Hugh Aldersey-Williams: Flut – Das wilde Leben der Gezeiten

Cover Aldersey-Williams Flut
© Hanser

Einen kompletten Ebbe-Flut-Zyklus von zwölf bis dreizehn Stunden beobachten und alle Beobachtungen notieren, – so beginnt der britische Naturwissenschaftler und Kurator Hugh Aldersey-Williams seine Erkundung der Gezeiten. In seinem neuen Buch Flut – das wilde Leben der Gezeiten beleuchtet er verschiedene Aspekte dieses Phänomens: naturwissenschaftliche, historische, landeskundliche, literarische und künstlerische – verpackt in unterhaltsame Anekdoten. Diese Mischung ist typisch für seine Bücher und hat hier bestens funktioniert! Hier im Blog habe ich bereits zwei ältere Bücher des Autors vorgestellt: Das wilde Leben der Elemente über die chemischen Elemente und Anatomien über den menschlichen Körper. Das neue Buch passt wunderbar ins Wissenschaftsjahr der Meere und Ozeane. Wir lesen von der Erforschung der Gezeiten seit der Antike, vom Einfluss dieses Phänomens auf unsere Sprache und Kultur und von Küsten und Orten, die den Fluten besonders stark ausgesetzt sind.

Als Bewohner der Küste von Norfolk, Ostengland, wird Hugh Aldersey-Williams ständig mit den Gezeiten konfrontiert. Schon als Kind buddelte er in Gezeitentümpeln oder erlebte gefährliche Situationen beim Segeln nahe der Küste der Isle of Wight. Die Gezeiten üben eine große Faszination auf ihn aus, daher beschloss er, alles Wissenswerte darüber in diesem Buch zusammenzutragen. Die Küsten der Britischen Inseln bilden den Mittelpunkt seiner Darstellung, doch die beschriebenen Phänomene sind weltweit anzutreffen. Er bereiste auch die Bay of Fundy in Kanada, den Ort mit dem größten Tidenhub der Erde, wo mächtige Gezeitenwellen die Küste treffen. Er machte sich bei den norwegischen Lofoten auf die Suche nach dem sagenumwobenen Mahlstrom, einem gewaltigen Wirbelstrudel. In London und Venedig besuchte er Sperrwerke, die zum Schutz gegen Sturmfluten erbaut wurden, und in Liverpool schaute er sich eine Kunstinstallation an, deren eiserne Gestalten regelmäßig in den Fluten versinken.

Die Anziehungskraft von Mond und Sonne, die Rotation der Erde und andere Kräfte verursachen einen periodischen Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Während der Wasserstand auf den Britischen Inseln um mehrere Meter differieren kann, erleben viele Regionen im Mittelmeer kaum einen Unterschied zwischen Ebbe und Flut. Der sogenannte Tidenhub ist hier gering. Lange Zeit wurde gerätselt, was die Gezeiten verursacht.

Im Buch erfahren wir, wie die Erforscher der Gezeiten zu ihren Erkenntnissen gelangten. Wir treffen auf den Benediktinermönch Beda, der im 8. Jahrhundert den Einfluss des Mondes auf die Gezeiten erkannte; Galileo Galilei, der im 17. Jahrhundert aus seinen Gezeitenbeobachtungen in der Adria auf die Erdrotation und die Bewegung der Erde um die Sonne schloss (unter Einbeziehung von Kopernikus´ Erkenntnissen); Den entscheidenden Beitrag leistete schließlich Isaac Newton. Er erkannte die Anziehungskraft zwischen verschiedenen Körpern und formulierte seine Theorie zur Schwerkraft, die auch zwischen den Himmelskörpern wirkt. Für uns Menschen ist sie nur schwer fassbar.

Wie groß und schön die Schwerkraft ist, würden wir besser verstehen, wenn wir etwas hinauffallen sähen, aber das tut mit bestechender Regelmäßigkeit nur ein einziger Körper, nämlich die vom Mond angezogenen Wassermassen der Ozeane.

Früher, als der Mond engere Bahnen um die Erde zog, übte er eine viel stärkere Anziehungskraft aus und verursachte gewaltige Fluten, deren Spuren sich in alten Gesteinen, zum Beispiel im Big Cottonwood Canyon in Utah, finden.

Schon oft haben die Gezeiten den Lauf der Geschichte beeinflusst. Aldersey-Williams berichtet von der Angst der Römer vor der Eroberung Britanniens wegen der für sie ungewohnt starken Gezeiten oder von den Schwierigkeiten beim Berechnen des idealen Zeitpunkts für die Landung der Alliierten in der Normandie während des Zweiten Weltkriegs. Die Gezeiten mussten in die Pläne einbezogen werden und waren schon oft schlachtentscheidend.

Die Vögel und Meerestiere in Küstennähe haben ihr Lebensweise auf das kommende und gehende Wasser eingestellt. Die Gezeiten sind für sie eine "riesige, kostenlose Energiequelle", die regelmäßig für Nachschub sorgt. So ist es kein Wunder, dass sich an Orten mit starkem Tidenhub eine besonders große Artenvielfalt entwickelt hat. Besonders genossen habe ich die wunderbaren Passagen, in denen der Autor von seinen Naturbeobachtungen an den Küsten der Erde erzählt. Er schaut den Knutts, einer Stelzvogelart, bei der Nahrungssuche am Gezeitensaum zu und bewundert ihr Schwarmverhalten:

Ich beobachtete, wie sie mit einer einzigen schwungvollen Bewegung wegfliegen, so wie sich der Vorhang bei einer Zaubershow öffnet. Der dichte Schwarm schwillt an und ab wie ein einziger, luftiger Organismus. Beim Fliegen verschmelzen die Vögel zuerst zu einer eiförmigen Wolke direkt über dem Wasser, bevor sie an Höhe gewinnen und immer ausschweifendere Formen annehmen – sie wirken wie eine gepixelte Flamencotänzerin.

Da die Gezeiten regional unterschiedlich stark ausgeprägt sind, gibt es keinen einheitlichen Meeresspiegel, sondern nur einen Durchschnittswert. Im Laufe der Erdgeschichte schwankte dieser Wert ständig. Die Erdkruste ist beweglich und das Land hebt oder senkt sich. Das Klima spielt eine große Rolle. Um Veränderungen festzustellen, misst man die Gezeitenhöhen weltweit. Auch Messungen von Orten mit schwachen Gezeiten und aus vergangenen Jahrhunderten sind wichtig. Aldersey-Williams erklärt uns die verschiedenen Messmethoden. In der Gegenwart ergänzen Laser, Radar und Satellitenmessungen die herkömmliche Messung durch Pegellatten. Selbst auf alten Gemälden lassen sich Erkenntnisse über frühere Pegelstände gewinnen und mit heutigen Werten vergleichen. Sicher ist, dass der Meeresspiegels derzeit wieder steigt. Immer mehr Landmassen gehen verloren, mit großen regionalen Unterschieden. Sehr kritisch bewertet der Autor Maßnahmen, die in Norfolk zum Schutz vor Sturmfluten und Landverlust ergriffen wurden. Man verwendet dazu Granitbrocken aus Norwegen:

Die Verrücktheit, die harte skandinavische Westküste abzutragen und Felsbrocken übers Meer zu schaffen, damit Englands weiches, östliches Hinterteil besser gepolstert ist, trifft mich wie ein Schlag. Eine dermaßen klägliche Umverteilung geologischer Tatsachen durch den Menschen stemmt sich anscheinend sogar gegen die Erdumdrehung, die letztlich jene Erosionskräfte erzeugt, die an verschiedenen Küsten so unterschiedlich fleißig sind. Wieder versucht der Mensch, das Meer aufzuhalten, und wieder wird er scheitern. Selbst Sisyphos würde das einsehen.

Der Landverlust wird in Großbritannien mit dem schönen Wort Diluvion bezeichnet, nach dem lateinischen Begriff für Überschwemmung.

Hugh Aldersey-Williams erweist sich als brillanter Geschichtenerzähler, der mit leichter Hand die komplexen Zusammenhänge erläutert, die die Gezeiten beeinflussen. Informationen verpackt er in Geschichten, häufig im Plauderton, leicht ironisch gefärbt und lebendig. Naturwissenschaft und Geschichte, Mythen, Naturerlebnis, Reisebeschreibung, Begegnungen mit Küstenbewohnern und Wissenschaftlern – eine wilde Mischung, manchmal etwas sprunghaft erzählt, aber immer unterhaltsam!

Hugh Aldersey-Williams: Flut – Das wilde Leben der Gezeiten
Aus dem Englischen von Christophe Fricker
Hanser Verlag 2017, 368 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Fotografien des Autors
ISBN 978-3-446-25497-8
Leseprobe

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13 Gedanken zu „Hugh Aldersey-Williams: Flut – Das wilde Leben der Gezeiten

  1. Emswashed

    Klasse! Ein Buch, ganz nach meinem Geschmack, ein Thema, dass auch die tiefsten Landratten berühren sollte. Danke für die Vorstellung!

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  2. Christoph

    Die Vorstellung neulich bei Deutschlandfunk Kultur hat mich schon neugierig gemacht, aber nun habe ich gleich noch mehr Lust auf das Buch bekommen. Das hört sich wirklich sehr interessant an -- und noch dazu ist das ein Thema, mit dem ich mich bisher noch gar nicht beschäftigt habe.

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    1. Petra Wiemann

      Die Rezension im Deutschlandfunk habe ich auch gehört. Das Buch hatte ich aber schon vorher auf dem Schirm, da ich den Autor ja bereits kenne und mich auf sein neues Buch gefreut habe. In letzter Zeit habe ich auch das "Buch vom Meer" von Morten Stroksnes und "Lebenswelt Meer" von Werner Müller gelesen, beide sind auch lesenswert. Das ergänzt sich alles sehr gut.

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  3. Bri

    Oh cool - das brauchen wir in unserer kleinen Meeres-Bibliothek. Mein Mann liebt alles was mit dem Meer oder mit Booten zu tun hat ... und die wissenschaftlichen Hintergründe dazu ...
    LG,
    Bri

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    1. Petra Wiemann

      Oh, Ihr habt eine Meeres-Bibliothek? Dann passt es natürlich perfekt!
      Liebe Grüße, Petra

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  4. Gerhard

    Hat nicht Newton die Gezeiten erklärt? Er bekam doch den Auftrag von höchster Stelle.
    Soweit ich noch in Erinnerung habe, maß er der Dellenform der Erde ein entscheidende Bedeutung bei.

    Insgesamt sicher ein gewinnendes Buch. Eine gute Auffassung, ein Buch so anzulegen, daß viele "Seelen" davon Gewinn haben: Die wissenschaftlich interessierten Leser sowie die Literaten, Künstler und Mythenliebhaber.
    Es ist eben durchaus manchmal eins, von einem bestimmten Aspekt der Natur ganz unterschiedlich ein Hohelied zu singen und sowohl magische bis wissenschaftliche Töne anzustimmen.

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    1. Petra Wiemann

      Da erinnerst du dich richtig! Newtons wichtiger Beitrag zum Verständnis der Gezeiten wird im Buch ausführlich erläutert. Ich habe das stark verkürzt, fand es aber faszinierend zu lesen. Überhaupt macht die Berücksichtigung so vieler Aspekte den Reiz dieses Buches aus.

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      1. Gerhard

        Das ist es ja! Die vielerlei Aspekte!

        Im Buch von Kempermann, das ich gerade lese, wimmelt es auch nur so davon! Gestern erst las ich von der "Vermählung" der Biologie mit Der Kunst, in Form der Heirat des Star-Biologen Jonas Salk mit Francoise Gilot (ehemals Picassos Frau). Das bringt zwei Schwerpunkte von mir zusammen, gerade auch weil ich Gilots Bücher über Picasso kenne, u.a. die enorm faszinierende fast wörtliche Wiedergabe der Gespräche Picassos mit Matisse !!

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        1. Petra Wiemann

          Im Buch wird auch die Strandkunst von Andy Goldsworthy erwähnt, so schön und so vergänglich. Ich habe mal einen tollen Bildband dazu gesehen.

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  5. Entdecke England

    Ah, eines der Bücher, auf die Du mich schon in Deiner Vorschau neugierig gemacht hast. Und das schöne ist, auf Englisch gibts das sogar schon als Taschenbuch. 🙂 Liebe Grüße, Peggy

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    1. Petra Wiemann

      Das ist ja praktisch fürs leichte Gepäck! Ich dachte mir schon beim Lesen, dass es das perfekte Buch für dich ist! Jetzt und in Zukunft bist du ja von Küsten umgeben, wenn auch künftig ohne große Fluten 😉
      Liebe Grüße, Petra

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