Rachel Carson: Magie des Staunens

Cover Carson Magie des Staunens

© Klett-Cotta

Die amerikanische Biologin Rachel Carson liebte die Landschaft an der Küste von Maine. Nachts nahm sie ihren kleinen Neffen Roger mit zu Ausflügen an den Strand. Bei Regen streifte sie mit ihm durch die Wälder, um das aufquellende Rentiermoos und andere Wunder zu bestaunen. Spielerisch lernte der Junge dabei die Tier- und Pflanzenwelt kennen. Ihre Eindrücke beschreibt Carson in ihrem 1956 erschienenen Buch Magie des Staunens – Die Liebe zur Natur entdecken, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt.

Im deutschsprachigen Raum ist Rachel Carson vor allem als Umweltaktivistin bekannt. Denn sie ist die Autorin des wirkmächtigen Buches Der stumme Frühling von 1962, das als Klassiker der Naturschutzbewegung gilt. Darin prangerte sie die gravierenden Umweltschäden durch den Einsatz von Pestiziden wie DDT in der Landwirtschaft an. Doch in den USA ist die 1964 verstorbene Biologin auch eine preisgekrönte und immer noch gern gelesene Naturschriftstellerin.

In ihrem zauberhaften Essay Magie des Staunens feiert Rachel Carson die Natur und die sinnliche Wahrnehmung dessen, was uns umgibt. Ursprünglich hatte sie ihn als Erziehungsanleitung für eine Frauenzeitschrift verfasst. Eltern nimmt sie die Sorge, ihren Kindern nicht genug in der Natur erklären zu können. Wichtig sei etwas ganz anderes:

Wenn Fakten Samen sind, aus denen später Wissen und Weisheit wachsen, dann sind Gefühle und Sinneseindrücke der Nährboden, in dem die Samen reifen müssen.

Entscheidend ist also nicht das Vermitteln von Kenntnissen, sondern das sinnliche Erleben der Natur, aus dem sich die Neugier und das Verstehen-Wollen von selbst ergeben. Erwachsene können den Nährboden bereiten, indem sie Kinder auf Augenhöhe begleiten und in ihrer Entdeckerfreude unterstützen. Rachel Carson hat sich die Offenheit für die Natur bewahrt und gibt sie in poetischer Weise an ihre Leserschaft weiter. Mit ihrem Neffen betrachtet sie winzig kleine Dinge wie Schneeflocken und Sandkörner. Sie teilt ihre Begeisterung für ein nie gesehenes Insekt, das sie wegen seiner “andersweltlichen” Stimme den Märchenglockenläuter nennt. Und sie preist die Heilkraft und Freude, die man aus der Natur schöpfen kann. Magie des Staunens ist ein gefühlsbetonter Text, eine sanfte Beschwörung der Natur.

Dazu passt wunderbar die bibliophile, in Leinen gebundene Ausstattung des Bändchens. Die zarten Bilder des Naturillustrators Johann Brandstetter schmücken die Seiten mit Flechten, Orchideen und Insekten, mit Szenen im regnerischen Wald und am stürmischen Meer. Sein unverwechselbarer Stil hat mich schon im Buch Symbiosen begeistert, das er zusammen mit dem Zoologen Josef Reichholf vorgelegt hat.

Im Nachwort gibt der Übersetzer Wieland Freund einen knappen Einblick in Carsons Leben und Werk und die Entstehungsgeschichte dieses Essays, der einmal eine Art Gegenbuch zum Stummen Frühling werden sollte, jedoch wegen Carsons frühem Tod nie vollendet wurde. Dieses Buch ist ein Geschenk für Naturverbundene – und solche, die es werden möchten!

Rachel Carson: Magie des Staunens – Die Liebe zur Natur entdecken
Aus dem Englischen von Wieland Freund und Andrea Wandel
Mit Zeichnungen von Johann Brandstetter
Klett-Cotta Verlag 2019, 88 Seiten
ISBN 978-3-608-96410-3
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13 Kommentare

  1. Schon bestellt! :-) Besten Dank wieder einmal für Deine wunderbaren Buchhinweise!

  2. Das spricht mich sehr, sehr, sehr an!
    Herzensdank für Deine feine Empfehlung.

  3. Danke für den Tipp! Nachdem der letzte an meinen Neffen ging, ist das hier jetzt was für mich.

    Ich glaube auch, dass das persönliche Erleben, das Staunen, für uns jetzt der einzige Schlüssel ist. Für die Stadtmenschen in meiner unmittelbaren Umgebung (und ich habe eigentlich nur solche um mich) ist Natur abstrakt, und unter Naturschutz können sie sich bestenfalls vorstellen, dass man halt in Gottes Namen nach dem Picknick im Grünen nicht den GANZEN Müll in die Landschaft wirft. Es fehlt an Wissen um Zusammenhänge, aber das allein reicht noch nicht aus.

    Wissen ist wichtig, aber technisches Wissen allein ist noch keine Lösung, denn ohne Emotion bleibt Wissen abstrakt und tot. Das Staunen ist der Anfang, daraus wächst Verstehen und Liebe — ein starker Antrieb, um anders zu leben und die Welt zu verändern.

    (Vielleicht ist es ja doch was für meinen Neffen bzw. seine Eltern.)

    • Die Achtlosigkeit vieler Menschen finde ich auch schwer zu ertragen! Gibt’s leider nicht nur in der Stadt! In Deutschland schwappt gerade der Trend zum Waldbaden aus Japan herüber. Anfangs habe ich gespottet. Inzwischen freue ich mich einfach, dass Menschen bereit sind, der Natur mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der Wunsch, sie zu schützen und zu bewahren, ergibt sich vielleicht von selbst.
      Auch Rachel Carsons Buch gibt wunderbare Anregungen dazu.

      • Waldbaden? Wow. Das musste ich grade mal googlen und bin in der ZEIT dann gar auf eine Waldbademeisterin gestoßen. Klingt wie wellness-beschleunigtes tree-hugging und kostet bestimmt (hoffentlich) richtig viel Geld. Ich wäre schon dankbar, wenn ich einen Wald in der Nähe hätte, in dem ich ein bisschen herumstreifen könnte.
        Carson habe ich jetzt übrigens meinem Bruder geschickt, in der Hoffnung, dass er mit seinem Sohnemann loszieht. Macht er bestimmt sowieso, aber vielleicht ist das nochmal ein kleiner Anstoß mehr.

  4. “Der stumme Frühling” war für meine Generation (ich war 16 als das Buch in Deutschland erschien) so wichtig wie den Kids und Jugendlichen heute “Friday for Future”.

    • Es stimmt hoffnungsvoll, dass jede Generation neue Impulse erhält, die sie aufrüttelt und die Aufmerksamkeit für das, was mit der Umwelt passiert, schärft.

  5. Ich amüsiere, erschrecke und staune begeistert gerade bei Dave Goulsons “Wildlife Gardening” das hinsihtlich der Ameisen genaus zur rechten Zeit gelesen wird *G* . Mein Opa hat mir die Magie des Staunens nahegebracht und ich hoffe etwas davon an meine kids und viele andere weitergeben zu können.

    • Als Kind wurde ich vor zahlreichen Insekten gewarnt. Ameisen waren bissig, Wespen angriffslustig, Motten haben die Kleidung angenagt. Dafür habe ich Pilze und wilde Beeren schätzen gelernt. Aber das große Staunen hat bei mir erst spät eingesetzt. Da helfen natürlich auch Bücher von Dave Goulson und Rachel Carson :)

  6. Danke für die Vorstellung. Das hört sich vielversprechend an.

    Viele Grüße
    Papillionis

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