Wort-Schätze: Cryptochrom

Cryptochrom: was für ein sperriges Wort – perfekt für meine kleine Rubrik Wort-Schätze! Es stammt aus dem Griechischen und vereint die Begriffe kryptós = verborgen und chróma = Farbe. Denn es geht darum, verborgene Farben zu sehen – oder genauer: die Magnetfeldlinien der Erde! Kürzlich las ich Anke Wildes Buch Unsichtbar und überall über das irdische Magnetfeld. Dort ist mir dieser Begriff zum zweiten Mal begegnet.

Schon lange ist man dem Magnetsinn von Tieren auf der Spur. Cryptochrom ist ein heißer Kandidat für diese Fähigkeit, schreibt Anke Wilde. Besonders gut erforscht ist der Magnetsinn bei Zugvögeln. Jahr für Jahr navigieren sie zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren. Tagsüber können sie sich am Sonnenstand orientieren, und in der Nacht an den Konstellationen der Sterne. Doch ist das schon alles? Wie finden sie ihren Weg bei schlechter Sicht? Durch die Wahrnehmung des Erdmagnetfelds. Forschende vermuten, dass das Protein Cryptochrom dies ermöglicht.

Meine erste Begegnung mit dem Wort Cryptochrom hatte ich in dem faszinierenden Buch Der Quantenbeat des Lebens. Im Kapitel “Der Monarch und das Quantenrotkehlchen” erzählen Jim Al-Khalili und Johnjoe McFadden, wie man herausfand, dass Vögel sich am Erdmagnetfeld orientieren – ein packendes Kapitel der jüngeren Wissenschaftsgeschichte! Den Beweis für den Magnetsinn der Vögel lieferte das Frankfurter Ornithologenpaar Roswitha und Wolfgang Wiltschko. In den 1960er und 70er Jahren erforschten sie das Zugverhalten von Rotkehlchen mithilfe einer selbst entwickelten Apparatur, die das Magnetfeld der Erde simulierte. Später gelang ihnen dieser Nachweis auch bei anderen Zugvögeln. Es stellte sich heraus, dass diese Vögel den Neigungswinkel der Magnetfeldlinien relativ zur Erdoberfläche erkennen können. So wissen sie, wohin die Reise geht. Weitere Forschungen ergaben einen Zusammenhang mit einem Fotorezeptor in ihrer Netzhaut: dem Cryptochrom.

Cryptochrom wurde auch bei Taufliegen und Schmetterlingen wie dem Monarchfalter nachgewiesen. Sogar Pflanzen enthalten Cryptochrom und können dadurch blaues Licht wahrnehmen. Das Protein steht im Zusammenhang mit dem Tag-Nacht-Rhythmus und beeinflusst ihr Wachstum.

Die Forschungen zum Magnetsinn von Tieren und Pflanzen und dem Anteil des Cryptochroms sind noch lange nicht beendet. Außerdem existieren noch andere Kandidaten für ihren inneren Kompass. Im Schnabel von Tauben fand man zum Beispiel magnetische Mineralien wie Magnetit. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ach, es ist spannend, sich dank eines seltsamen Wortes mit chemischen und physikalischen Vorgängen bei Tieren und Pflanzen auseinanderzusetzen, und das freiwillig! So etwas lösen gute Bücher aus! Während ich die Rückkehr der ersten Kraniche beobachte, denke ich an das geheimnisvolle Cryptochrom.

Fundorte: Der Quantenbeat des Lebens von Jim Al-Khalili und Johnjoe McFadden und Unsichtbar und überall von Anke Wilde

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3 Kommentare

  1. Da denke ich an das GAK Bremen zurück, mit den Büchern mit den Titeln eines einzelnen Buchstabens.
    Dieses Könnte dann “C” heissen oder C wie Cryptochrom.

    Zu den Sinnen der Tiere (oder Pflanzen), da ist sicher noch bei weitem nicht alles gesagt.

    • Stimmt, das ist ein spannendes Thema, zu dem ja auch eine Menge geforscht wird. Ich hab mal ein fantastisches Buch von Stefano Mancuso über die Intelligenz und Sinne der Pflanzen gelesen. Er hat zwar nicht den Begriff Cryptochrom verwendet, aber ich bin sicher, dass das in einem seiner Beispiele gemeint war.

  2. Pingback:Links am Sonntag, 29.03.2020 – Eigenerweg

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