Alexander von Humboldt: Tierleben

Cover Humboldt Tierleben

© Friedenauer Presse

Wie funktioniert die Atmung bei Krokodilen? Welche unbekannten Affenarten verbergen sich in den Urwäldern des Amazonas und des Rio Negro? Wo liegen die Unterschiede zwischen Walrössern und den Manatis vom Orinoco? Der Naturforscher Alexander von Humboldt war neugierig auf die exotische Tierwelt, die ihm auf seiner Südamerika-Reise von 1799 bis 1804 begegnete. Gewissenhaft beobachtete er, entdeckte neue Arten und zog Vergleiche mit bereits bekannten Arten Europas und Asiens. In dem soeben erschienenen Buch Tierleben sind erstmals einige seiner zoologischen Texte, Zeichnungen und anatomischen Skizzen konzentriert. Sie stammen aus Humboldts “Ansichten der Natur”, seinen “Beobachtungen aus der Zoologie und vergleichenden Anatomie”, aus der “Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents” und aus Artikeln für diverse Fachzeitschriften. Diese bibliophile Ausgabe wurde von der Literaturwissenschaftlerin Sarah Bärtschi, einer Mitarbeiterin an der Berner Ausgabe von Humboldts “Sämtlichen Schriften”, zusammengestellt und kommentiert.

Schon auf der Hinreise nach Südamerika bewunderte Humboldt immer wieder das Meeresleuchten. Wurde es von lebendigen oder toten Medusen verursacht? Eine Rätsel, das Humboldt nicht lösen konnte. Später experimentierte er mit elektrischen Fischen wie dem Zitteraal und dem Zitterrochen und untersuchte, wie sich so ein Stromschlag anfühlt. Er sezierte Seekühe und Affen zur Erforschung ihrer Anatomie. Seine Beobachtungen verglich er mit zeitgenössischer Fachliteratur und begründete klar, wenn er zu anderen Schlüssen kam. Gerüchten, Irrtümern und Fehldeutungen europäischer Forscher ging er auf den Grund und vertraute lieber seinen eigenen Beobachtungen. Wie beim Kondor, der angeblich Kinder raubte und tötete und dessen Größe von europäischen Forschern maßlos übertrieben wurde. Humboldt verfasste daher einen ausführlichen Artikel über diesen Vogel. Insgesamt 14 Tierarten werden im Buch vorgestellt, doch manche streift Humboldt nur. Ihm ging es um ein Verständnis der Naturphänomene, die mit den Tieren zusammenhingen und um die Sitten und Gebräuche der indigenen Völker Südamerikas.

Anschaulich beschrieb er die allgegenwärtige Plage der Moskitos in den Flussgebieten des Orinoco und des Rio de la Magdalena, die Wirkung ihrer Stiche und die hoffnungslosen Versuche der Bewohner, ihnen zu entgehen. Er machte sich Gedanken über die geografische Verteilung verschiedener Moskito-Arten und ihr regelmäßiges Auftauchen: an ihrem unterschiedlichen Summen und Stechen könne man sogar die Uhrzeit bestimmen.

In Venezuela besuchte Alexander von Humboldt ein gigantisches Höhlensystem. Dort lebt ein nachtaktiver Vogel, der Guacharo (auch Fettschwalm), der sich von Früchten ernährt. Humboldt begleitete die Einheimischen, die einmal im Jahr die Höhle besuchten, um deren Nester zu zerstören und ihre Jungvögel zu rauben. Deren besonders fettreiche Körper wurden ausgekocht und das Fett zum Zubereiten von Speisen verwendet – geruchlos und neutral im Geschmack, stellte Humboldt fest. Eindringlich beschrieb er den höllischen Lärm und Gestank an diesem Ort.

Bei Quito untersuchte Humboldt die rätselhafte Herkunft von Kraterfischen, die angeblich bei Vulkanausbrüchen ausgespuckt wurden und deren Herkunft er in unterirdischen Seen vermutete. Er verglich verschiedene Vulkantypen und die unterschiedlichen Stoffe, die sie auswarfen, Lava, Basalt, Bimsstein, Schwefelsäure – oder eben die geheimnisvollen Fische. Fantastisch zu lesen ist auch Humboldts lebhafte Beschreibung des nächtlichen Lärms im Urwald. Zunächst ist nur gelegentlich das Schnarchen von Süßwasserdelfinen zu hören. Doch als ein Jaguar Jagd auf Nabelschweine macht, wird es unruhig. Affen und Vögel werden davon aufgeschreckt und stecken sich mit ihren Panikschreien an. Man meint, hautnah dabei zu sein!

In ihrem Nachwort ordnet Herausgeberin Sarah Bärtschi die zoologischen Betrachtungen in Humboldts Gesamtwerk ein. Seine Beobachtungen waren vom Zufall bestimmt und dienten keiner systematischen Erfassung des Tierreichs. Sie spiegeln das Weltbild zu ihrer Entstehungszeit wider und dienten der Aufklärung der europäischen Leser über die Fauna der Neuen Welt. Bärtschi würdigt Humboldts ganzheitliches Naturverständnis, die disziplinübergreifenden Betrachtungen und seine Akzeptanz fremder Wertesysteme.

Tierleben ist eine lesenswerte Mischung sehr unterschiedlicher Texte, die Einblicke in Humboldts vernetzte Denkweise liefern. Der Band versammelt lebendige Naturbeschreibungen, genaue Beobachtungen zum Tierverhalten und nüchterne Dokumentationen ihrer Anatomie. Ideal, um sein Werk kennenzulernen! Hervorzuheben ist auch die schöne Buchgestaltung mit Fadenheftung, mit vielen Zeichnungen Humboldts und prächtigen Naturgemälden von Ferdinand Bellermann, einem Maler, den Humboldt förderte. Das Buchcover mit einer südamerikanischen Urwaldlandschaft ist ein schönes Beispiel für dessen Kunst.

Zum heutigen #Indiebookday stelle ich euch kurz den unabhängigen Kleinverlag Friedenauer Presse vor, in dem diese schöne Ausgabe erschienen ist. 1963 im Berliner Stadtteil Friedenau gegründet, entstand ein kleines, feines Sortiment internationaler Literatur. 2006 erhielt der Verlag den Kurt-Wolff-Preis für seine Entdeckerfreude quer durch die Weltliteratur und seine Übersetzungen aus dem Russischen – ein Schwerpunkt des Sortiments. Seit 2017 steht der Verlag unter der Leitung von Friederike Jacob. Bibliophile Reihen: Winterbücher, Wolffs Broschuren und die Presse-Drucke. Eine Fundgrube für wunderbare Entdeckungen!

 

Alexander von Humboldt: Tierleben
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Sarah Bärtschi
Friedenauer Presse 2019, 184 Seiten
ISBN 978-3-932109-90-4

 

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3 Kommentare

  1. Alexander von Humboldt scheint das letzte Universalgenie gewesen zu sein, obwohl man ja sagt, daß das spätestens ab dem 19. Jahrhundert gar nicht mehr möglich gewesen war.
    Man schreibt ihm auch zu, daß er schon vor dem Klimawandel gewarnt hatte.
    Eine Art Hype entsteht zur Zeit auch um Leonardo, habe mir von Librero gestern die Skizzenbücher gekauft, für lächerliche 9,90 in einem unserer Buchläden hier in Würzburg.

    Humboldt scheint ja zeit seines Lebens kaum von Unpässlichkeiten geplagt worden zu sein (ausser vielleicht durch Selbstversuche oder Fieber im Dschungel), sodaß er zeitlebens voll schöpfen konnte.
    Das ist so ein Traum auch, daß man unentwegt üver viel, sehr viel Energie verfügen kann.

    • Wie weit Humboldt seiner Zeit voraus war, kann man wunderbar in der Biografie von Andrea Wulf nachlesen: “Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur”. Und die Energie, die er bis ins hohe Alter besaß, das ist wirklich beneidenswert.

      • Du hast das Buch gelesen? Es wird zur Zeit als Restposten angeboten.
        Die Autorin sah ich kürzlich in einer Talkshow zu ihrem neuesten Buch, da hatte sie deutlich zu wenig Zeit , um in Ruhe dieses neue Projekt vorzustellen.

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