Hilde und Ylva Østby: Nach Seepferdchen tauchen

Cover Ostby Seepferdchen

© Berlin

Was macht das Seepferdchen in unserem Gehirn?
Ein Teil unseres Gehirns ist wie ein Seepferdchen geformt. Der Anatom Julius Caesar Arantius, der ihn 1564 erstmals beschrieb, gab ihm den Namen Hippocampus, nach dem lateinischen Begriff für das Seepferdchen. Wir besitzen zwei davon, je einen in der linken und in der rechten Gehirnhälfte. Welche Bedeutung der Hippocampus für unser Gedächtnis hat, stellte sich erst 1953 heraus, nach einer fatalen Hirnoperation. Um einen Patienten zu heilen, der an schwerer Epilepsie litt, entfernte dessen Arzt beide Hippocampi und zerstörte damit unwiderruflich das Langzeitgedächtnis und die Fähigkeit des Mannes, neue Erinnerungen zu bilden. Henry Molaison wurde als Patient H. M. zum berühmtesten Fall der Gedächtnisforschung.

Dies ist der Ausgangspunkt des Buches Nach Seepferdchen tauchen. Die klinische Neuropsychologin Ylva Østby und ihre Schwester, die norwegische Journalistin Hilde Østby, erkunden darin verschiedene Aspekte des Gedächtnisses:

Autobiografische Erinnerungen
Im Zentrum steht die Frage, woraus unsere autobiografischen Erinnerungen bestehen und wie sie unsere Identität formen. Welche Geschehnisse sind so wichtig, dass sie uns im Gedächtnis bleiben? Warum sind die Erinnerungen nicht konstant, sondern verändern sich im Laufe der Zeit? Die Schriftstellerin Linn Ullmann schildert ihre Probleme beim Rekonstruieren der eigenen Lebensgeschichte, als sie den autobiografischen Roman Die Unruhigen schrieb. Sie erzählt, wie sie ihre Erinnerungen durch Musik hervorlockte und wie trügerisch unsere Erinnerungen sind. Von ihrer Schwester, die Fallschirmspringerin war, erfahren die Autorinnen, woran man sich erinnert, wenn man den Tod vor Augen hat. In den autobiografischen Erinnerungen bleiben vor allem außergewöhnliche Erlebnisse haften: Dinge, die wir zum ersten Mal erleben, Situationen, die starke Gefühle auslösten und die unser Selbstbild bestimmen. Dazu zählen nicht nur glückliche Erinnerungen.

Traumatische Erlebnisse
Um zu erfahren, wie  traumatische Erlebnisse verarbeitet werden und wie man lernen kann, die qualvollen Erinnerungen daran zu beherrschen, sprachen die Autorinnen mit einem Überlebenden des Massakers von  Utøya. Er war von Anders Behring Breivik mit einer Waffe bedroht und angeschossen worden. Bis heute quälen ihn die schrecklichen Bilder.

Falsche Erinnerungen
Auch falsche Erinnerungen sind Bestandteil unserer Lebensgeschichte. Erlebnisse, an die wir uns nach langer Zeit nicht mehr genau erinnern können, werden angereichert durch passende Geschichten, von denen wir nur gehört haben, die aber anderen passiert sind. Wenn sie für uns plausibel klingen, integrieren wir sie in unsere Lebensgeschichten. Doch unsere Erinnerungen können auch manipuliert werden, zum Beispiel von Psychologen oder von Polizisten bei einer Zeugenbefragung. Nur wenn man die Funktionsweise des Gedächtnisses versteht, lassen sich solche falschen Erinnerungen erkennen oder verhindern – ein wichtiger Punkt, den Gerichte berücksichtigen müssen, um gerechte Urteile auf der Basis von Zeugenaussagen zu fällen.

Vergessen
Um Platz für neue Informationen zu schaffen, ist es notwendig, vieles auch wieder zu vergessen. Doch wie ergeht es Menschen, die sich an wesentliche Teile ihres Lebens nicht mehr erinnern können? Eine Patientin, der wegen einer Temporallappenepilepsie ein Hippocampus entfernt wurde, und ein junger Mann mit retrograder Amnesie berichten den Autorinnen, was dieser Verlust für ihre Identität bedeutet.

Besondere Gedächtnisleistungen
Das Gedächtnis ist zu fantastischen Leistungen fähig. Dazu interviewen die Østbys nicht nur Schachgroßmeister, Gedächtniskünstler und eine resolute Londoner Taxifahrerin, die ihren Stadtplan in- und auswendig kennt – ein Job mit permanentem Gedächtnistraining. Sie wiederholen auch ein bedeutsames Experiment der Gedächtnisforschung. Dazu schicken sie Taucher in die Gewässer des Oslofjords, mit der Aufgabe, sich unter Wasser und an Land möglichst viele vorgegebene Wörter zu merken. Während sie gewissermaßen nach Seepferdchen tauchen, stellen die Taucher unter Beweis, wie eng unsere Erinnerungen an den Ort oder Kontext eines Geschehens gebunden sind.

Zukunftsvisionen
Nicht nur die Vergangenheit, auch die Zukunft ist ein Bestandteil unseres Gedächtnisses! Zukunftsvisionen entstehen auf die gleiche Art wie Erinnerungen – durch unsere Vorstellungskraft. Mit dem Entwicklungspsychologen Thomas Suddendorf führten die Autorinnen ein spannendes Gespräch über die evolutionären Vorteile unserer Hirnentwicklung und unsere Fähigkeit, zu träumen und Pläne für die Zukunft zu entwerfen.

Fazit
In ihrem Buch Nach Seepferdchen tauchen haben Hilde und Ylva Østby viele interessante Bruchstücke zur Funktionsweise des Gedächtnisses versammelt. Sie erklären die wichtigsten Theorien der Gedächtnisforschung, sprechen mit Hirnforschern und wiederholen sogar einige bedeutende Experimente. So wird deutlich, wie wichtig der Hippocampus, das Seepferdchen, als Koordinator zwischen den verschiedenen Hirnarealen ist. Unsere Erinnerungen sind ein wichtiger Teil unserer Identität, selbst wenn sie unzuverlässig und wandlungsfähig sind.
Streckenweise ist das Buch leichtfüßig erzählt, amüsant und voller spannender Geschichten. Doch manchmal gingen die maritimen Metaphern mit den Autorinnen durch. Einige Aspekte wurden dank der Fülle von Material sprunghaft aneinander gefügt. Umständliche Satzkonstruktionen störten öfter den Lesefluss. Insgesamt ist das Buch ein Gewinn, wegen der eindringlichen persönlichen Geschichten und vieler neuer Erkenntnisse.

Hilde und Ylva Østby: Nach Seepferdchen tauchen – Ein Buch über das Gedächtnis
Aus dem Norwegischen von Nina Hoyer
Berlin Verlag 2018, 320 Seiten
ISBN 978-3-8270-1374-3 mit Leseprobe

3 Kommentare

  1. Pingback:Vorfreuden für Leseratten III Herbst 2018 | Elementares Lesen

  2. Irgendwo habe ich in meinem Arsenal an Büchern zuhause einen Band, der in etwa so betitelt ist: Das unperfekte Gehirn.
    Unser Gehirn ist ja in der Evolution sukzessive erweitert worden, ohne daß alte Teile “ausgemustert” wurden.
    Über das Gedächtnis wurde schon viel geschrieben. Was mich am Gehirn besonders interessiert und wo es noch immens Erklärungsbedarf gibt, ist die Konstitution eines “Ichs” und es “Bewusstseins unserer selbst”. Da hatte ich ja zuletzt Dehaene gelesen, der einen ganz naturalistischen Ansatz hat und so etwas wie Qualia zu leugnen scheint. Etwas, was eigentlich nicht befriedigen kann.
    Wie gesagt: Diese Fragen würden mich sehr interessieren, aber dazu scheint es nichts Neues auf dem Markt zu geben.

    • Etwas Neues ist mir dazu auch nicht aufgefallen. Vor Jahren habe ich mal das Buch “Selbst ist der Mensch” von Antonio Damasio angelesen. Das passt ganz gut zu deinem Wunschthema, aber mir haben der Stil und das Vokabular des Autors nicht gefallen. Wenn ich etwas Neues entdecke, denke ich an dich!

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