Josef Reichholf: Schmetterlinge

Cover Reichholf Schmetterlinge

© Hanser

Das Thema Artenschwund lässt uns nicht mehr los. Von einem massiven Schwund betroffen sind auch viele Insekten, darunter die Schmetterlinge. Der renommierte Evolutionsbiologe und Sachbuchautor Josef H. Reichholf widmet sich dem Thema ausführlich in seinem Buch Schmetterlinge – Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet. Ausgehend von eigenen Beobachtungen und Studien beklagt Reichholf einen Verlust von 80 Prozent der Bestände und prangert die industrialisierte Landwirtschaft als Hauptursache der Misere an.

50 Jahre Schmetterlingsforschung aus Leidenschaft
Im ersten Teil seines Buches bringt Josef Reichholf uns den Reichtum der Schmetterlingswelt anhand ausgewählter Arten und Familien nahe. Schon als Jugendlicher begann er im niederbayerischen Inntal mit dem Beobachten von Schmetterlingen und machte sich Notizen zu Arten, die ihm besonders auffielen. Damals existierten sie noch in großer Zahl. Später studierte der Naturliebhaber dann Zoologie an der Universität München, wo er über Wasserschmetterlinge promovierte. Doch schon während seiner anschließenden Forschungstätigkeit bemerkte er einen starken Rückgang der Schmetterlinge, ein Thema, das er im Laufe seiner Karriere weiterverfolgte.

Faszinierend lesen sich die vielen Beobachtungen und Anekdoten über Schmetterlinge. Reichholf erläutert das Fangen von Nachtfaltern mit UV-Lichtfallen; er erzählt von Schillerfaltern, die nach dem Saugen an einem Erdkrötenkadaver von dessen Giften high waren; und von Tagpfauenaugen, deren Raupen sich von Brennnesseln ernähren. Er schwelgt in Beobachtungen verschiedener Wanderfalter wie dem Kleinen Fuchs und dem Distelfalter. Auch über das Thema seiner Doktorarbeit hat er Spannendes zu berichten. Der Seerosenzünsler verbringt einen Teil seines Lebenszyklus unter Wasser, geschützt durch die Wachse seiner Wirtspflanze. Besonders begeistert war ich von Reichholfs Ausführungen über den Lebenszyklus der Gespinstmotten, über die Tarntechniken der Zitronenfalter, und über Schmetterlinge, die sich mit Giften vor Fressfeinden schützen. Die Raupen der Kohlweißlinge und Blutströpfchen ernähren sich nämlich von Pflanzen, die giftige Senfölglykoside enthalten.

Ein wichtiger Aspekt für den Erfolg der Schmetterlinge sind die jeweiligen Witterungsbedingungen: die Temperaturentwicklung im Jahresverlauf, Hitzeperioden oder nasskalte Sommer oder auch der Ausfall der Nahrungspflanzen der Raupen! In besonders heißen Ausnahmejahren, wie 2003 oder 2009, kann es zu Massenvermehrungen kommen, die sich aber nicht positiv auf den Gesamtbestand auswirken.

Bittere Anklage gegen die industrialisierte Landwirtschaft
Der zweite Teil des Buches widmet sich der Ursachenforschung zum Schmetterlingsschwund in einer Größenordnung von 80 Prozent. Dazu betrachtet Reichholf verschiedene Habitate wie Ortsränder und Fluren, die Auwälder in seiner südbayerischen Heimat und die Großstadt München. Alle Befunde werden mit Grafiken veranschaulicht, die auf seiner Forschung für die Zoologische Staatssammlung München basieren. Sie decken sich mit den dramatischen Ergebnissen der Krefelder Insekten-Studie, die 2017 publiziert wurde und einen Verlust von mehr als 75 Prozent der Insekten-Biomasse ergab.

Die Ursachen für den massiven Schmetterlingsschwund in den letzten fünfzig Jahren liegen für Reichholf klar in der industrialisierten Landwirtschaft. Die Probleme begannen mit der Flurbereinigung in der Nachkriegszeit. Dadurch wurden wertvolle Kleinstrukturen, Hecken, Streuobstwiesen und Kleingewässer zerstört – Lebensraum für Insekten und Kleintiere, der unwiderruflich verloren ging. Inzwischen dominieren Monokulturen von Mais und Raps, die das Land unwirtlich machen. Vor allem die Überdüngung der Äcker ist dem Ökologen Reichholf ein Dorn im Auge. Die Nährstoffe verbreiten sich über die Luft überall hin und gelangen ins Grundwasser. Auf den Äckern führt sie zu dichterer Vegetation, die das bodennahe Mikroklima verändert: es kommt dort zu einer Abkühlung und mehr Feuchtigkeit – die Chancen für Schmetterlingslarven und Raupen verschlechtern sich.

Besonders stark sank die Zahl der Schmetterlings-Arten auf Wiesen und an Ortsrändern, wo die Agrarflächen beginnen. Der Autor vergleicht auch die Lebensräume Stadt und Land. Erstaunlich positiv schneidet die Großstadt München ab. Städte bilden mittlerweile ein Rückzugsgebiet für viele Insektenarten, wie Reichholf erläutert. Mit zwei bis drei Grad Unterschied sind sie wärmer als das offene Land. Außerdem bieten sie strukturreiche Lebensräume, anders als die Monotonie auf dem Land.

Der Klimawandel scheint für die Schmetterlinge eher ein Vorteil zu sein, meint Reichholf, da sie bei mehr Wärme bessere Lebensbedingungen finden. Der Klimawandel diene eher als willkommener Buhmann, um die wahren Ursachen des Insektenschwunds zu verschleiern. Auch kommunale Pflegemaßnahmen, das falsche Mähen von Straßenrändern, Blühstreifen und Forststraßen, seien ein großes Problem. Geradezu sarkastisch vermutet Reichholf, dass nur deshalb so viel gemäht wird, weil sich die teuer angeschafften Maschinen wohl rechnen müssen – für ihn eine “staatlich und kommunal sanktionierte Naturvernichtung”.

Konsequenzen des Schmetterlingsschwunds
Die Folge des dramatischen Schwunds von Schmetterlingen und anderen Insekten ist ein zunehmender Nahrungsmangel für Feld- und Wiesenvögel, die daher vom Aussterben bedroht sind. Mit den Schmetterlingen verlieren wir Lebewesen, an denen wir uns erfreuen können und die uns mit ihrer Schönheit bezaubern. Ihr Wert lässt sich kaum beziffern. Da sollten wir uns nicht von reinem Nützlichkeitsdenken leiten lassen, meint der Autor.

Um die Missstände zu beseitigen, fordert er eine bessere Agrarpolitik, die Subventionen dort einsetzt, wo sie der Allgemeinheit nützen, statt nur ein paar Großbetrieben, das heißt zum Beispiel zur Erzeugung von Biogemüse statt den widersinnigen Biokraftstoffen. Auch eine Entrümpelung der Naturschutz-Gesetze sei notwendig, da sie den Kontakt der Bevölkerung zur Natur mit absurden Vorschriften erschwere. Wenn es wieder mehr Wiesen und Wildwuchs gäbe, würde das den Schmetterlingen helfen.

Was für ein beeindruckender Wissensfundus offenbart sich im Buch Schmetterlinge, das uns viele neue Zusammenhänge erschließt! Es ist ein leidenschaftliches Buch voller bitterer Befunde zum Insektensterben, aber auch mit schönen Anekdoten und faszinierenden Informationen aus einem langen Forscherleben. Josef Reichholf teilt seine Hingabe an die Schönheit der Schmetterlinge – Schönheit, die inspiriert und die nicht verloren gehen darf!

Josef Reichholf: Schmetterlinge – Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet
Hanser Verlag 2018, 288 Seiten mit zahlreichen Fotos und Grafiken
ISBN 978-3-446-26033-7
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3 Kommentare

  1. Schmerzlich aktuell — die letzten Tage haben uns ja wahrhaft apokalyptische Berichte zum Insektensterben geliefert. Das Aberwitzige: Die Politik weiß das alles längst und legt die Hände in den Schoß. Noch aberwitziger: Wir haben schon vor vierzig Jahren in der Grundschule gewusst, dass Flurbereinigung und Industrialisierung der Landwirtschaft Insekten und Vögel umbringen. Aber das Kind muss immer erst in den Brunnen gefallen sein. Danke für den Tipp, wir werden solche Bücher noch sehr nötig haben.

    • Das sehe ich auch so! Es ist schon zynisch, dass unsere derzeitige Agrarministerin noch mehr Forschung verlangt, nur um gaaaanz sicher zu sein, dass die Landwirtschaft was mit der Misere zu tun hat. Das Volksbegehren in Bayern hat ja gezeigt, dass die Bevölkerung schon viel weiter ist.
      Kürzlich sah ich eine Dokumentation über die Reise des Monarchfalters von Kanada nach Mexiko, basierend auf einem Buch von Sue Halpern. Ein langer Flug über verödete Landschaften, und am Ende zerstören illegal abgeholzte Wälder den Überwinterungsort in der Sierra Nevada.
      Leider ist es überall so schlimm! Ich hoffe, dass die Politik endlich handelt.

      • Ich bin da ehrlich gesagt sehr pessimistisch. Das Volksbegehren ist ein gutes Zeichen, aber wem machen wir was vor? Das ist Bayern! Die CSU wird es wie immer schaffen, das im Keller irgendeines Gerichts zu ersticken. Und der Flächenfraß wird weitergehen, bis sie den letzten Strauch in einer Rapssteppe untergeacktert und die letzte Wiese unter einem Autobahnzubringer zugeteert haben. Das ist in Bayern (und Deutschland) nicht anders als in Mexiko, nur dass man das in Deutschland als Fortschritt verkauft, und in Mexiko als das Verbrechen erkennt, das es ist.

        Früher hieß es, die Menschheit werde sich im Atomkrieg zerstören, und in der nuklearen Wüste blieben nur die Kakerlaken übrig. Heute sieht es so aus, als würden erst die Kakerlaken und alle anderen Insekten verschwinden, und übrig bleiben dann wir in unserer selbstgemachten Wüste. Aber nicht lange. This is the way the world ends. Not with a bang but a whimper.

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