Richard Fortey: Der bewegte Planet

Cover Fortey Bewegte Planet

(c) Springer Spektrum

Es gibt diese besonderen Bücher, bei denen man auf den letzten Seiten immer langsamer liest, um das Ende hinauszuzögern. Das hier ist so eins! Selten hat mich ein Sachbuch ab der ersten Seite so gefesselt und in Bann gehalten. Und das ist vor allem dem Erzähltalent des Autors zu verdanken. In Der bewegte Planet beschreibt der Paläontologe Richard Fortey die geologischen Mechanismen, die die Erde seit Milliarden Jahren prägen und stetig verändern. Er verpackt diese Erdgeschichte in eine spannende Reise zu Orten, an denen geologische Naturerscheinungen besonders gut zu erkennen sind.

Im ersten Kapitel legt Richard Fortey seine Methode dar, die sich durch das gesamte Buch hindurchzieht:

Ich möchte den Einfluss der Geologie auf die Eigenheiten der Landschaften und der Menschen erkunden. Weit davon entfernt, die trockenste Wissenschaft zu sein, gibt die Geologie zu beinahe allem auf unserem Planeten Auskunft und ist häufig mit dem menschlichen Schicksal verstrickt. Die Gesteine unter unseren Füßen sind wie ein unbewusster Geist hinter dem Antlitz der Erde, der ihre Stimmungen und ihr Aussehen bestimmt. … Lehrbücher tendieren dazu, die Geschichte und die Umgebung auszusparen, um die herrschende wissenschaftliche Meinung darzustellen. In diesem Sinne ist dies ein Anti-Lehrbuch.

Startpunkt seiner Reise ist die Bucht von Neapel. Als im Jahre 79 n.Chr. der Vesuv ausbrach, lieferte Plinius der Jüngere die erste detaillierte Beschreibung eines solchen Ereignisses. Scharen von Naturforschern sind diesem Text gefolgt und dorthin gepilgert, um das Wirken des Vulkanismus und anderer geologischer Phänomene zu verstehen. So wurde dieser Ort “die Wiege der Geologie als Wissenschaft“.

Hier in der Bucht von Neapel schildert Fortey, wie sich die Meerestiere aus der Kreidezeit in Sedimenten ablagerten und nun als Versteinerungen überall in der Gegend, selbst an den Bauwerken, zu finden sind. Vor allem der Vulkanismus hat viele Spuren in der Landschaft hinterlassen. Die zerstörten Städte Pompeji und Herculaneum sind Zeugen einer Katastrophe. Trotz der latenten Gefahr durch den Vesuv lassen sich die Bewohner der Region nicht beirren, in unmittelbarer Nähe zu leben.

Eine der großen Kontroversen der Geologie entzündete sich an der hier auf der Hand liegenden Frage, ob geologische Veränderungen durch Katastrophen oder durch kontinuierliche Prozesse ausgelöst werden. Und so lernen wir nicht nur die Veränderungen in der Landschaft kennen, sondern auch die Entwicklungen der Geowissenschaft, welche mit vielen Irrtümern gespickt war und auch heute noch längst nicht alle Fragen beantworten kann. Gewissheit erlangt man erst, wenn alle Puzzleteile gefunden und zusammengefügt worden sind.

Weitere Stationen von Forteys Reise sind unter anderem:

  • Hawaii, wo wir aktive Vulkane beobachten und erfahren, wie Inseln durch Vulkanismus entstehen und wieder vergehen, wie sich die Gesteine durch Erosion verändern und wie dort Leben entstehen kann
  • die Ostalpen, an denen der Autor exemplarisch die Entstehung von Gebirgen erklärt und einen Einblick in die komplizierte Schichtung der Gesteine und die Probleme bei ihrer Deutung gibt
  • das Geologen-Mekka Neufundland, wo Teile des versunkenen Ozeans Iapetus an die Oberfläche treten, uralte Gebirge gewaltige Umformungen erlebten und Fortey seine Liebe zu den Trilobiten entdeckte
  • die Deccan-Trapps in Indien: Reste ausgedehnter Lavaströme, aus denen die Anhänger verschiedener Religionen wunderschöne Tempelanlagen herausgemeißelt haben
  • Los Angeles als typische Erdbeben-Zone, verursacht durch die San Andreas-Störung, auch so ein Ort, an dem sich die Menschen nicht von der Gefahr vertreiben lassen
  • die schottischen Highlands, wo ein großer Gelehrtenstreit über das Phänomen der Überschiebung ausgetragen wurde und uralte Gesteine halfen, das Alter der Erde zu bestimmen
  • und natürlich ein Ritt auf einem Maultier durch den Grand Canyon steil hinab zum Colorado River, wo Fortey von der Abfolge der Gesteinsschichten fasziniert war, wenn er sich nicht gerade vor Todesangst an seinem Maultier festklammerte.

An jedem dieser Orte begegnen wir dem grundlegenden Mechanismus der Plattentektonik. Letztlich ist sie für alle geologischen Phänomene verantwortlich, ob es um die Auffaltung von Gebirgen geht, um die Entstehung von Erdbeben, den Ausbruch von Vulkanen oder das Auseinanderdriften und Zusammenprallen ganzer Kontinente:

Die Plattentektonik fügte all die verschiedenen Aspekte der Welt, wie wir sie in diesem Buch kennen gelernt haben, in einem großen Entwurf zusammen. Was im Ozean vor sich ging, wurde mit dem verbunden, was in den Gebirgen geschah. Das Kippen und Aufsteigen der Bucht von Neapel war untrennbar mit dem glühenden Pfad verbunden, der nach Hawaii führte, und dieser konnte nicht vom Schub der alpinen Decken gelöst werden. Sogar die Entwicklung eines einzelnen Kristalls in einem Gestein kann eine Reaktion auf das Geheiß der größeren Kräfte im grundlegenden Antrieb der Erde sein. Es war nicht weniger als eine vereinigende Theorie der ganzen Welt.

Großartig, wie Fortey den Blick auf die großen Zusammenhänge lenkt!

In Milliarden Jahren Erdgeschichte gab es auch immer wieder Superkontinente, die auseinandergerissen wurden und sich neu zusammenfügten. Dieser Kreislauf wird Wilson-Zyklus genannt nach seinem visionären Entdecker John Tuzo Wilson. Fortey erklärt diese Zusammenhänge spielerisch eingebettet in die Etappen seiner Reise. Allmählich erschließen sich beim Lesen die gewaltigen Zeiträume, in denen die ozeanische und die Erdkruste immer wieder aufs Neue umgewälzt werden.

Auch die Koryphäen der Geologie mit ihren epochalen Werken kommen hier zu Wort: Charles Lyell als Begründer der Geologie mit seinem Hauptwerk Principles of Geology, Arthur Holmes, dessen Lehrbuch Principles of Physical Geology lange als Standardwerk galt, und vor allem der Geologe Eduard Suess, den Fortey besonders verehrt. Dessen Buch Das Antlitz der Erde wird häufiger zitiert. So entsteht ein lebendiges Bild von der Etablierung der Geologie als Wissenschaft, von den Menschen, die sie vorangetrieben haben, von den Methoden, die hier zum Einsatz kommen und sich im Laufe der Jahrhunderte fortentwickelt haben, von den zahlreichen Kontroversen bei der Deutung geologischer Situationen und auch von den Bewohnern all dieser Landschaften.

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Fortey ist ein glänzender Erzähler, der uns an seiner Liebe zur Geologie teilhaben lässt. Das zeichnete schon sein Buch Leben aus, welches ich allen fossilienbegeisterten Menschen empfehlen kann. Sein Schreibstil hat literarisches Niveau. Immer wieder war ich von geradezu magischen Sätzen verzaubert! Das verbindet ihn auch mit einigen Geologen, die er zitiert. Vielleicht liegt es an der Ehrfurcht, die die Forscher angesichts der gewaltigen Dimensionen der Erdgeschichte empfinden. Man entdeckt immer wieder dramatische oder hymnische Beschreibungen geologischer Vorgänge.
Wir haben hier also ein Lehrbuch Anti-Lehrbuch, einen Reisebericht, eine Geschichte der Geologie als Wissenschaft und ein Epos über die Geschichte der Erde. Zahlreiche Fotos und Skizzen illustrieren alle Etappen dieser Reise und lassen mich sämtliche Reiseplanungen überdenken. Ein Buch, das von den plastischen Schilderungen und der Begeisterung seines Autors lebt und niemals langweilig wird.

Richard Fortey: Der bewegte Planet – Eine geologische Reise um die Erde
Aus dem Englischen von Jens Seeling
Verlag Springer Spektrum 2005/2013
ISBN 978-3-8274-3114-1

 

8 Kommentare

  1. Oh, das klingt sehr interessant! Auch deine Empfehlung von der Muschel auf dem Berg! Liebe Grüße
    Petra

  2. Da möchte man direkt losziehen und den nächsten Naturlehrpfad erkunden. Mit Buch im Gepäck versteht sich! Es ist immer erstaunlich was einem alles den nötigen Schups geben kann um seine Umgebung zu entdecken.

  3. Seitdem Du mir hier den Fortey schmackhaft gemacht hast, grübelte ich über diesen Namen… Und siehe da, tatsächlich habe ich in der Bücherkiste meines verstorbenen Schwiegervaters “Leben” von Richard Fortey gefunden! Den werde ich jetzt, bei aller “Haben-wollen-Mentalität”, wohl zuerst lesen. Ich freue mich gerade wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum!

    • Welch ein Glücksfund! Da freue ich mich mit dir! Das war auch großartig. Und die Reihenfolge spielt ja keine Rolle. Ich musste mir kürzlich unbedingt noch die Trilobiten von Fortey zulegen, denn er macht süchtig. Viel Spaß beim “Leben”-Lesen!
      Liebe Grüße, Petra

  4. Liebe Petra,
    das ist nach dem Kartenbuch von Simon Garfield nun schon das zweite Buch von Deinem Blog, dass ich unbedingt haben möchte. Langsam wird es gefährlich. Die Karten sind inzwischen bei mir gelandet, hatte Anfang August Geburtstag, nun werd ich wohl mal demnächst einen der Büchergutscheine (das sind einfach die besten Geschenke für mich) anbrechen müssen…
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Es freut mich, dass ich auch dein Interesse für dieses tolle Buch geweckt habe. Hoffentlich gefallen dir die beiden Bücher ebenso wie mir!
      Dein letzter Blog-Beitrag ist übrigens auch gefährlich :-)
      Liebe Grüße,
      Petra

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