Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand

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Erfinden kann man den Nordpol natürlich nicht – aber die Suche nach diesem abstrakten Punkt forcieren. Das ist dem Kartografen August Petermann im 19. Jahrhundert gelungen, auch wenn er am Ende grandios gescheitert ist. Der Kulturhistoriker Philipp Felsch lässt in seiner süffig geschriebenen Biografie das 19. Jahrhundert als eine Epoche des Umbruchs und der Entdeckungen lebendig werden.
Da dieses Werk gerade als Taschenbuch neu aufgelegt wurde, habe ich beschlossen, es ein zweites Mal zu lesen. Und es hat sich wieder gelohnt! Wie schon beim ersten Mal 2010 habe ich es verschlungen und die leichte Ironie des Autors genossen. Nun aber zum Thema:

Das 19. Jahrhundert war eine spannende Zeit für die Kartografie. Forschungsreisende wie Alexander von Humboldt berichteten von ihren Expeditionen. Mit Dampfkraft fahrende Lokomotiven und Schiffe eröffneten neue Handels- und Verkehrswege. In Ballungszentren traten Krankheiten wie die Cholera auf. Dadurch wuchs der Bedarf an immer genaueren Karten, die nicht nur geografische Details verrieten, sondern auch Zusatzinformationen wie Bevölkerungsdichte, botanische Verbreitung oder Reiserouten liefern sollten. August Petermann war dank seines zeichnerischen Talents genau der Richtige für solche Aufgaben. Ausgebildet als Kartograf und Kupferstecher bei Heinrich Berghaus an der Kunstschule Potsdam verschlug es ihn zunächst nach Edinburgh und später nach London, dem Zentrum der britischen Druckindustrie, wo er einen hervorragenden Ruf als Kartograf erwarb. Während seines 7-jährigen Aufenthalts gelang es ihm sogar, in die Royal Geographical Society aufgenommen zu werden.

Als eines der wichtigsten Ziele galt jahrhundertelang die Suche nach der Nordwestpassage, um die Handelswege zwischen Europa und Asien zu verkürzen. Doch viele Expeditionen kamen nicht über das Packeis hinaus. Dieses Schicksal blühte auch der Expedition von Sir John Franklin, welche 1845 im Nordpolarmeer verschwand. In den Folgejahren wurden viele Suchmannschaften auf die Suche nach den Verschollenen geschickt, die jedoch alle unter teils großen Opfern scheiterten.

Felsch Petermann Nordpol PB

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August Petermann glaubte das Rätsel der Verschollenen am Schreibtisch anhand seiner Karten lösen zu können. Er verfolgte die Theorie eines offenen Polarmeeres, welches eine sichere Passage ermöglichte und sogar die Eroberung des Nordpols in greifbare Nähe rückte. Damit begann ein Wettlauf verschiedener Nationen zum Nordpol. Petermann trug durch seine detaillierten Karten dazu bei, auf denen illustriert wurde, dass der Nordpol aufgrund des Golfstroms und anderer physikalischer Daten frei zugänglich sei. Eine dieser Karten ziert auch das Cover meiner Ausgabe von 2010. Als Jahre später weder Überlebende der Franklin-Expedition noch der offene Zugang zum Nordpol gefunden waren, begannen die Briten August Petermann als armchair explorer zu verspotten. Sein Ruf litt so sehr, dass er sich gezwungen sah, sein Sehnsuchtsland zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren. Er reiste zurück in die deutsche Provinz nach Gotha, um beim Verleger Justus Perthes Karten für Atlanten zu zeichnen.

Umtriebig wie er war, gelang es ihm, mehrere deutsche Expeditionen auf der Suche nach dem Nordpol ins Leben zu rufen. Philipp Felsch beschreibt diese Zeit sehr lebendig und ironisch. So charakterisiert er Bremer Kaufleute als „eine Truppe von buddenbrookschen Figuren“, die als Geldgeber gewonnen werden konnten. Petermanns schwieriger Charakter und seine uneinsichtige Haltung äußerten sich in einem ausgiebig zitierten Brief an Kapitän Koldewey besonders deutlich, in dem er ein hohes Maß an Opferbereitschaft um des großen Ziels willen verlangte. Als Laie erteilte er seinem Kapitän Anweisungen, die sich als praxisfern entpuppten und zum Scheitern auch dieser Expedition führten. Petermanns Karten wurden von den Seeleuten verflucht. Die Theorie vom offenen Polarmeer war geplatzt.

Heute ist August Petermann nur noch unter Geografen bekannt. Dort hat sein Name noch einen guten Klang, denn die von ihm 1855 begründete Zeitschrift Petermanns Geographische Mitteilungen existierte immerhin bis 2004 und hat Maßstäbe gesetzt in der Veröffentlichung und Kartierung von Forschungsberichten. Seine Umsetzung von Informationen in Karten und seine Schattierungstechnik waren innovativ und haben die Darstellungsweise in Atlanten geprägt.

1878 nahm er sich im Alter von 56 Jahren das Leben. Philipp Felsch ist eine facettenreiche Charakterisierung dieses Mannes gelungen, der mit großem Talent ausgestattet war, sich aber in eine Idee verrannt hatte, die viele Menschen das Leben kostete.

Ein spannenden Buch mit viel Zeitkolorit – zum Wegschnurren!

Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand
btb 2013
ISBN 978-3-442-74583-8
ISBN 978-3-630-62178-4

0 Kommentare

  1. Oh, danke für die schöne Besprechung. Das Buch habe ich schon häufiger im Laden gesehen, konnte mir aber nie etwas genaueres darunter vorstellen – nun weiß ich Bescheid und werde es auf jeden Fall bald mal in Angriff nehmen! :D

  2. Was für ein magisch klingender Buchtitel… Vielen Dank für die tolle Empfehlung!

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