Dave Goulson: Stumme Erde – Warum wir die Insekten retten müssen

Cover Dave Goulson Stumme Erde

© Hanser

Eine Zukunft ohne Bienen, Schmetterlinge, Käfer und Grashüpfer sähe düster aus. Denn Insekten bezaubern und inspirieren uns nicht nur. Sie sind auch notwendig zur Bestäubung von Pflanzen, als Nahrung vieler Tierarten und für viele andere Zwecke. Dave Goulson, Insektenexperte und Professor für Biologie an der University of Sussex, engagiert sich seit vielen Jahren für die Rettung der Sechsbeiner. Schon in den Büchern Und sie fliegt doch, Wenn der Nagekäfer zweimal klopft, Wildlife Gardening und Bienenweide und Hummelparadies hat er uns mit vielen faszinierenden Arten vertraut gemacht. Das neue Buch Stumme Erde ist die Quintessenz seiner Forschungen zum Leben der Insekten und dem gravierenden Insektenschwund.

Ursachen und Bekämpfung des Insektensterbens

Klar benennt Goulson die Faktoren, die zum Verschwinden der Insekten beitragen: vom Verlust der Lebensräume über den maßlosen Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln über die Lichtverschmutzung bis hin zu invasiven Arten, die heimische Insekten verdrängen. Ein Hauptfaktor ist die Erderwärmung, verbunden mit häufigeren Extremwettern und Naturkatastrophen. Nützliche Insekten werden in Zukunft verschwinden, während schädliche Arten wie die Gelbfiebermücke sich stärker ausbreiten. Schon jeder einzelne Faktor dezimiert die Bestände vieler Arten. In der Summe sind sie verheerend!

Der Stumme Frühling, den die Biologin Rachel Carson 1963 in ihrem bahnbrechenden Werk beklagte, ist nicht überwunden. Trotz des Verbots zahlreicher Pestizide und Insektizide hat sich die Situation sogar verschlimmert! Goulson verweist auf die Krefelder Studie von 2017, die das Verschwinden von etwa 75 Prozent der Insekten einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein rief. Weitere Studien weltweit haben diesen Befund inzwischen untermauert. Als Folge des Insektenschwunds sind zum Beispiel Vogelarten, die sich von Insekten ernährten, ausgestorben.

Obwohl ich schon einige Bücher des Autors – und daher auch seinen Standpunkt und viele seiner Argumente – kenne, hat sich die Lektüre für mich gelohnt. Besonders interessant finde ich Goulsons Berichte von eigenen Forschungen, konkrete Beispiele wie zum Schwund der Monarchfalter und Waldhummeln, und vor allem seinen Blick auf das große Ganze. Denn alles ist miteinander vernetzt. In einem bedrückenden Zukunfts-Szenario beschreibt der Biologie-Professor eine Welt, in der die Zivilisation kollabiert ist. Schädlinge konnten sich ungehindert ausbreiten und Tropenkrankheiten bedrohen Europa. Natürliche Bestäuber gibt es nicht mehr. Unsere Nutzpflanzen müssen wir daher von Hand bestäuben, wie es in China heute schon üblich ist.

Um so eine Zukunft zu verhindern, bedarf es Anstrengungen auf allen Ebenen: beim Individuum, in der Landwirtschaft und in der Politik, im Konsum und in der Umweltbildung. Goulson zeigt, mit welchen Mittel wir die Biodiversität fördern können, und unterbreitet eine ganze Liste von Vorschlägen, die in der Summe zur Rettung der Insekten beitragen können.

Umfassender Überblick zum Insektenschwund

Stumme Erde von Dave Goulson ist weniger polemisch und weniger humorvoll als z.B. Wildlife Gardening. Faktenreich und gut verständlich erklärt der Autor, wie schlimm die Lage ist, aber er weckt auch Hoffnung. Goulsons Faszination für die Insektenwelt wird immer wieder spürbar, auch in den kleinen Porträts seiner Lieblingsinsekten am Ende jedes Kapitels. Das lockert den ernsthaften Text auf.

Ein eindringlicher Appell an uns alle, im Interesse der Natur und der Menschheit etwas gegen den Insektenschwund zu unternehmen.

Dave Goulson: Stumme Erde – Warum wir die Insekten retten müssen
Aus dem Englischen von Sabine Hübner
Originaltitel: Silent Earth. Averting the Insect Apocalypse
Hanser Verlag 2022, 368 Seiten
ISBN 978-3-446-27267-5
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