Byung-Chul Han : Lob der Erde – Eine Reise in den Garten

Eine tiefe Sehnsucht nach Nähe zur Erde, das war der Auslöser für ein Gartenprojekt des renommierten Philosophie-Professors Byung-Chul Han: drei Jahre kontinuierliche Arbeit in einem Garten, der auch im Winter blühen sollte. In seinem Gartentagebuch Lob der Erde – Eine Reise in den Garten erzählt er von seinen Fortschritten und den Gedanken, die ihn dabei beschäftigten. Es ist ein Buch, das mich ratlos macht.
Geboren und aufgewachsen ist Han in Seoul, Südkorea. In Deutschland studierte er Philosophie, deutsche Literatur und katholische Theologie. Heute lehrt er in Berlin und ist Autor vieldiskutierter Werke, z.B. über Neoliberalismus und Macht, über die digitale Klassengesellschaft als Transparenzgesellschaft und über Die Errettung des Schönen.

Nahe dem Wannsee in Berlin hat Han sein Projekt umgesetzt. Durch eine kluge Auswahl von Winterblühern trotzt er dem Winter. Christrose und Winterling, Winterjasmin, Zaubernuss und Duftschneeball erfreuen ihn in der dunklen Jahreszeit. Schattenpflanzen wie die Funkien, Sämereien aus seiner koreanischen Heimat, Hortensien und Rosen verwandeln den Garten in eine Oase der Stille und Schönheit. Hier fallen die bezaubernden, schwarz-weißen Illustrationen von Isabella Gresser ins Auge, die perfekt zu diesem schattigen Ort passen!

Seine botanischen Erkenntnisse durchsetzt Han mit kurzen Betrachtungen zu naturphilosophischen Texten von Heidegger oder Kant, mit Gedichten von Hölderlin, Rilke und anderen. Er reflektiert ebenso über klassische Musik und seine Liebe zum Gesang wie über Roland Barthes´ Helle Kammer oder die Romantik in der Blauen Blume von Novalis. Die blaue Blume schlechthin ist für ihn das Leberblümchen.

Byung-Chul Han fordert eine Schonung der Erde und eine Rückkehr zur Romantik.

Wir sollten wieder staunen lernen über die Erde, über ihre Schönheit und Fremdheit, über ihre Einmaligkeit. Im Garten erlebe ich: Die Erde ist Magie, Rätsel und Geheimnis. Wenn man sie als eine Ressource behandelt, die es auszubeuten gilt, hat man sie bereits zerstört.

Obwohl Han zurecht die Verschandelung und Zerstörung der Natur durch die Menschen beklagt, begründet und überzeugt er nicht.  Im Vorwort bezeichnet Han seinen Text als “Hymnen, Lobgesänge an die Erde”. Da darf man nicht allzu viel Tiefgang erwarten.

Der Garten ist für Byung-Chul Han ein Weg zu Gott, ein Ort, der ihn glücklich macht. Vor allem ist er eine Gegenwelt zur lauten, digitalisierten Welt, in der alles Romantische verloren gegangen ist und gar die Wirklichkeit abgeschafft wird – ein perfekter Rückzugsort offenbar auch vor den Menschen. Das Gärtnern ist ein Akt der Liebe und Fürsorge. Schwärmerisch erzählt Han, dass er die Blüten küsst, sie mit Liebe überhäuft, die gelegentlich erwidert wird. Er plackt sich gern ab und erfreut sich an den Veränderungen im Jahresverlauf. In schlichten Sätzen teilt er mit, welche Pflanzen er schön findet, was ihn stört und wie sehr er das hässliche, nicht verrottende Eichenlaub verabscheut. Welchen Wert hat diese Aneinanderreihung von Vorlieben und Abneigungen für den Leser?

Obwohl ich nachvollziehen kann, welches Glück das Gärtnern für Byung-Chul Han bedeutet, ist mir sein Buch Lob der Erde zu schwammig. Das Gärtnern wird überhöht. Der Garten als Gegenwelt zur zerstörerischen Menschheit – das klingt menschenfeindlich und auf sich bezogen. Lob der Erde ist weder ein Gartenbuch noch ein Buch über Naturphilosophie oder Ökologie, sondern ein bisschen von allem. Doch mir ist es zu oberflächlich. Tiefgründiges, Bedenkenswertes wird nicht ausgeführt und steht neben Banalitäten. Es ist ein sentimentales Buch voller privater Gedanken. Das Highlight sind für mich die wunderschönen Schwarz-Weiß-Porträts der beschriebenen Pflanzen von Isabella Gresser.

Cover Han Lob der Erde

© Ullstein

Byung-Chul Han : Lob der Erde – Eine Reise in den Garten
Ullstein Verlag 2018, 160 Seiten mit 24 Illustrationen von Isabella Gresser
ISBN 978-3-550-05038-1
Leseprobe

2 Kommentare

  1. Erstaunlich.
    Für mich das erste Mal, daß Du so deutlich Stellung gegen ein Buch beziehst.
    Vielleicht wurden deine Erwartungen nicht erfüllt, daher bietet sich eine kritische Stellung an.
    Mit meinen Büchern habe ich meist Glück. Wenn eines mir zu wenig gibt bzw. Anteile enthält, die mir nicht zusagen, lege ich es spätestens nach 100 Seiten ohne Groll weg.

    Gerade lese ich an “Painting below zero”, ein Buch, das ich schon abbestellen wollte, weil es so lange brauchte, um geliefert zu werden. Nun überrascht es mich, obwohl Autobiographie, mit sehr frischem und nachdenkenswertem Stoff.

    • Du hast schon recht, ich habe etwas anderes erwartet. Man muss bereit sein, sich einzulassen auf diese sehr persönliche Beziehung des Autors zu seinem Garten.

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