Simon Barnes: Vom Glück, einen Vogel am Gesang zu erkennen

© Edel

“Vögel zu belauschen bedeutet, den Rhythmus des Planeten Erde nachzuvollziehen”, schreibt der britische Journalist und Vogelliebhaber Simon Barnes in seinem bezaubernden Buch Vom Glück, einen Vogel am Gesang zu erkennen. Besonders im Frühling, wenn viele Arten ihre Balzgesänge vollführen, umgibt uns ein faszinierender Klangteppich mit vertrauten, aber auch unbekannten Stimmen. Wer verbirgt sich hinter dem unermüdlichen, eintönigen Zwitschern am frühen Morgen? Von wem stammen die kunstvollen, variantenreichen Triller? Das ratschende Gekrächze? Das laute, melodische Flöten? Simon Barnes gibt in seinem Buch wertvolle Hinweise zu mehr als 60 heimischen Arten.

Vogelstimmen lauschen, so wie Simon Barnes es beschreibt, ist eine Schule der Aufmerksamkeit: für das, was um uns herum geschieht, für unterschiedlich klingende Landschaften und für den Wechsel der Jahreszeiten, erkennbar am Auftauchen und Verschwinden vertrauter Gesänge. Etwa 350 Singvogelarten gibt es in Mitteleuropa, dazu weitere Arten, die sich durch auffällige Rufe und Schreie bemerkbar machen. Um sie einzuordnen, braucht es Geduld und viel Übung. Ähnlich wie Johanna Romberg in ihrem Buch Federnlesen empfiehlt Simon Barnes, im Winter mit dem Training zu beginnen, wenn nur wenige Vögel anwesend sind.

Großer Brachvogel © Christopher Schmidt

Der Autor charakterisiert die Vögel und ihre Gesänge mit viel Witz und Einfühlungsvermögen. Er startet mit leicht erkennbaren Arten wie dem ganzjährig zu hörenden Rotkehlchen und nimmt sich dann Arten vor, die zu bestimmten Jahreszeiten zu hören sind, verschiedene Greif- und Wasservögel, seinen Liebling – die Feldlerche – bis hin zu selteneren und schwieriger zu bestimmenden Arten wie der Gartengrasmücke. Auf lautmalerische Umschreibungen verzichtet er weitgehend. Stattdessen gibt er uns ein Gespür für das Typische eines jeden Vogels. Hier sind ein paar Kostproben:

Kleiber: “Kleiber singen sehr gerne und zählen zu den besten Pfeifern hierzulande. Sie verwenden die Trillerpfeife eines Schiedsrichters sowie einen lauten, klaren, glatten Pfeifton, und diese beiden vermischen sie nach Belieben.”

Stare, die in ihrem Gesang die Klänge anderer Vögel und sogar Töne wie Autoalarm und menschliche Sprache vermischen: “Trotz aller Nachahmung klingen die Stare dennoch wie Stare. Ihr Lied ist lang gedehnt, bedächtig und enthält jede Menge Pfeiftöne und Klicklaute. […] Das Lied der Stare klingt so wie ihr Lebensraum, denn Stare bauen Umgebungsgeräusche, die Klanglandschaften ihres Habitats in ihr Lied ein.”

Stare © Christopher Schmidt

Der Grünspecht: “Im Frühling vernimmt man ab und an ein gellendes, irgendwie exotisch klingendes Lachen, als ob sich Vögel aus dem tropischen Regenwald zu uns verirrt hätten. […] Es ist ein sehr variables, geradezu manisches Lachen mit einer wechselnden Anzahl von “Ha-Has” und “Ho-Hos”. ”

Die Nachtigall mit ihren zwei Grundtönen: “Der erste ist der berühmte Nachtigallenschluchzer, ein unbeschreibliches, klares, an Intensität und Lautstärke stetig zunehmendes Pfeifen, das quasi in einem Orgasmus endet, wie in der Restaurantszene aus “Harry und Sally”. Der zweite ist ein dunkles, pulsierendes Klopfen.”

Die Kohlmeise: “wie eine quietschende Pumpe, mit starkem Druck bei der Abwärtsbewegung und wenig Druck bei der Aufwärtsbewegung.”

Die Dorngrasmücke als “Sänger mit dem Reibeiseneffekt”, “der Rod Stewart unter den Sängern”.

Mit so einer Beschreibung sollte ich diesen Vogel doch er-hören, wenn ich ihn schon nicht zu sehen bekomme! Jene Arten, die mir schon bekannt sind, fand ich sehr treffend beschrieben.

Für Vögel ist der Gesang lebenswichtig, betont Simon Barnes. Sie müssen sich von anderen Arten unterscheiden und von Artgenossen erkannt werden. Durch Gesang und Rufe kommunizieren sie und finden Partner zur Fortpflanzung und zum Erhalt ihrer Art. Im Vogelgesang sieht der Autor den Ursprung unserer Musik, von Gesang und Tanz.

Zwischen die Kurzporträts einzelner Arten hat Barnes viele Informationen über die Intelligenz der Vögel, ihre Lebensweise, ihre Sinnesleistungen und weiteres aus der aktuellen Vogelforschung eingestreut. Er reflektiert über den Gegensatz zwischen uns und den Tieren und zitiert Dichter und Komponisten, die von Vögeln inspiriert wurden. Mit Leichtigkeit schüttelt Simon Barnes Anekdoten und Wissenshäppchen aus dem Ärmel.

Auch die zarten und naturgetreuen Zeichnungen von Christopher Schmidt sind ein Genuss! Auf einem einzigen Bild sind oft Männchen, Weibchen und Jungvögel einer Art zu sehen, mal sitzend, mal im Flug. Das erleichtert das Erkennen. Bei Deutschlandfunk Nova gab es einen schönen Beitrag über ihn.

Amseln © Christopher Schmidt

In diesem Jahr hatte ich das Glück, schon einige Nachtigallen, einen Wiedehopf und heute sogar einen Kuckuck zu hören, der mittlerweile zu den bedrohten Arten gehört, außerdem Stieglitze, Turmfalken und natürlich Allerweltsarten wie Amseln, Meisen und Spatzen. Besonders den Amselmännchen könnte ich stundenlang zuhören.

Noch habe ich nicht alle Stimmen aus dem Chor identifiziert. Das Buch Vom Glück, einen Vogel am Gesang zu erkennen kann als ganzjähriger Begleiter Abhilfe schaffen. Es öffnet einem das Herz für die Vielfalt um uns herum. Ich stimme Simon Barnes zu: Die Gesänge von Vögeln können wahre Glücksgefühle auslösen. Aber auch die Lektüre seines Buches!

Simon Barnes: Vom Glück, einen Vogel am Gesang zu erkennen – Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren
Aus dem Englischen von Gerrit ten Bloemendal
Edel Verlag 2019, 272 Seiten
Mit Illustrationen von Christopher Schmidt
ISBN 978-3-8419-0631-1
Leseprobe

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5 Kommentare

  1. Das erinnert mich sehr an ein anderes, ebenfalls sehr schönes Buch zu diesem Thema, nämlich “Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?” von Peter Krauss.
    https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/singt-der-vogel-ruft-er-oder-schlaegt-er.html

  2. Pingback:Lieblingslinks der letzten Zeit – Texte, Orte, Zeiten

  3. Im Moment lese ich Jenny Ackermanns Buch “Genies der Lüfte”. Hatte es schon lange, aber ich arbeite sozusagen meine Stapel ab. :-)
    Zum Thema passt doch auch Bernie Krauses Buch “Das große Orchester der Tiere”.

    • Petra Wiemann

      “Genies der Lüfte” fand ich großartig! Da wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen. Und “Das Orchester der Tiere” hast du ja auf deinem Blog schon mal empfohlen. Das habe ich mir sofort als gebrauchtes Exemplar besorgt und meinem Stapel zugefügt ;-) Irgendwann schaffe ich es, das zu lesen. Was sich sicher ebenfalls lohnt, ist das neue Buch von Arnulf Conradi: “Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung”.

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