John Lewis-Stempel: Mein Jahr als Jäger und Sammler

© Dumont

Eines Tages fasst der Naturschriftsteller und Landwirt John Lewis-Stempel einen radikalen Entschluss: nur von den Wildpflanzen und Tieren auf seinem Grund und Boden will er sich ernähren. Dieses Experiment beschreibt er in seinem Buch Mein Jahr als Jäger und Sammler. Von nun an stehen Bärenklaupüree und Eingemachte Wildente, Hagebuttensuppe und Geschmortes Eichhörnchen, und vor allem Kaninchen in tausend Varianten auf seinem Speiseplan.

Trelandon heißt das neu erworbene, sechzehn Hektar große Grundstück in Herefordshire, das Lewis-Stempel im Jahr 2009 mit seiner Familie bezogen hat. In seinem wunderbaren Buch Ein Stück Land, das vor Mein Jahr als Jäger und Sammler in deutsch erschienen ist, haben wir es bereits kennengelernt. Die Renovierung der alten, verfallenen Gemäuer war nervenaufreibend, kräftezehrend und ging auch finanziell an die Substanz. Und so entsteht bei Lewis-Stempel die Idee, ein Jahr lang spartanisch zu leben und nur mit dem auszukommen, was in der Natur wächst und lebt. Dazu muss der Autor altes Wissen über nutzbare Wildpflanzen ausgraben, Jagdtechniken erlernen und sich über Zubereitungsformen informieren. Er versucht seine Labradorhündin Edith zum Jagdhund abzurichten und seine beiden Kinder zum Beerensammeln einzuspannen – mit wechselndem Erfolg.

Das Experiment beginnt im Herbst, zu einer Zeit, als die Auswahl an essbaren Pflanzen und Tieren noch recht üppig ist. Doch im Winter wird das Wetter zum Feind und die Nahrungssuche komplizierter. Lewis-Stempel verliert innerhalb kürzester Zeit viel Gewicht und leidet an Mangelerscheinungen. Schon bald kreisen seine Gedanken nur noch um die Nahrungssuche. Immer mit dem Gewehr im Anschlag lauert er auf Beute, versucht das Angeln zu erlernen und Vorräte anzulegen. Auf die harte Tour erfährt er, wie aufwändig es ist, sich alle Mahlzeiten selbst zu organisieren, statt sie bequem im Supermarkt einzukaufen. Trotz vieler Fehlschläge gibt der beherzte Engländer seinen Plan nicht auf. Er lässt sich intensiv auf die Natur ein und verliert auch nicht seinen Humor, der in diesem Bericht immer wieder durchschimmert.

Man erfährt eine Menge über die Fülle wilder Nahrungsmittel, die früher zum Speiseplan der Bauern zählten: Welche Pilze sind genießbar? Was kann man alles aus Schlehen zaubern? Wie produziert man Kaffee aus den Wurzeln des Löwenzahns? Worin steckt genug Fett? Wie lange muss der Samen des Weißen Gänsefußes trocknen, um daraus Mehl zu machen? Vieles hat der Autor von seinen Eltern und Großeltern gelernt, die wie er Landwirtschaft betrieben. Doch er konsultiert auch alte Bücher aus der Dorfbibliothek, Kochbücher und Überlebenshandbücher. Er lernt die Dinge zu schätzen, von denen unsere Vorfahren sich ernährten, und wendet ihr Wissen mit Spaß an kreativen Abwandlungen an.

Neben den poetischen Beschreibungen der Natur enthält das Buch viele interessante Rezepte, darunter Verlockendes wie die Suppe aus Vogelmiere und das Haselnuss-Kotelett aus Nüssen und Erdkastanien-Schnitzel, aber auch gewöhnungsbedürftige Gerichte wie die Geschmorte Saatkrähe, die ähnlich wie Taubenfleisch schmecken soll und früher die arme Landbevölkerung ernährte. Nur Raupen und Schnecken kommen dem Autor nicht auf den Tisch, das kostet zu viel Überwindung.

Faszinierend, wie sich im Laufe der Zeit die Wahrnehmung schärft und der Respekt vor den Geschenken der Natur wächst. Das Töten von Tieren wird für Lewis-Stempel nie selbstverständlich, sondern bleibt Mittel zum Zweck. Er bemüht sich, nur so viel zu entnehmen, wie die Natur reproduzieren kann. All der Plackerei begegnet er mit Beharrungsvermögen und Selbstironie, stellt aber auch voller Stolz fest, dass der Körper sich an dieses harte Leben gewöhnt.

Als ich mich der Natur ergab – indem ich ihr zutraute, mich zu versorgen -, entdeckte ich, dass der Rhythmus des wilden Lebens eine Antriebskraft ist, die mich von einem Tag zum nächsten, von einer Jahreszeit zur nächsten bewegt.

Diese Lebensweise bringt ihn näher zu sich selbst und zum Leben seiner Vorfahren. Am Ende der Lektüre staune ich über die Fülle verwertbarer Schätze und habe Lust, nach seinen Rezepten Brennnesselbier zu brauen oder Gänsefuß-Pfannkuchen zu backen. Das Buch Mein Jahr als Jäger und Sammler bietet einen starken Anreiz, den Kreisläufen der Natur mehr Aufmerksamkeit zu schenken und mit den Jahreszeiten zu leben.

Nominiert als Wissensbuch des Jahres 2019 in der Kategorie Überraschung.

John Lewis-Stempel: Mein Jahr als Jäger und Sammler – Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben
Aus dem Englischen von Sofia Blind
Dumont Verlag 2019, 352 Seiten
ISBN 978-3-8321-8385-1
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2 Kommentare

  1. Jemand, der dir gefallen könnte, ist Roger Deakin. Ein englischer Umweltschützer und Exzentriker, Mitgründer von “Friends of the Earth”, der in einer Hütte in Suffolk gelebt hat und sein Leben in den “Notes from Walnut Tree Farm” beschrieben hat. Sein bekanntestes Buch ist “Waterlog”, eine “Schwimmwanderung” durch Flüsse und Bäche in UK. Die Bücher sind schon was älter, die Notes sind posthum 2008 erschienen, “Waterlog” 1999 (in deutscher Übersetzung “Logbuch eines Schwimmers”, 2015), aber wunderbar und mit einem ganz eigenen Rhythmus.

    Auch interessant ist “Homesick” von Catrina Davies: https://www.theguardian.com/books/2019/jul/06/homesick-catrina-davies-review — da kommt das Soziale stärker zum tragen. Leider nicht übersetzt, ist aber auch grade erst erschienen.

    Beides Bücher/Autoren, wie man sie sich in Deutschland wünschen würde. Keine Zeigefinger-Ökologen, sondern in der englischen Tradition der Naturbeobachter.

    Liebe Grüße!

    • Vielen Dank für deine wunderbaren Tipps! Von Roger Deakin wollte ich schon immer etwas lesen. Sein Buch „Wilde Wälder“ liegt hier schon bereit, wegen meines Faibles für Bäume. Kannst du das auch empfehlen?
      Das Buch „Homesick“ behalte ich im Hinterkopf. Das erinnert mich an das Buch Hütten von Petra Ahne, einer Mischung aus Kulturgeschichte und ihren persönlichen Erlebnissen. Das wäre bestimmt auch was für dich!
      Liebe Grüße :)

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