Beziehungsgeflechte zwischen Pilzen, Kiefern und Menschen

Cover Lowenhaupt Tsing Pilz

© Matthes & Seitz

Alles dreht sich um den Matsutake, einen der teuersten Speisepilze der Welt. Für die amerikanische Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing ist der Matsutake ein Sinnbild für die Zerstörungen, die der Mensch in den Landschaften der Erde angerichtet hat. Denn dieser Pilz wächst am besten in kontaminierten, nährstoffarmen Regionen. Nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima soll der Matsutake das erste gewesen sein, was dort gedieh. In ihrem Buch Der Pilz am Ende der Welt – Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus erkundet Tsing die Beziehungsgeflechte des Matsutake und seine kulturelle Bedeutung. Sie folgt den globalisierten Handelswegen des Pilzes, spricht mit Menschen, die ihn ernten, mit Forstexperten und Matsutake-Forschern. Das Buch basiert auf ihren Feldstudien von 2004 bis 2011 als Teil eines internationalen Forschungsprojekts, der Matsutake Worlds Research Group.

In Japan gilt der Matsutake seit dem 8. Jahrhundert als Delikatesse und hochwertiges Geschenk. Im 20. Jahrhundert wurden jedoch viele Wälder Japans im Zuge der Modernisierung abgeholzt. Mit importierten Kiefern aus Amerika kamen Holzschädlinge und zerstörten die verbliebenen heimischen Wälder. Der edle Matsutake konnte nicht mehr gedeihen. Da dieser Pilz nicht kultivierbar ist, musste er aus anderen Ländern importiert werden.

Der Matsutake liebt sandige, mineralienreiche Böden. Er lebt in Symbiose mit verschiedenen Bäumen, vor allem der Rotkiefer, der Drehkiefer, Fichten und Eichen. Er erobert Böden, die durch intensive Holzwirtschaft ausgelaugt sind. Dank der starken Säuren, die der Matsutake absondert, bricht er Gesteine auf und ermöglicht mit den freigesetzten Nährstoffen neues Leben für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Anna Tsing bezeichnet die Pilze als “Weltenbauer, die für sich und andere Umwelten erschaffen”. Das Buch gibt Einblicke in die rücksichtslosen Forststrategien des 20. Jahrhunderts und die länderspezifischen Maßnahmen, um die Fehler wiedergutzumachen. In Japan versucht man, die alten Bauernwälder für den kostbaren Matsutake wiederzubeleben. Während die Finnen in Lappland einen aufgeräumten, blank gefegten Wald bevorzugen, dominiert in Oregons Wäldern Wildwuchs samt Totholz. In diesen Regionen konnte sich der Matsutake ausbreiten.

Anna Tsing schildert Begegnungen mit Pilz-Sammlern, die sie auf Touren durch die Wälder Oregons begleitete. Es sind vor allem Menschen aus Südostasien, deren Familien nach den Indochinakriegen aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Sie entstammen den Volksstämmen der Mien, der Hmong, der Lao und Khmer. Ihr Leben in den USA  ist prekär, ohne finanzielle Absicherung, ohne Zukunftsperspektive. In den Sammlercamps führen sie ein Leben ähnlich wie in den Dörfern ihrer Heimat und bewahren ihre kulturellen Eigenheiten. Sie genießen die Freiheit und Unabhängigkeit in den Wäldern, frei von der Enge der Städte und den Zwängen einer geregelten Arbeit. Einen guten Einblick gibt dieses Video über einen Sammler:

Das Sammeln von Pilzen setzt eine intime Kenntnis des Waldes voraus. Alle Sinne müssen wach sein, um den Matsutake im Verborgenen aufzuspüren. Anna Tsing arbeitet das Pilzfieber in wunderbaren Passagen heraus. Für den Handel sind Aufkäufer und Agenten aus anderen ethnischen Gruppen zuständig. Während das Sammeln einer “Trophäensuche” gleicht, ist das Sortieren der Pilze ein virtuoser “Tanz”, dem die Sammler gern zuschauen, nicht nur wegen der Gewinne, die sie damit erzielen. Über eine Kette von Mittelsleuten gelangen die Pilze schließlich nach Japan. Durch die “Magie der Übersetzung” wird dort aus einer Handelsware wieder etwas Besonderes, denn die Händler verkaufen nicht an irgendwen. Sie suchen für jede Charge den perfekten Kunden. Auch hier spielen Beziehungsgeflechte eine wichtige Rolle!

Anna Lowenhaupt Tsing zeigt in ihrem Buch Der Pilz am Ende der Welt eine industrialisierte Welt, die auf Fortschritt, Wachstum und Profit ausgerichtet ist – auf Kosten von Mensch und Umwelt. Die Sphäre um den Matsutake ist untypisch für unsere Gegenwart und doch passend, denn dieser Pilz wächst auf ruinierten Böden und trägt zur Regenerationsfähigkeit der Wälder bei. Wie können wir in den Ruinen des Kapitalismus überleben? Die Autorin liefert keine Antworten. Stattdessen erzählt sie Geschichten von Beziehungsgeflechten zwischen Matsutake, Kiefern und Menschen.

Das unkontrollierte Leben der Pilze ist ein Geschenk – und eine Orientierung -, wenn die Kontrolle, die wir über die Welt zu haben meinen, versagt.

Stilistisch ist das Buch zweigeteilt: Geschichten, die man wegen ihrer literarischen Qualität inhalieren möchte, stehen neben akademischen Abschnitten, gespickt mit soziologischem und ökonomischem Vokabular – insgesamt eine gelungene Mischung.

Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt – Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus
Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk Höfer
Matthes & Seitz Verlag 2018, 448 Seiten mit zahlreichen Fotos in Schwarz-Weiß
ISBN 978-3-95757-532-6
Leseprobe

4 Kommentare

  1. Faszinierendes Geflecht — man zöppelt an einem Pilzfädchen, und plötzlich tut sich dahinter eine ganze Welt auf. Und das zeigt auch die Empfindlichkeit des Geflechts: Man zöppelt ein bisschen fester, und die Welt dröselt sich auf. Ich werde mir die Leseprobe sofort besorgen und genauer reinschauen. Danke für den Tipp!

    • Ich muss gestehen, dass ich mir mehr Struktur, mehr Klarheit erhofft hatte. Aber die gibt es nicht, passt also zum Thema. Die Autorin hat die “Flickenhaftigkeit der Welt” in Sprache übertragen. Dafür gibt es viele Querverbindungen oder eben Beziehungsgeflechte, auch von Kapitel zu Kapitel. Bin gespannt, welchen Eindruck du von der Leseprobe hast!

  2. Das hört sich sehr spannend an.
    … denn dieser Pilz wächst auf ruinierten Böden …

    Solcherlei Geschichten liest man immer wieder. Irgendwo macht das Mut, denn das Lebendige kann bisweilen unmögliche Nischen nutzen.
    Leben wird nie zugrundegehen auf diesem Planeten, das ist gewiss!

    • Stimmt! Es gibt ja auch Pflanzen, die Schwermetalle zersetzen können und ähnliches. Ich habe in Fred Pearce´ Buch Die neuen Wilden einige Beispiele kennengelernt. Aber bei dem Ausmaß der globalen Umweltzerstörung kann ich mir nicht vorstellen, dass das ausreichen wird, um uns Menschen eine Zukunft zu ermöglichen.

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