Constantin Seibt: Deadline – Wie man besser schreibt

Cover Seibt Deadline

© Kein & Aber

Niemand setzt mir eine Deadline. Davon sind vor allem Journalisten betroffen, die unter Zeitdruck regelmäßig informative Texte liefern müssen. Und doch habe ich auch als Bloggerin eine Vorstellung davon, wann ein Artikel oder ein bestimmtes Thema fällig ist. An meiner Schreibe möchte ich auch arbeiten. Daher kommt mir das Buch Deadline – Wie man besser schreibt gerade recht.

Dieses Buch ist aus den Artikeln des Blogs Deadline von Constantin Seibt hervorgegangen. Sein Thema ist der Journalismus im 21. Jahrhundert. Für die Buchausgabe wurden die Texte überarbeitet und nach Themen zusammengestellt. Es lohnt sich also, die Buchausgabe zu erwerben. Zu den Schwerpunkten zählen: Storyideen, Schreibtechniken, Karriere-Tipps für Journalisten, verschiedene Genres, Anleitungen für gute Kolumnen und Strategien für die Zukunft der Zeitung.

Constantin Seibt arbeitet als Journalist beim Züricher Tages-Anzeiger für die Ressorts Wirtschaft, Politik und Kultur. Sein Buch ist eine Art Stilfibel und eignet sich für Journalisten und andere Leute, die sich beruflich oder privat mit Texten aller Art herumquälen. Auch Leser, die geistreiche Kolumnen schätzen, werden ihr Vergnügen an diesem Buch haben.

Ein wichtiges Thema ist die Zukunft des Journalismus. Immer weniger Menschen lesen regelmäßig gedruckte Tageszeitungen oder Magazine. In der digitalisierten Medienwelt sind bezahlte Inhalte die Ausnahme. Wie also Geld verdienen? Die aktuellen Querelen bei den Magazinen Spiegel, Focus oder Stern haben gezeigt, wie schwer sich die Branche mit Zukunftskonzepten tut. Oft lautet die Devise in den Redaktionen: am Personal sparen!

Seibt fordert die Zeitungsmacher auf, mehr Risiken einzugehen und vom Gewohnten abzuweichen. Vor allem eine klare Haltung und Stil sind für ihn Rezepte, um sich von anderen abzuheben. Dann haben auch Printmedien eine Chance.

Am wichtigsten sind für mich die Schreibtipps. Was man an einem Entwurf alles streichen sollte, finde ich besonders hilfreich. Diese Vorschläge treffen mich bis ins Mark!

Komplizierte Sätze – weg!

Unnötige Adjektive – weg!

Schwurbel (= wortreiches, aber inhaltsleeres Geschwafel) – weg!

Imponiergehabe mit Fachjargon – weg!

Vermeintlich tolle Formulierungen – weg!

Das macht echt Arbeit, nützt aber dem Text! Auch für andere Schreibprobleme hat Seibt gut umsetzbare Ideen, z.B. zum Einsatz von Zitaten, zur richtigen Perspektive oder zum Geheimnis des Schwanzbeißers. Er verdeutlicht alles mit praktischen Beispielen, selbstironisch, mit herrlichen Anekdoten. In dieser Fundgrube kann jeder Schreibende etwas für sich entdecken.

Ein bisschen Originalton von Constantin Seibt kann nicht schaden, daher ein kleiner Auszug aus meinen Lieblingsstellen:

“Das Schreiben eines Textes ist ein Massaker an all seinen Varianten.”

“Die Ursache der Verzweiflung beim Schreiben ist die anfängliche Leere. Nichts steht bei einem ernsthaften Artikel fest: nicht der Ton, nicht die Form, nicht, was drin ist und was draußen.  Vorhanden ist nur ein Misthaufen an Material, teils auf dem Tisch, teils im Kopf, wo er von den routinierten Teufeln Angst und Ehrgeiz immer neu umgeschichtet wird. Meist so, dass er noch mehr nach Misthaufen aussieht.”

“Schreiben ist nicht Leben. Es ist die überarbeitete, weniger langweilige, weniger verwirrte Variante davon.”

Wunderbar! Ich genieße solche pointierten Sätze! Dieses Buch strotzt vor respektlosen, originellen, prägnanten, geistreichen Kurzum: eine Inspirationsquelle für alle, denen gute Texte wichtig sind!

Verflixt, jetzt müsste ich den gesamten Artikel nochmal prüfen, ob ich auch wirklich alle Tipps angewandt habe. Aber das geht leider nicht, denn mein innerer Chefredakteur drängelt schon! DEADLINE!

 

Constantin Seibt: Deadline – Wie man besser schreibt
Kein & Aber Verlag 2013
ISBN 978-3-03695685-5 gebunden mit Ebook
ISBN 978-3-0369-5922-1 Taschenbuch

Erhältlich bei der Buchhandlung des Vertrauens

10 Kommentare

  1. Ich bin ja immer ein wenig skeptisch, wenn mir jemand auf über 300 Seiten erklärt, wie man besser schreibt. Viel zu viele versuchen das. Einige können es, einige eher nicht.
    Trotzdem: Deine Besprechung klingt interessant und der Blick ins Inhaltsverzeichnis des Buches auch. Ich werde C. Seibt also eine Chance geben. lg_jochen

  2. Deine Besprechung macht richtig Lust auf das Buch. Vielen Dank für den tollen Buch-Tipp!
    Viele Grüße, Claudia

  3. Klingt wirklich interessant, liebe Petra. Ich werde auf jeden Fall ein bisschen in seinem Blog stöbern : )

  4. ach, die ganzen guten tips! wech damit! ;-)

    ich denke, man/frau muss sich darüber im klaren sein, ob man für die “anderen” d.h. die leser, schreibt oder weil man selbst schreiben will. in meinem blog bin ich könig: also schreibe ich die sätze so kompliziert, wie immer ich sie auch schreiben will. und mach ich dies und mach ich das, mag es auch gegen jede journalistische regel verstoßen. niemand muss es ja lesen. natürlich freue ich mich, wenn ich gelesen werden…. aber ich schreibe meinen stil. wie langweilig wäre das lesen auch von blogs, wenn jeder nach “schema F” schreiben würde. ;-)

    • Lieber Gerd,
      du hast natürlich vollkommen recht! In deinem Blog bist du König und kannst deinen eigenen Stil zelebrieren. Genau dafür schätze ich dein Blog!!! Und ich finde auch die Vielfalt der Stile in den anderen Blogs wichtig. Ich lese sie nicht unter dem Aspekt, ob sie alles “richtig” machen, sondern ob sie mich persönlich ansprechen. Schema “F” ist auch nicht nach meinem Geschmack ;-)
      Diese Tipps, die ich hervorgehoben habe, sind eher meine Achillesferse. Ich genieße die Freiheiten, die ich hier habe. Den Spaß am Formulieren und lange Sätze Basteln lasse ich mir auch in Zukunft nicht nehmen, aber ich möchte es – für mich – besser können.
      Außerdem geht Seibts Buch ja über die reinen Schreibtipps hinaus. Es ist eher ein Überlebenshandbuch für Journalisten. Wenn man mit Schreiben sein Geld verdienen muss, sind seine Anregungen sehr hilfreich. Und so schön griffig formuliert, dass es ein Vergnügen war!
      Liebe Grüße,
      Petra

  5. Liebe Petra,
    das ist mal ein kontroverses Buch für mich. Einerseits würde ich – für mich persönlich z.B. dieses Deiner Zitate

    “Die Ursache der Verzweiflung beim Schreiben ist die anfängliche Leere. Nichts steht bei einem ernsthaften Artikel fest: nicht der Ton, nicht die Form, nicht, was drin ist und was draußen. Vorhanden ist nur ein Misthaufen an Material, teils auf dem Tisch, teils im Kopf, wo er von den routinierten Teufeln Angst und Ehrgeiz immer neu umgeschichtet wird. Meist so, dass er noch mehr nach Misthaufen aussieht.”

    quasi vollinhaltlich (na, wie viele Fehler habe ich bis hierhin vermacht?) unterschreiben. Andererseits denke ich da auch wie Flattersatz. Klar möchte ich gelesen werden, und klar möchte ich so schreiben, dass ich selber es einigermassen gut finden kann – aber niemand MUSS es lesen. Und natürlich kann man in meinem Schreibstil auch immer ein Stück meiner Persönlichkeit wiederfinden. Wenn man sich die Mühe machen will.
    Das ist sicher anders, wenn man damit als Journalist Geld verdienen will oder muss und damit ggf. mannigfaltige Vorgaben zu erfüllen hat. Aber da hört für mich der Stil auf und die Schreibe fängt an. Man lese nur den Spiegel.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      Wenn mir das Schreiben leichter fallen würde, hätte ich die handwerklichen Tipps von Seibt, die ja nur einen Teil dieses Buches ausmachen, sicher nicht so hervorgehoben. Einen persönlichen Stil können solche Tricks natürlich nicht ersetzen, aber sie schaden mir auch nicht.
      Das heißt ja noch lange nicht, dass jeder es immer genau so machen sollte – das Ergebnis wäre pure Langeweile! Daher lese ich die Kommentare von dir und Flattersatz auch als Aufforderung zu mehr Eigensinn und Gelassenheit beim Schreiben. Danke dafür :-)
      Liebe Grüße,
      Petra

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