Jim Holt: Gibt es Alles oder Nichts? – Eine philosophische Detektivgeschichte

Cover Holt Alles oder Nichts

© Rowohlt

Das Rätsel der Existenz wirft viele Fragen auf: Warum existieren wir? Wie hat alles angefangen? Gibt es einen Gott, der unser Universum erschaffen hat? Oder entstand es durch den Urknall? Was war dann vor dem Urknall? Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler quälen sich seit Jahrhunderten mit dieser Thematik herum. Jim Holt, ein philosophisch und physikalisch beschlagener Essayist,  geht in seinem fabelhaften Buch Gibt es Alles oder Nichts? diesen großen Fragen auf den Grund.

Im Original heißt das Buch “Why does the world exist?”, Warum existiert die Welt?, aber die deutsche Übersetzung Gibt es Alles oder Nichts? trifft ebenfalls den Kern, weil eben nicht nur diese eine Frage zur Diskussion steht, sondern ein ganzer Komplex von schwierigen Fragen.

Wenn es alles gibt, so ist es möglich, dass wir nur einen winzigen Bruchteil davon wahrnehmen, denn der Rest befindet sich in Parallelwelten, die für uns unzugänglich sind. Damit beschäftigen sich Theoretiker des Multiversums wie Alex Vilenkin, Steven Weinberg oder David Deutsch. Oder wir leben in einer Simulation, die von Hackern geschaffen wurde. So spekuliert scherzhaft der Physiker Andrei Linde.

Auch die Existenz von nichts (bzw. Nichts) ist erklärungsbedürftig. Wie könnte dieses Nichts beschaffen sein? Holt gibt einen faszinierenden Einblick in die “Arithmetik des Nichts”, denn lange Zeit wurde die Existenz von Etwas einfach vorausgesetzt.  Das Nichts, der Anfang von allem, stand nicht zur Diskussion. In Holts Buch werden wir mit der absoluten Leere und der Null-Welt konfrontiert  – klingt nach herrlichem Nonsense, ist aber ein heißes Thema. Schon Leibniz hat sich mathematisch mit dem Nichts, also der Null, auseinandergesetzt und bei Heidegger hieß es sogar: “Das Nichts nichtet.” Ein aktives Nichts – das kann einem wirklich zu denken geben.

Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Existenz der Welt eine brute fact ist, also eine nackte Tatsache, die keiner Erklärung bedarf. Damit wollen sich natürlich nicht alle zufrieden geben. Holt gibt uns dazu eine knappe Einführung in die verschiedenen Meinungen der vergangenen Jahrhunderte, vertreten durch Denker und Wissenschaftler wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Albert Einstein, Georges Lemaitre und viele andere.

Hiermit dürfte schon mal deutlich geworden sein, dass dieses Buch dem Leser einiges abverlangt: nämlich die Bereitschaft, sich mit mathematischen, philosophischen und physikalischen Gedankengängen auseinanderzusetzen. Es ist kein Buch, das man einfach mal so wegliest und schon hat man alles begriffen. Nein, es ist ein prickelndes Stück Arbeit!

Nach dem theoretischen Überblick begibt sich Holt auf eine Reise zu bedeutenden Denkern verschiedener Disziplinen. Er hat Interviews mit Menschen geführt, die in der Lage sind, die Grenzen ihrer Fachgebiete zu überwinden und auch das Vokabular ihrer Gegner bestens beherrschen. Dadurch sind verblüffende Gespräche und herrliche intellektuelle Wortgefechte zustande gekommen.

Für den Religionsphilosophen Richard Swinburne ist die Existenz Gottes die einfachste Erklärung für alles. Sie ist viel wahrscheinlicher als die Existenz eines Multiversums. Die Frage nach dem Beginn von allem ist nicht relevant. Jim Holt provoziert ihn mit der Frage, ob Gott nicht angesichts der Komplexität seiner Schöpfung ein Gehirn haben müsste, das mindestens so kompliziert ist wie unseres, um über alles schalten und walten zu können. Swinburne erweist sich als jemand, der gut kontern kann.

Der Philosoph Adolf Grünbaum, ein vehementer Gegner jeglicher Religion, vertritt die Auffassung, dass die Frage nach dem Anfang von allem völlig überflüssig ist. Weder gibt es einen Gott, der die Welt geschaffen hat, noch stellt sich die Frage, was vor dem Urknall war, denn vor t = 0 gab es noch keine Zeit und demnach auch kein Nichts.

Das Gespräch mit dem Quantenphysiker David Deutsch wird zunächst dadurch überschattet, dass Jim Holt eine negative Rezension zu einem von Deutschs Büchern verteidigen muss. Erst dann können sie darüber diskutieren, ob eine letzte Erklärung überhaupt möglich ist. Doch die Situation bleibt etwas angespannt: “Vorsichtig nippte ich an meinem Tee, er schien nicht vergiftet zu sein.” So bringt Holt die Atmosphäre dieses Gesprächs auf den Punkt, erfährt aber hier nichts neues.

Für den von Platon inspirierten Physiker Sir Roger Penrose ist die Wirklichkeit in der Sprache der Mathematik geschrieben.  Unsere Welt besteht aus drei miteinander verbundenen Sphären:

Jede der drei Welten – die materielle Welt, die Welt des Bewusstseins und die platonische Welt – entsteht jeweils aus einem winzigen Stück einer der anderen. Und es ist immer das absolut vollkommene Stück. Wenn Sie sich den gesamten materiellen Kosmos ansehen, so ist unser Gehirn ein ungeheuer winziger Teil dieses Kosmos. Aber es ist der Teil von ihm, der vollkommen organisiert ist. Verglichen mit der Komplexität eines Gehirns ist eine Galaxie nur ein lebloser Klumpen. Das Gehirn ist das erlesenste Stück materieller Wirklichkeit, und genau dieses Stück bringt die geistige Welt hervor, die Welt des bewussten Denkens.

Dann könnte die Welt inklusive der materiellen und der platonischen Welt aber vielleicht auch komplett erdacht sein?

Noch komplizierter wurde es beim Kosmologen Max Tegmark, der die Existenz eines mathematischen Multiversums für denkbar hält. Da stellt sich die Frage, ob das Universum ohne Mathematik überhaupt denkbar ist. Uff! Eines von wenigen Kapiteln, durch die ich mich arg durchbeißen musste.

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Der Schriftsteller John Updike hat sich durch seinen Roman Das Gottesprogramm für diese illustre Runde qualifiziert, in dem ein Informatik-Student die Existenz Gottes mit einem Computerprogramm beweisen will. In diesem Ideenroman, den ich dank Jim Holts Hinweis gerade verschlinge, werden die verschiedenen Möglichkeiten für die Entstehung der Welt, Gott, Multiversum, Urknall, in den Dialogen der Charaktere durchgespielt. Updikes Quintessenz, die ich hier kürzlich in einem Beitrag ausführlich zitiert habe, lautet, dass wir mit unserer gegenwärtigen Hirnkapazität nicht in der Lage sind, das Rätsel der Existenz zu knacken. Der Urknall ist für ihn trotz vieler Beweise eher eine Glaubenssache als eine Tatsache, denn sein “Reptilienhirn” kann den Urknall nicht wirklich begreifen.

Erstaunlicherweise argumentierten sehr gegensätzliche Denker mit dem Argument von Ockhams Rasiermesser. Damit ist gemeint, dass die einfachste Erklärung, die mit den wenigsten Variablen auskommt, meistens auch die richtige ist:

Wenn Einfachheit die letzte Erklärung der Dinge wäre, würde dies auch zeigen, warum der tatsächliche Kosmos so enttäuschend durchschnittlich erscheint: eine indifferente Mischung aus Gut und Böse, Schönheit und Hässlichkeit, Kausalordnung und zufälligem Chaos; unbegreiflich groß, aber doch weit hinter der ganzen Fülle möglichen Seins zurückbleibend. Die Wirklichkeit ist weder ein unberührtes Nichts noch ein überbordendes Alles, sondern irgendetwas Unscheinbares dazwischen.

Was als einfach gilt, ist jedoch Ansichtssache. Die unwahrscheinliche Existenz denkender Wesen auf einem Planeten, der auf deren Existenz abgestimmt zu sein scheint, wird von vielen als Gegenargument betrachtet.

Diese verschiedenen Erklärungsansätze vergleicht Holt möglichst unvoreingenommen. Er lässt sich auf die Gedanken seiner Gesprächspartner ein und stellt ihnen sehr kluge Fragen, diskutiert mit ihnen ihre Ideen und die ihrer Gegner. Jede Antwort führte ihn zu seinem nächsten Schritt, um das Rätsel der Existenz zu lösen. Jede Theorie wird von allen Seiten abgeklopft, um Lücken in der Argumentation zu finden, die dann charmant und respektvoll ins Gespräch gebracht werden.

Holt jongliert souverän mit philosophischen, theologischen und physikalischen Begriffen. Zwischen den einzelnen Gesprächen sitzt er in Cafés oder auch mal in einer Badewanne und sinniert über das, was er herausgefunden hat, schlürft dabei viele Flaschen Wein und bereitet sich auf seine nächsten Begegnungen vor. Diese Schilderungen geben dem Buch eine gewisse Leichtigkeit, ändern aber nichts an der Kompliziertheit der Materie.

Dieses Buch ist eine intellektuelle Herausforderung! Wer über ein philosophisches Grundvokabular verfügt, hat es leichter, denn nur weniges wird erläutert. Mir fehlten einige Voraussetzungen, um die komplizierten Argumentationsketten immer nachzuvollziehen. Dennoch bin ich den scharfsinnigen Gesprächen zwischen Holt und seinen Interviewpartnern mit Vergnügen gefolgt. Am Ende gab es keine ultimative Antwort auf die großen Fragen, aber viele Denkanstöße. Absolut lesenswert!

Jim Holt: Gibt es alles oder nichts? – Eine philosophische Detektivgeschichte
Rowohlt Verlag 2014
gebunden: ISBN 978-3-498-02813-8
Taschenbuch: ISBN 978-3-499-61357-9

 

 

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8 Kommentare

  1. Absolut lesenswert auch deine ausführliche Besprechung! Das macht mir richtig Lust auf das Buch. Denn was gibt es Interessanteres, als das Nachdenken über das Sein und das Nichts?

  2. Na dann mal los zur Rätselauflösung … :)

  3. Pingback:Wissensbuch des Jahres 2015 - Die Nominierungen – Elementares Lesen

  4. klasse besprechung, da gibt es Nichts dran zu deuteln.

    Aber: Multiversen kann es nicht geben, sonst wären die bei google-maps zu finden. Den Urknall – na ja, vllt habe ich gerade nicht hingehört, so was soll vorkommen. Und als Bartträger ist Ockhams Rasiermesser für mich nicht so beeindruckend. Und überhaupt: all you need is love!

    ;-)

    herzliche grüße und danke, daß ich wieder futter für meinen sub habe!
    gerd

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