwirte und fordert zur Rettung der Wiesen eine bessere Agrarpolitik, ganz im Sinne der Artenvielfalt. Besonders faszinierend ist sein Vorschlag, die alte Wässerwirtschaft wiederzubeleben. Dabei werden Wiesen an Bachläufen zweimal jährlich geflutet, um die Mineralstoffe herauszulösen. Das erspart das künstliche Düngen und führt zu einer besseren Heuernte. Haft berichtet auch vom Projekt “Jeder Gemeinde ihr Biotop” der Heinz-Sielmann-Stiftung, das dazu dient, größere Verbünde von Schutzgebieten zu bilden. Auf seinem Bauernhof im bayerischen Isental gibt es Totholz und Tümpel, um Lebensraum für seltene Arten zu schaffen – sogar einen Ringelnatternhügel, denn diesen Schlangen gilt seine besondere Leidenschaft. Es ist ihm sogar gelungen, eine Magerwiese zu renaturieren.

Hier schreibt also ein Naturschützer mit Leib und Seele! Dessen Buch Die Wiese lebt von der Begeisterung Hafts für alles, was er beobachtet, ob es um den seltsamen Gesang der Wanzen geht, um die bunte Pilzgattung der Saftlinge oder um die enorme Vielfalt an Grashüpfern. Zum Schutz dieser wunderbaren Lebensräume unterbreitet der Autor viele konstruktive Vorschläge, so dass am Ende kein Verlustgefühl, sondern die Hoffnung auf ihre Rettung steht. Wunderschöne Fotos runden dieses Buch ab, mit reichhaltiger Blütenpracht, scheuen Bodenbrütern und seltenen Insekten. Lobenswert sind auch die informativen Bildunterschriften. Eine faszinierende Reise ins Reich der Wiesen!

Jan Haft: Die Wiese – Lockruf in eine geheimnisvolle Welt
Penguin Verlag 2019, 256 Seiten mit farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-328-60066-4
Leseprobe

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4 Kommentare

  1. Hallo, eine interessante Rezension! Ich kenne vom Autor bzw. Filmemacher bisher noch nichts, das erste Mal habe ich vor Kurzem von ihm gehört: in einem Interview des Podcasts vom Peguin-Verlag zum Buch. Da ging es mir ebenso, wie du beschreibst: seine Begeisterung war ansteckend, so dass ich mir das Buch sogleich auf meine Merkliste setzte. Die Filme könnten aber auch ansprechend sein. Hast du mittlerweile “Die Wiese” auch als Film gesehen? Liebe Grüße, Kathrin

    • Liebe Kathrin,
      da hast du etwas verpasst! Die Naturfilme sind wirklich sehenswert! Den neuen Wiesenfilm habe ich noch nicht gesehen, werde ihn mir aber im Herbst kaufen. Einen kleinen Einblick bekommst du hier im Trailer: https://youtu.be/GrYZ5WrSdAY.
      Die älteren Filme laufen öfter mal auf ARTE oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendern.
      Schau doch mal hier: https://www.tvtv.de/name/61/jan-haft “Mythos Wald” ist auch bald wieder zu sehen.
      Und natürlich eine dicke Empfehlung für das Buch!

      Liebe Grüße, Petra

  2. Ich bin durch den DJ Dominik Eulberg auf Haft aufmerksam geworden. Eulberg steuert ja zum Film Die Wiese auch die Musik bei. Anfang des Jahres habe ich die Islanddoku gesehen und die Bilder waren der Wahnsinn und bringen ein Gefühl für dieses Land auf die Mattscheibe, die Sehnsüchte weckt.
    Auf Die Wiese freue ich mich auch schon riesig, im Kino leider verpasst. Das Buch klingt nach einer spannenden und informativen Verkürzung der Wartezeit.

    • Das stimmt. Buch und Film stehen jeweils für sich. Ich muss nach der Lektüre auf jeden Fall auch den Film sehen, da ich schon viele andere Dokus von Jan Haft kenne.

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