John Lewis-Stempel: Ein Stück Land

Cover Lewis-Stempel Land

© Dumont

Schon als Kind war John Lewis-Stempel von der Flora und Fauna seiner englischen Heimat besessen. Er streunte mit dem Fernglas durch die Landschaft, kletterte auf hohe Bäume, um in Vogelnester zu spähen und verschlang Bücher über die Natur. Heute ist er Kolumnist und schriftstellernder Landwirt im selben Landstrich, den seine Familie seit Jahrhunderten bewohnt: Herefordshire im Westen Englands, nahe der Grenze zu Wales. Dort lebt er mit seiner Familie und hält Pferde, Schafe, Kühe und Hühner. Seine Arbeit lässt ihm offenbar genug Zeit für seine Leidenschaft, die Natur zu beobachten – und darüber zu schreiben. Sein Buch Ein Stück Land – Mein Leben mit Pflanzen und Tieren ist eine Art literarisches Tagebuch über ein Jahr Landleben.

Im Zentrum seiner Naturbeobachtungen steht das Geschehen auf einer Wiese, wie schon der Originaltitel verrät: Meadowland: the private life of an English field. Die Untere Wiese ist einige Hektar groß, begrenzt von uralten Hecken, Weiden und dem Flüsschen Escley. Monat für Monat protokolliert der Autor, was ihm bemerkenswert scheint. Stilistisch ist John Lewis-Stempel inspiriert von der angelsächsischen Tradition des Nature Writing und etlichen Naturdichtern Englands, die er häufig zitiert.

Bis Februar weiden Schafe oder Kühe auf der nackten Erde. Doch schon bald wachsen die ersten Gräser – die Wiese verwandelt sich in ein Wildblumenparadies. Wenn im Sommer die Zeit für die Heumahd kommt, wird aus den Pflanzen Futter für das Nutzvieh gemacht. Im Herbst dürfen die Tiere wieder auf die Wiese und verwandeln sie mit Unterstützung des Regens in eine Morastlandschaft. Während all dieser Zeit dokumentiert der Autor mit präzisem Blick die Entwicklungen auf seinem Stück Land: Zugvögel, die wiederkehren und ihre Nester beziehen, Füchse, die junge Kaninchen töten, Nachwuchs bei den Schafen, die Verwandlung der Raupen zu Schmetterlingen. Die harte Landarbeit wird natürlich nicht ausgespart, ist sie doch für Lewis-Stempel eine Gelegenheit, “Prosazeilen zu züchten und zu ernten”. Nachts legt sich der Autor gern auf die Lauer. Er hält Ausschau nach Schnepfen, schaut einer Dachsfamilie beim Herumtollen zu oder lauscht den schnarchenden Igeln – herrlich!

Das Buch Ein Stück Land ist voller interessanter Details über die Lebensweise der Wildtiere, über den Lebenszyklus der Pflanzen, die Entstehung von Tier- und Pflanzennamen und die Geschichten, die man sich erzählt. In seinen Aufzeichnungen gibt Lewis-Stempel Einblicke in die Geschichte dieses Landstrichs und die Veränderungen in der Landwirtschaft. Er versucht vieles auf die alte Art zu machen und im Einklang mit der Natur zu leben. Auch das Jagen gehört für ihn dazu.

Anfangs dachte ich, dass das Buch wenig Nährwert hat, doch bald erlag ich seinem Zauber! John Lewis-Stempel ist ein Landwirt mit Poeten-Herz, ein genauer Beobachter, der die Veränderungen im Jahresverlauf in ruhigem Ton festhält. Beim Lesen spürt man, dass er der Natur und seinen Tieren mit Leib und Seele ergeben ist. Das zeigt sich in seiner Freude, wenn bestimmte Tiere wieder auftauchen, in seinem Stolz, nachdem er seine gesamten Wiesen und Weiden von Hand gemäht hat und in seiner Trauer um eine Kuh: “Margot. Meine wunderbare, knurrige alte Kuh, ein wahres Wesen der Wiese.”

Beim Lesen denkt man: wow, was für eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten dort existieren! Doch der naturkundlich versierte Landwirt dokumentiert nicht nur, was er beobachtet. Er hält ebenso fest, welche Vogel- oder Insektenarten in diesem Jahr fehlen und welche häufigen Arten aus seiner Kindheit heute auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen. Die Lektüre ist ein Anlass, genauer hinzuschauen, was die Natur uns zu bieten hat.

Den Buchtipp verdanke ich übrigens Fräulein Julia.

John Lewis-Stempel: Ein Stück Land – Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Aus dem Englischen von Sofia Blind
Dumont Verlag 2017, 288 Seiten
ISBN 978-3-8321-9863-3
Leseprobe mit einer Karte vom Stück Land

12 Kommentare

  1. Was für ein schöner Zufall: Da habe ich doch tatsächlich schon reingelesen. Allerdings bin ich nicht sehr weit gekommen: Mag sein, weil der Einstieg recht langsam war, aber wohl eher, weil ich selbst gerade wenig Ruhe für die Art von Naturbetrachtung habe. Ich habe den Eindruck, es ist ein Buch, für das man viel Zeit und Muße mitbringen sollte — dann gibt es sicher viel zu entdecken. Ein jedes Buch hat seine Zeit…

    • Bei mir hat es auch ein bisschen gedauert, bis ich hineingefunden habe. Für mich wurde es interessant, als es um Tiere und Pflanzen ging, die ich selbst schon beobachtet habe. Da gibt es bei dir in Mexiko wohl weniger Parallelen ;-)

      • Naja, ich habe ja auch ein Weilchen in England gelebt, und von Deutschland unterscheidet sich das ja nicht so sehr. Und wenn ich ehrlich bin, schlägt mein Herz auch eher für mitteleuropäische Wälder und Fluren…

        • Das Buch ist zwar kein Ersatz für eine Europareise, aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, kannst du zumindest ein wenig in Erinnerungen an europäische Landschaften schwelgen.

  2. Solche Bücher mögen heutzutage mehr Wert denn je haben!

    In Fuerteventura fühlte sich eine französische Familie durch eine Wespe belästigt.
    Ich sagte ihnen, daß es ein wunderbares Tier sei (ich hatte es fotografiert) und in Deutschland ein riesiger Insektenschwund zu verzeichnen sei. Interessanterweise sagte der Franzose, daß es bei ihnen zuhause auch so sei.

    • Offenbar ist die EU nun endlich bereit, etwas gegen die Neonicotinoide zu tun, um das Insektensterben aufzuhalten. Unsere deutsche Regierung kann sich ja bisher nicht dazu aufraffen.

  3. Dieses Buch war mir schon im Programm aufgefallen. Vielen Dank, dass Du mich daran erinnerst. Ganz mein Thema. Ich finde es darüber hinaus auch spannend, wenn in fiktiven Romanen eine Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten erwähnt werden. Viele Grüße

    • Es gibt im Anhang sogar eine Liste aller erwähnten Arten. Als Roman würde ich das Buch allerdings nicht bezeichnen. Liebe Grüße

  4. Wie schön, dass dich das Buch inspiriert hat! Ich sehe schon, dass ich auf deinem Blog noch eine Menge ähnlicher Bücher finden werde, die wiederum mich inspirieren :)

  5. Meine eigene Erfahrung mit einem Wolf. Die Wolfsangst geht um! Im Jahr 2016 hat ein Wolf im Stadtgebiet von Ravensburg zwei meiner Kälber gerissen. Der Wolf hat auch eines meiner ausgewachsenen Rinder angegangen. Der hätte dieser lebenden Kuh am liebsten Fleischbrocken aus der Arschbacke gerissen. Er hat zudem eindeutige Spuren hinterlassen, so dass ich den Riss ein dreiviertel Jahr später eindeutig zuordnen konnte. Mir ist ein Gesamtschaden von 2.000 Euro entstanden, als Entschädigung hätte ich vielleicht 100 Euro erhalten. Dafür hätte ich aber mehrere hundert Euro Arbeitszeit aufbringen müssen. Mein Nachbar hat ihn damals im Wald beim Joggen beobachtet. Aufgrund der Vorfälle zeigten unsere Tiere bereits die typische Wolfsangst, die mein Jäger damals auch beim Wild beobachtet hat. Andernorts findet bereits ein „Wettrüsten“ statt. Die von den Wolfsbefürwortern anfangs empfohlene Zaunhöhe von 90 Zentimeter hält den Wolf schon längst nicht mehr ab, auch 120 Zentimeter überspringt ein hungriges Tier mühelos, man hat schon Sprünge über 2,00 m beobachtet. Die notwendigen Einzäunungen gleichen mehr und mehr Gefängnisanlagen. Wir Landwirte müssen entscheiden, ob wir unsere Tiere nicht doch besser wieder in die Ställe hereinholen. Doch der Verbraucher, und auch wir, wollen doch eigentlich die tierfreundliche Weidehaltung. 0 cheap viagra

  6. Dankeschön, Esther❤️

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