Wort-Schätze: Feenbecher

Seltsame Namen, unbekannte Bedeutungen hinter vertrauten Wörtern, alte Begriffe, die kaum noch verwendet werden – immer wieder stoße ich in Büchern auf Wort-Schätze, über die ich gern mehr wüsste. Mein neuester Fund:

Feenbecher: existiert das Wort überhaupt in deutscher Sprache? Als ich es in einem Reisetagebuch des berühmten Neurologen Oliver Sacks las, – aus dem Englisch übersetzt, stand es dort in Anführungszeichen , da hatte ich sofort ein Bild vor Augen. Es passt perfekt zur Echten Becherflechte. Diese Flechte ist wie ein Kelch mit schlankem Stiel geformt groß genug für kleine Elementargeister des Waldes, um daraus zu trinken. Ich war mir sicher, dass ich schon mal von Feenbechern gehört hatte. Doch nach einem intensiven Suchmaschinen-Marathon bin ich ratlos: kein Texteintrag mit dieser Bedeutung. Treffer fand ich nur bei den Bildern, ohne jegliche Information zum Begriff. Also habe ich das Pferd von hinten aufgezäumt und nach der taxonomischen Bezeichnung gesucht. Sie lautet: Cladonia pyxidata. Pyxis bedeutet im Lateinischen Büchse, Dose oder Behälter. Im Englischen ist Feenbecher eine geläufige Bezeichnung für verschiedene Becherflechten. Sie werden pebbled pixie-cup oder pixie-cup lichen genannt. Vermutlich trägt die Flechte im Original des Buches von Oliver Sacks einen dieser beiden Namen. Die Fee = pixie ist also vermutlich vom lateinischen pyxidata oder pyxis abgeleitet. Wer weiß, ob und wie mein Wort-Schatz einen Weg in unsere Sprache gefunden haben.

 

Wie alle Flechten ist auch die Becherflechte eine Symbiose aus Pilzen und Algen. Sie ist eine anspruchslose Lebensform, die nicht zu den Pflanzen zählt, sondern zum Reich der Pilze (Fungi). Die Alge betreibt Fotosynthese und liefert dem Pilz Zucker und Stärke, während ihr Partner, der Pilz, sie mit Feuchtigkeit und Mineralstoffen versorgt. Früher wurden Becherflechten als Heilmittel gegen Fieber und Keuchhusten verwendet. Mir sind sie beim Wandern in den Alpen und beim Pilzesammeln im Wald begegnet. Sie wachsen um Baumstämme herum, auf Totholz, oder sie docken an Moos oder Steine an. In kupfergrün, schiefergrün oder Grautönen leuchten sie mir entgegen und ich bin immer wieder verzaubert von den anmutigen Formen! Dank ihres sehr langsamen Wachstums erreichen sie eine Größe von maximal zwei Zentimetern. Erst aus der Nähe wird ihre Schönheit sichtbar! Wenn es Feen gäbe, würden sie sicher gern aus diesen filigranen Bechern trinken.

Um mehr über die Geschichte und Bedeutung dieses Wort-Schatzes herauszufinden, hilft vielleicht der Blick in ein umfangreiches etymologisches Wörterbuch oder ein altes Buch über Flechten – das Internet bringt mich hier nicht weiter, und eine geeignete Bibliothek gibt es nicht in Reichweite. So konnte ich leider nicht feststellen, woher der Begriff Feenbecher stammt, ob er früher im Deutschen gebräuchlich war und warum er im Englischen verwendet wird. Aber das Recherchieren hat Spaß gemacht und mich um viele Informationen bereichert!

Fundort: Die feine New Yorker Farngesellschaft von Oliver Sacks

 

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2 Kommentare

  1. Ja, spannend zu lesen.
    Wenn ich nach Insektennamen suche, dann stelle ich fest, daß es in anderen Sprachen als das Deutsche durchaus Artikel in Wikipedia oder sonstwo zu dem Insekt geben kann. Die taxonomische Bezeichnung mag da hilfreich sein, überhaupt zu Artikeln auf Niederländisch, chinessich oder spanisch zu gelangen.

    Letzhin suche ich auch mit bing.com. Da kannst Du ein Bild eingeben und er listet Dir dann ähnliche des Netzes auf. Wie aber schon auch von Dir erwähnt, gibt es dann oft Fotos von Communities ohne nähere Bestimmung oder eben Seiten asiatischer Herkunft. Aber lohnen tut sich solch eine Suche schon.

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