Trevor Cox: Das Buch der Klänge

Cox Buch der KlaengeKlänge umgeben uns permanent: das leise Brummen eines Computers, Vogelgezwitscher, Straßengeräusche, Gespräche und vieles mehr. Die Summe all dieser Klänge bildet unsere Klanglandschaft bzw. Soundscape. Das meiste davon nehmen wir nicht bewusst wahr, es sei denn, wir fühlen uns gestört. Wie entstehen und verändern sich Klänge? Wie reagieren Menschen darauf? Was wirkt beruhigend und was tötet den letzten Nerv? Trevor Cox, Professor für Technische Akustik, weiß die Antworten. Für sein Buch der Klänge hat er sich auf eine Reise zu den akustischen Wundern der Welt begeben. Diese Reise nimmt er zum Anlass, um uns spielerisch in die Welt der Akustik einzuführen.

Als Akustik-Ingenieur zählt es zu seinen Aufgaben, den Klang von Konzertsälen und Opernhäusern zu optimieren. Oft kommen sich nämlich der direkte Schall von den Musikern und der reflektierte Schall in die Quere und verhunzen die Raumakustik. Dabei spielen verschiedene Eigenschaften eine Rolle: die Bauweise und die Baumaterialien, die Anordnung und Zahl der Sitzmöbel, die Instrumente, selbst die Art der Musik, die gespielt wird. Manchmal trägt der Klang in einem großen Raum nicht weit genug. Cox sucht nach den Ursachen missglückter Akustik und behebt dann die Mängel. Denn für ein gelungenes Konzerterlebnis ist ein perfekter Klang für alle Zuhörer unabdingbar. In alten Kirchen und Kathedralen hat man sich früher mit Schalldeckeln über der Kanzel beholfen, um den Klang einer Predigt bis in die letzte Bank zu lenken. Kirchen haben eine ganz besondere, ehrfurchtgebietende Akustik, so dass selbst ein Flüstern weit gehört werden kann.

Kaum einer kann sich der Faszination eines Ortes entziehen, wo ein Echo die Laute zurückwirft oder ein Geräusch besonders lange nachhallt. Auf der Suche nach dem längsten Nachhall der Erde besuchte Cox nicht nur diverse Konzertsäle, Mausoleen und verlassene Wasserreservoirs. Er fand ihn zu seiner Überraschung in einem großen, alten Öltank tief unter der Erde Schottlands: fast zwei Minuten dauerte es, bis von einem Schuss nichts mehr zu hören und zu messen war. Das ist absolut ungewöhnlich!

Beim dritten Pistolenschuss nahm ich meine Kopfhörer ab, um den Klang bewusst wahrzunehmen. Auf das vertraute Knallen der Pistole folgte eine wahre Explosionswelle, die an mir vorbeiraste und von der hinteren Wand zurückprallte, bevor sie zurückkehrte und mich von allen Seiten in Widerhall hüllte. Sollte die Welt eines Tages mit einem apokalyptischen Donnerhall untergehen, dann wird sich das genauso anhören, mit einem Grollen, das lange anhält und nur allmählich verhallt. Ich wollte vor Erstaunen laut aufschreien, doch ich musste still sein, um die Aufnahme nicht zu ruinieren.

Die Ursache für diesen langen Nachhall liegt in den 45 cm dicken Betonwänden, deren Poren von altem Öl dicht verschlossen sind und dadurch kaum Schall absorbieren.

Cox spürte auch den Klangeigenschaften verschiedener Gesteine in neolithischen Höhlen nach, begab sich in die Mojave-Wüste auf der Suche nach singenden Dünen, untersuchte verschiedene Klangskulpturen und Klangkunstwerke, kletterte in die Kanalisation von London und in die Radarkuppeln auf dem Teufelsberg bei Berlin, wo noch eine alte Abhöranlage aus dem Kalten Krieg steht. Immer voller Wissbegier, wie die besonderen Klänge dieser Orte zustande kommen. In seinen Schilderungen gehen subjektive Eindrücke und die physikalische Deutung der Klangphänomene Hand in Hand.

Neben den richtigen Messgeräten hat Cox seine eigenen Methoden, um den Klang eines Ortes zu testen, zum Beispiel beim Besuch des Hügelgrabs Wayland`s Smithy in Oxfordshire:

Mich aber drängte es, die Akustik zu untersuchen. Ich lauschte auf meine Schritte und darauf, wie sich der Klang veränderte, während ich weiterkroch. Ich sprach laut mit mir selbst, um zu überprüfen, ob meine Stimme verzerrt wurde, und klatschte in die Hände, weil ich wissen wollte, ob es ein Echo gab. Ich fasste mir sogar ein Herz und sang ein paar Töne, wobei ich die Akustik der Grabkammer nutzte, um meinen sonst eher dünnen Bass zu verstärken. Und selbstverständlich ließ ich meine Luftballons platzen.

Aber nicht nur hier! Die Luftballons sind offenbar ein wichtiges Requisit für Akustikexperten, ebenso wie die schon erwähnten Schreckschusspistolen. Wenn Cox im Urlaub auf spannende Sound-Orte trifft, begnügt er sich allerdings damit, seine Familie durch Händeklatschen oder Rufe in Verlegenheit zu bringen.

Faszinierend war auch das Kapitel über Naturgeräusche, denn hier gibt es die erstaunlichsten Phänomene: die Kommunikation und Ortung der Fledermäuse im Ultraschallbereich, die überwältigende Unterwasserakustik oder der unglaubliche Lärm, den Ruderwanzen, Knallkrebse und quakende Frösche fabrizieren. Naturgeräusche werden von Menschen je nach Kontext sehr unterschiedlich empfunden, je nachdem, ob sie an bedrohliche Situationen erinnern oder an vertraute, beruhigende Erlebnisse. Selbst der Gesang von Vögeln wird nicht unbedingt als angenehm erlebt, zum Beispiel wenn wir uns an einem fremden Ort mit unbekannten Vogelstimmen befinden. Die Zusammenhänge sind noch nicht bis ins kleinste von der Neurowissenschaft erforscht. Aber es ist bezeichnend, dass Sound-Designer in Filmen die emotionale Wirkung von Geräuschen ausnutzen. Beim Einsatz von zirpenden Grillen können sie nicht irgendein Zirpen verwenden. Nein, es muss auch noch die richtige Geschwindigkeit haben, je nach dem, ob eine entspannte Lagerfeueratmosphäre oder das Gefühl drohender Gefahr erzeugt werden soll!

Auf der Suche nach der tiefsten Stille begab sich Cox in ein buddhistisches Kloster, in einen Floating-Tank und zu einer Aufführung des Stücks 4´33´´ von John Cage, einer “Komposition” ohne Ton. Doch die Suche ist laut Trevor Cox vergebens. Zum einen sind stille Orte ohne einen gewissen Lärmpegel heute schwer zu finden. Zum anderen: selbst wenn wir uns an einem sehr stillen Ort befinden, hören wir noch unsere eigenen Körpergeräusche, das Rauschen des Blutes und vor allem schwingende Moleküle in unserem Hörapparat. Doch Stille ist wichtig, um sich zu entspannen, sich weniger gestresst zu fühlen. Cox berichtet von Maßnahmen in lauten Städten, die zwar nicht den Lärmpegel senken können, aber durch den Einsatz von Naturgeräuschen, z.B. durch plätscherndes Wasser oder Vogelgesang, Ruhezonen schaffen.

Im Buch der Klänge lernen wir Erstaunliches über die Entstehung und Wirkung von Geräuschen. Cox gelingt es, die eigene Faszination durch lebendige Beschreibungen seiner Ausflüge zu den Klangwundern auf den Leser zu übertragen. Elegant führt er die nötigen Fachbegriffe ein, so dass auch technische Erläuterungen nachvollziehbar sind. Er sprach mit Sound-Designern, Archäoakustikern, Musikern, Biologen und Künstlern, um möglichst viele Facetten des Themas Klang zu ergründen.

Und so erfahren wir in diesem tollen Buch auch, warum Wasserfälle laut sind, wie der Weltraum klingt oder welches das lauteste von Menschen gehörte Naturgeräusch war. Die Orte mit ungewöhnlicher Akustik, die Trevor Cox vorstellt, dienen dazu zu verdeutlichen, wie Akustik normalerweise funktioniert und was das besondere an diesen Orten ist. Auf seiner Webseite Sonicwonders kann man diese und weitere Orte kennenlernen. Außerdem sind dort viele Klangbeispiele zu hören, die im Buch beschrieben wurden. Es lohnt sich, dort reinzuhören!

Dieses Buch macht Lust, sich selbst auf die Reise zu magischen Klangorten zu begeben und ähnliche Experimente durchzuführen. Außerdem lenkt es die Aufmerksamkeit auf die eigene Soundscape, die uns umgibt. Nehmen wir uns die Zeit, genauer hinzuhören. Denn aus Geräuschen kann man Kraft und Ruhe schöpfen. Wir sind fähig, störende Geräusche auszublenden und uns auf andere zu konzentrieren, die wir genießen. Die Welt der Klänge ist vielseitig und faszinierend!

Trevor Cox: Das Buch der Klänge – Eine Reise zu den akustischen Wundern der Welt
Aus dem Englischen von Jorunn Wissmann
ISBN 978-3-662-45054-3
Verlag Springer Spektrum 2015, 442 Seiten

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13 Kommentare

  1. Darüber freuen wir uns im Verlag natürlich wieder! Danke und beste Grüße aus Heidelberg

  2. Wunderbar, nicht immer der dominante visuelle Impuls, sondern auditorische Feinheiten. Ich freue mich auf die Details. LG

  3. Physik, Biologie und Psychologie…alles in einem Buch. Klingt so, als sollte ich das auch lesen :-) Danke für den Tipp!

  4. Hört sich so an, als könnte es mich ähnlich variantenreich über Akustik nachdenken lassen, wie “Die Nacht” von Paul Bogard über das Licht. Das sind so typische Themen, bei denen man sich erst mal nicht vorstellen kann, dass sie ein ganzes Buch füllen. Aber ich wurde schon mehr als einmal vom Gegenteil überzeugt, so dass Du mit diesen Tipp “ein leichtes Spiel” bei mir hast! Danke!
    (Und ja, ich plädiere auch dafür, dass Böx darüber schreibt… man kann ja nie genug haben! ;-))

    • Das ist das faszinierende an diesem Buch, dass es außer der Akustik so viele andere Fachgebiete berührt. Trevor Cox verbindet alles locker miteinander und ist auch noch ein toller Erzähler.
      Wie schön, dass du mich an “Die Nacht” von Bogard erinnerst. Das wollte ich unbedingt lesen! Es würde auch gut zum Jahr des Lichts passen.

  5. Liebe Petra,
    da hast Du wieder eine sehr “erhörenswerte” Buchbesprechung vollbracht. Diese ohrenöffnende Lektüre finde ich hochinteressant. Hab’ DANK für den informativen Hinweis.
    Gutenachtgruß von
    Ulrike

    • Freut mich, dass es dir gefällt, liebe Ulrike. Obwohl Klänge so selbstverständlich sind und das Hören einer unserer wichtigsten Sinne, gab es bisher noch nichts gescheites zu dem Thema. Da hat der Autor eine Lücke geschlossen.
      Gutenmorgengruß von Petra

  6. Toller Blog, tolle Bücher! Da werde ich noch öfter vorbeischauen!
    LG Sylli

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