Oliver Sacks: Die feine New Yorker Farngesellschaft

Schon als Kind begeisterte sich Oliver Sacks für urtümliche Pflanzen wie die Schachtelhalme, Bärlappgewächse und die gigantischen Baumfarne in den Kew Gardens, London. In den 90ern schloss er sich der Amerikanischen Farngesellschaft an, einem Verein von Hobbyforschern, der regelmäßig botanische Reisen nach Oaxaca im Süden Mexikos anbietet. Im Jahr 2000 nahm Oliver Sacks an einer zehntägigen Studienreise dorthin teil.

Bekannt ist der 2015 verstorbene Neurologe und Psychiater durch seine populärwissenschaftlichen Bestseller, zum Beispiel Der Tag, an dem mein Bein fortging, Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Zeit des Erwachens sowie das autobiografische Werk On the move. In seinem Buch Die feine New Yorker Farngesellschaft lernt man eine neue Seite von ihm kennen.

Es basiert auf Sacks´ Tagebuch-Aufzeichnungen während dieser Reise. Das Original erschien bereits 2002 unter dem Titel Oaxaca Journal. Chronologisch beschreibt Sacks die Ausflüge in die Flora und Fauna dieser Region mit mehreren Vegetationszonen und einer beeindruckenden Artenvielfalt. Mehr als 700 Farnarten gibt es dort. Etwa 60 wurden von Mitgliedern der Farngesellschaft entdeckt und in einem Standardwerk beschrieben.

Adlerfarn, Frauenhaarfarn, Geweihfarn, Blasenfarn, Auferstehungsfarn – Farne sind äußerst vielgestaltig und gedeihen sowohl im Feuchten als auch bei Trockenheit. Seit 350 Millionen Jahren existieren sie schon, doch wie sie sich fortpflanzen, wurde erst im 19. Jahrhundert entschlüsselt. Wer bei ihrem Anblick in helles Entzücken gerät, “leidet” unter Pteridomanie – einer Besessenheit, die nicht nur im viktorianischen Zeitalter verbreitet war. Oliver Sacks befand sich in Begleitung von dreißig dieser Farn-Enthusiasten.

Humorvoll beschreibt er die Reaktionen der Reisemitglieder angesichts der üppigen Flora und Fauna von Oaxaca, mit seltenen Farnen, leuchtenden Purpurwinden, flirrenden Kolibris und anderen Highlights. Wer sich auskennt, lässt die anderen an seinem Wissen teilhaben. Und abends werden die Fundstücke ausgebreitet und gemeinsam bewundert. Diese “angenehme, unverdorbene, vorprofessionelle Atmosphäre, die nicht von Egoismus und dem Verlangen nach Ruhm und Prestige, sondern vielmehr von Abenteuerlust und Staunen geprägt ist”, interessiert Oliver Sacks besonders, und es eine Freude, seine feinen Beobachtungen über die Exkursionsteilnehmer zu lesen. Sacks’ botanische Neugier gilt nicht nur den Farnen. Auch Moose und Flechten erregen seine Aufmerksamkeit. Einen Besuch bei El Gigante, einer Sumpfzypresse, die als dickster Baum der Welt gilt, lässt er sich nicht entgehen.

Auch die Geschichte und Landeskunde Mexikos stehen auf dem Programm, und so fließen unter anderem Informationen über die beeindruckenden archäologischen Stätten ein, zur Geschichte der Zapoteken, der spanischen Kolonisation und über kunsthandwerkliche und kulinarische Produkte des Landes. Sacks ist von Mexiko, in dem alles “mit Vergangenheit durchtränkt ist”, fasziniert. Er schlendert über Märkte, kostet gebratene Heuschrecken und viel zu viel Mescal und besucht ein Handwerkerdorf, in dem gerade leuchtend roter Koschenille-Farbstoff aus Läusen hergestellt wird. Mit wachem Blick entdeckt Sacks diese fremde Welt, die seinen tiefen Respekt vor dem kulturellen Erbe Mexikos weckt.

Eine deutsche Ausgabe von Die feine New Yorker Farngesellschaft gab es bereits 2004 bei Frederking & Thaler. Die ist aber längst vergriffen. Der Liebeskind Verlag hat nun eine hübsche Neuausgabe in Halbleinen herausgegeben. Sie ist mit sechzehn Illustrationen von Dick Rauh versehen, einem Mitarbeiter des Botanischen Gartens von New York, der in Oaxaca dabei war. Eine herrliche Reisebeschreibung mit Streifzügen durch die botanischen und kulturellen Schätze Mexikos!

Oliver Sacks: Die feine New Yorker Farngesellschaft
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Liebeskind Verlag 2019, 192 Seiten mit 16 Illustrationen von Dick Rauh
ISBN 978-3-95438-109-8
Leseprobe

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3 Kommentare

  1. Oliver Sacks und Farne, beides interessant, danke dir.
    Seit ich daheim ausgezogen bin habe ich versucht Farne im Zimmer zu halten und immer versagt, jetzt, im Garten, ist ein kleiner, recht mickrigier seit 20 Jahren immer noch am Leben. Vielleicht hilft die Lektüre noch Gesellschaft für ihn anzupflanzen und alive zu halten :)

    • Als Ratgeber ist das Buch zwar nicht geeignet, aber als Inspirationsquelle :) Entscheidend ist der richtige Standort. Der Farn auf dem Foto steht bei mir hinten im Garten, wo er null Zuwendung bekommt, während ein anderer Farn trotz Pflege wohl nicht überlebt.

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