Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt

Cover Fischer Verzauberung der Welt

© Siedler

In den letzten Tagen war ich ganz gebannt von der Berichterstattung über die Raumsonde Rosetta und den Lander Philae, dem es gelungen ist, erstmals in der Geschichte der Raumfahrt auf einem Kometen zu landen. Ich habe einiges gelernt über die Schwerkraft, die auf der Erde und auf dem Kometen unterschiedlich stark ist, und über die Erkenntnisse, die die Wissenschaftler sich von dieser Mission erhoffen, Erkenntnisse über die Entstehung unseres Planeten und des Lebens im Universum. Der Anblick von Rosetta und Philae hat mich verzaubert. Wissenschaft hat mich verzaubert!

Und doch gibt es jene, die meinen, dass das ausgerechnet mit Wissenschaft unmöglich sei. Wissenschaft scheint ihnen kompliziert und abgehoben. Wissenschaft wird nicht als Teil unserer Kultur begriffen, sondern als etwas von ihr getrenntes, sie gilt als kalt und rational. Der Soziologe Max Weber behauptete sogar, die Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt durch die Wissenschaft führe zu einer Entzauberung der Welt. Eine Aussage, der der Wissenschaftspublizist Ernst Peter Fischer vehement widerspricht.

Fischer hat eine Mission. Er möchte den Laien die Naturwissenschaften nahebringen und den Pädagogen auf die Sprünge helfen, damit sie ihren Schülern nicht den Spaß am Lernen rauben und deren Neugier ersticken. Zeugnis davon sind neben dem neuesten Werk mehr als 30 naturwissenschaftliche Sachbücher, darunter sein Bestseller Die andere Bildung – Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. Dessen Quintessenz ist die Aussage, dass auch die Naturwissenschaften zum Bildungskanon gehören.

Fischer ist in verschiedenen Wissenschaftszweigen beschlagen, er hat Mathematik, Physik und Biologie studiert und war Professor für Wissenschaftsgeschichte. Darüber hinaus gelten seine Interessen aber auch der Kunst, der Literatur und der Philosophie.

Sein neues Buch Die Verzauberung der Welt öffnet die Augen für all die Geheimnisse, die es trotz vieler Erkenntnisse der Wissenschaft immer noch gibt. Es ist ein engagiertes Plädoyer für die romantische Seite der Wissenschaft, für die kindliche Neugier, die wissenschaftliches Forschen und Entdecken auszulösen vermag.

Den Untertitel “Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften” darf man allerdings nicht wörtlich nehmen, denn es geht nicht um die Geschichte, sondern um einzelne Erkenntnisse und Gedanken berühmter Wissenschaftler wie Albert Einstein, Charles Darwin, Isaac Newton oder Werner Heisenberg, die Fischer in seinem Buch vorstellt.

Überall treffen wir auf Phänomene, die vermeintlich schon bis ins kleinste erforscht und verstanden sind. Doch das ist bei weitem nicht so. Ob es um das Magnetfeld der Erde geht oder um den Doppelcharakter des Lichts als Teilchen und als Welle, ob der Fall eines Apfel mithilfe der Schwerkraft erklärt wird oder Forscher unsere Gene sequenzieren, in keinem Fall besitzen wir ein vollständiges Verständnis. Fischer liefert nachvollziehbare Erklärungen für viele Erscheinungen, macht aber sogleich deutlich, dass wir relativ schnell an die Grenzen unseres Wissens stoßen.

Selbst wenn wir etwas durch einen Fachbegriff benennen können – Gravitation, Gene, Elektrizität, Magnetismus, das Higgs-Feld, es bleiben doch immer noch Rätsel, die erst mit weiteren Erkenntnissen gelöst werden können, und viele Geheimnisse, die wir vielleicht niemals lüften werden.

Einen ungewöhnlichen Zugang zur Wissenschaft sieht Fischer in der romantischen Dimension wissenschaftlichen Lernens und Erkennens. Diese könnte helfen, die Distanz zu überwinden, die viele Menschen von der Beschäftigung mit Wissenschaft abschreckt:

Wer Geheimnisse liebt und sich ihrer eindringlichen Dunkelheit öffnet, zeigt seine romantische Ader, und zu den Überzeugungen des Autors und den Thesen dieses Buches gehört die Behauptung, dass die Naturwissenschaften ihren Lebenssaft und ihre Qualität nicht zuletzt aus dieser Blutversorgung beziehen, selbst wenn das vielen abwegig erscheinen mag.

Um diesen Gedanken zu belegen, setzt sich Fischer intensiv mit den Thesen des Dichters Novalis zur Romantisierung der Welt auseinander. Die Literatur, die Kunst und die Philosophie können Brücken zur Wissenschaft schlagen. Fischer verweist auf Schriftsteller wie Goethe, Thomas Mann oder Heinrich von Kleist, in deren Werken sich ihr wissenschaftliches Interesse widerspiegelt. Die Wissenschaftler Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli und Albert Einstein äußerten sich zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft oder verfassten interdisziplinäre Texte, um ihre wissenschaftlichen Einsichten zu vermitteln. Für sie gehörten die verschiedenen Disziplinen zusammen.

Das gilt natürlich auch für Ernst Peter Fischer. Ein besonders wichtiges Konzept ist für ihn die Komplementarität, ein Begriff aus der Atomphysik, der den Dualismus von Licht als Teilchen und Welle beschreibt.

In einer allgemeinen Formulierung meint die Idee der Komplementarität, dass es zu jeder Beschreibung von Wirklichkeit eine zweite gibt, die der ersten entgegenläuft, die aber gleichberechtigt mit ihr ist.

Fischer dehnt dieses Konzept auf andere Bereiche aus, zum Beispiel auf Kunst und Wissenschaft, die oft als Gegensätze betrachtet werden. Die Kunst könnte sogar behilflich sein bei der Kommunikation von Wissenschaft. Die Wissenschaft wiederum könnte sich einer poetischen Sprache bedienen, um mehr Menschen zu erreichen. Wir können jeden Aspekt der Wissenschaft “kühl mit dem Kopf oder leidenschaftlich mit dem Herzen … erfassen.” Um ein Ganzes zu sein, benötigt der Mensch beide Betrachtungsweisen, da sie sich ergänzen.

Diesen Zugang möchte uns Fischer mit seinem Buch verschaffen: unsere Begeisterung für die Naturwissenschaft wecken, die Bereitschaft, ihren Zauber wahrzunehmen! Wissenschaft ist nicht nur abstrakt und kompliziert, sondern auch zutiefst menschlich!

Das gelingt ihm auch größtenteils. Er gibt viele Denkanstöße, indem er sich seinem Hauptgedanken, dem Zauber der Wissenschaften, aus verschiedenen Blickwinkeln nähert. Da seine Kenntnisse so breit gestreut sind, schöpft er aus dem Vollen und flicht munter die Erkenntnisse vieler Geistesgrößen in seine Argumentation ein. Manche Passagen lasen sich allerdings etwas trocken und akademisch. Doch oft ist sein Buch auch persönlich gefärbt, gespickt mit eigenen Erlebnissen und Einsichten.

Fischers Begeisterung für die Wissenschaft und deren Vermittlung, sein missionarischer Eifer schimmern immer wieder durch. Daher bin ich seinen Ausführungen gern gefolgt und habe viele Anregungen zur weiteren Lektüre mitgenommen.

Geeignet ist es

  • für naturwissenschaftlich interessierte Leser, die aufgeschlossen sind für geisteswissenschaftliche Themen
  • für kulturell Interessierte, die bereit sind, sich von wissenschaftlichen Themen verführen zu lassen
  • für Pädagogen, die viele Anregungen zur interdisziplinären Vermittlung von Wissenschaft finden.

Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt – Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften
Siedler Verlag 2014, 336 Seiten
ISBN 978-3-88680-981-3
Erhältlich bei der Buchhandlung des Vertrauens

9 Kommentare

  1. Na, das hört sich ja mal wieder sehr verführerisch an… mein Geldbeutel stöhnt schon. Aber ich habe, dank Deines Beitrags, “Die andere Bildung” aus meinem geistigen Nirwana ins Bewusstsein zurückgeholt (bzw. aus dem Bücherberg gegraben) und werde dies zuerst lesen, eben weil es schon verfügbar ist. Es wird mein erster Fischer und ich bin gespannt, ob seines Schreibstils.
    Danke Petra, ich lese Dich immer wieder gern!

    • Hallo, Utiii, ich freue mich sehr, dass dir meine Texte gefallen :-)
      Bin gespannt, was du zur “anderen Bildung” sagst. Das Buch ist ein guter Einstieg, aber Fischers neues Buch hat mir doch besser gefallen. Seine Biografie über Niels Bohr kann ich ebenfalls sehr empfehlen.
      Viele Grüße, Petra

  2. Liebe Petra,
    den Zusammenhang zwischen Kunst und Wissenschaft herzustellen, der Ansatz gefällt mir sehr gut. Generell finde ich, dass insbesondere Naturwissenschaften und Philosophie viel miteinander zu tun haben; das Ziel ist der Erkenntnisgewinn und der Weg dahin.
    Was mich allerdings nervt, sind solche, die mit missionarischem Eifer ihre Dinge verbreiten, denn das Missionarstum halte ich für eine Art Kolonialisierung von Körper und Geist, die ich widerlich finde. So gesehen hoffe ich, Du meinst mit Deiner auch mehr Begeisterung für den vermittelte Stoff…
    Ich muss auch gestehen, dass ich bei Diskussionen mit insbesondere Naturwissenschaftlern leider oft das Gefühl habe, dass sie Ihre Erkenntnisse für die einzig wahren und endgültigen halten. Das kommt mir immer anmassend vor. Ich glaube, die Welt ist ein evolutionäres, sich ständig im Fluss befindliches System, dessen Funktionieren man mit Natur- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen man bis zu einem gewissen Grad verstehen und möglicherweise beeinflussen kann. Mehr nicht, aber auf nicht weniger. Ansonsten wird die (Natur-)Wissenschaft zur Religion. Damit kann ich leider nix angefangen.
    Was ich aus Deiner schönen Besprechung nun vor allem mitnehme ist der Wunsch, das andere von Dir erwähnte Buch des Autors, nämlich “Die Andere Bildung” zu lesen. Möglicherweise lass ich mich danach dann auch verzaubern…
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      die Welt als ein im Fluss befindliches evolutionäres System – das ist ein schöner Gedanke, der mir einleuchtet! Da ist schon mal klar, dass wir nur ein begrenztes Verständnis entwickeln können. Eine letztgültige Wahrheit gibt es nicht. Aber da wir Menschen sind, wollen wir so viel wie möglich verstehen – zumindest einige von uns.
      Ich finde es interessant, wenn jemand die offenen Fragen nicht nur aus seiner “Experten”-Sicht betrachtet, sondern über seinen Horizont hinausschaut. Und das tut Fischer in diesem Buch. Ich fand es faszinierend, wie elegant er verschiedene Dinge wie Romantik und Wissenschaft oder Kunst und Wissenschaft zusammendenkt. Allerdings ist der Stil sicher nicht jedermanns Sache, daher habe ich den missionarischen Aspekt auch so betont.
      Wenn dich der Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und Philosophie interessiert, dann könnte dir Jim Holt, “Gibt es alles oder nichts?” gefallen. Der Autor diskutiert die großen Fragen der Existenz auf intelligente Weise mit Naturwissenschaftlern, Philosophen und Theologen. Ich lese gerade die letzten Kapitel dieses fabelhaften Buches und werde es demnächst hier vorstellen. Zück schon mal deinen Weihnachts-Wunschzettel ;-)
      Herzliche Grüße,
      Petra

  3. Zum Glück ist ja bald Weihnachten. Das Buch hört sich sehr interessant an. Ist jedenfalls ein spannender Ansatz, zu versuchen Begrifflichkeiten aus der Naturwissenschaft auszuweiten und zu übertragen.

  4. Was für eine schöne Rezension!!

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