John Higgs: Alles ist relativ und anything goes

Abseits der ausgetretenen Pfade

Insel

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Eine Zeit der rasanten Veränderungen, des radikal Neuen und das Ende vieler Gewissheiten – dies und mehr war das 20. Jahrhundert. Die wichtigsten Entwicklungen und einige Protagonisten jener Zeit stellt der Journalist und Buchautor John Higgs in seinem Buch Alles ist relativ und anything goes vor (der Originaltitel lautet Stranger Than We Can Imagine). Er konzentriert sich vor allem auf die Wissenschaft, die Kunst, die Literatur und die Psychologie, denn er sucht nach dem Unkonventionellen abseits der ausgetretenen Pfade der politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse.
In seinem Buch legt der Brite seine originelle Sichtweise über das letzte Jahrhundert dar und verblüfft durch interessante Querverbindungen zwischen den einzelnen Bereichen.

Relativität und das Jahrhundert des Individuums

Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es laut Higgs keinen Omphalos mehr. Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet Mittelpunkt der Welt oder auch Nabel des Geschehens – ein Ort, eine Sichtweise oder auch eine Person, die Halt und Orientierung bietet. Doch die gewohnte Perspektive ging auf vielen Ebenen verloren. Das Universum erwies sich als wesentlich größer als erwartet. Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie brachte physikalische Selbstverständlichkeiten ins Wanken, denn Raum und Zeit sind nicht, was sie zu sein scheinen. Und die Quantenphysik sorgte für weitere Verwirrung. Neue Kunstrichtungen wie der Kubismus und der Surrealismus provozierten und veränderten die Sehgewohnheiten des Publikums. James Joyce machte mit seinem Roman Ulysses die Wiedergabe eines Bewusstseinsstroms zur Literatur. Sigmund Freud rückte die menschliche Psyche in den Vordergrund und entdeckte in den Träumen seiner Patienten das Unbewusste. Neue Techniken ermöglichten grausamere Kriege mit mehr Opfern als je zuvor. In den westlichen Gesellschaften endete die Zeit der Kaiser und leitete den Siegeszug der Demokratie als Staatsform ein. Das 20. Jahrhundert entwickelte sich zum Jahrhundert des Individualismus, in dem jedes Individuum seinen eigenen Mittelpunkt bildete. So lautet Higgs´ Diagnose.

Eigenwillige Protagonisten

Um seinen Befund zu untermauern, hat sich der Autor interessante Persönlichkeiten herausgepickt, die ihren Beitrag zu den gravierenden Veränderungen jener Epoche geleistet haben. Wir treffen unter anderem auf den Okkultisten Alistair Crowley als Vertreter des freien Willens, den Raketenforscher Wernher von Braun, der seinen Traum von der Raumfahrt erst unter Hitler und später für die Amerikaner vorantrieb oder die Paläobotanikerin Marie Stopes als sexuelle Aufklärerin und Kämpferin für die Geburtenkontrolle.

Ungewöhnliche Erklärungen

John Higgs findet ungewöhnliche Erläuterungen für die kompliziertesten Dinge. Die Postmoderne erklärt er mit dem Computerspiel Super Mario, die Quantenmechanik mit einem Kampf zwischen Wladimir Putin und einem Känguru – darauf muss man erstmal kommen! Zum Staunen und Schmunzeln! Higgs zieht auch schwindelerregende Verbindungen vom sechsten Artensterben über das Bevölkerungswachstum zu den mächtigen Kapitalgesellschaften, die alles dem Profit unterordnen und ignorieren, dass ein grenzenloses Wachstum unmöglich ist.

Alles in allem:

Seinem Anspruch, abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln und in den dunklen Wäldern nach Schätzen zu suchen, ist John Higgs gerecht geworden. So werden Zusammenhänge sichtbar, die in einer konventionellen Darstellung der Geschichte undenkbar wären und vielleicht auch zum Widerspruch reizen. Sein Buch Alles ist relativ und anything goes ist ein faszinierender Trip durch das 20. Jahrhundert, von trockenem Humor durchtränkt und aufschlussreich! Es wird abgerundet durch einen Ausblick auf das 21. Jahrhundert als Zeitalter des weltumspannenden Netzwerks.

Eine lesenswerte Rezension findet sich bei Christoph, dem Buchbuben.

John Higgs: Alles ist relativ und anything goes – Eine Reise durch das unglaublich seltsame und ziemlich wahnsinnige 20. Jahrhundert
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
Insel Verlag 2016, 379 Seiten
ISBN 978-3-458-17663-3 Hardcover
ISBN 978-3-518-46839-5 Taschenbuch (mit neuem Titel: Einstein, Freud und Sgt. Pepper)
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5 Kommentare

  1. Pingback:Vorfreuden für Leseratten II Frühjahr 2016 – Elementares Lesen

  2. Das klingt ja wieder sehr verlockend, zumal ich eine Schwäche für skurrile Assoziationen habe :-) Lieben Gruß, Peggy

  3. Higgs liegt bei mir noch viertel angelesen da. Deine Rezi ermuntert zu einem weiteren Angriff.

    • Das freut mich! Higgs hat einen so einmaligen Zugang zu den verschiedenen Themengebieten, dass ich bei jedem Kapitel aufs Neue gespannt war, wie er es angehen würde.

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