Dave Goulson: Wildlife Gardening

Cover Goulson Wildlife Gardening

© Hanser

Wie können wir die Artenvielfalt erhöhen? Am besten, indem wir bei uns zuhause anfangen, meint der britische Biologe und Hummelexperte Dave Goulson. Nach Bestsellern wie Und sie fliegt doch, Wenn der Nagekäfer zweimal klopft und Die seltensten Bienen der Welt folgt nun mit Wildlife Gardening ein Buch, das sich der komplexen Lebensgemeinschaft in unseren Gärten widmet und zeigt, wie man mit Gärtnern die Welt retten kann.

Dave Goulson kann aus dem Vollen schöpfen. Sein Garten in East Sussex ist 8.000 Quadratmeter groß. Humorvoll und anektdotenreich erzählt er von seinen Erfahrungen bei der Umgestaltung des Anwesens in einen Naturgarten. Da läuft nicht alles nach Plan, doch Goulson ist experimentierfreudig und von Perfektionismus weit entfernt. Jedes Kapitel beginnt mit einem Rezept, in dem er Produkte aus eigenem Anbau verwendet, z.B. für Brombeermarmelade, Tagliatelle mit Judasohr-Pilzen (die wachsen auf totem Holunderholz), Maulbeer-Muffins – und für Cider. Goulson ist ein Apfelnarr, der in seinem Garten etwa 40 Bäume, vor allem alte Sorten, gepflanzt hat – ein Gegengewicht zur Verarmung von Apfelsorten in den Supermärkten, die er zutiefst bedauert.

Statt einem Wimbledon-Rasen, wie bei seinem Vater, entwickelte sich bei Goulson ein Wildblumenparadies mit heimischen Arten. Das schafft gute Bedingungen für fliegende und im Boden lebende Insekten, und für Tiere, die sich von ihnen ernähren. Nebenbei senkt es den Wasserverbrauch, da der beschattete Boden besser vor Austrocknung geschützt ist. In unseren Gärten tummeln sich auch Pflanzen und Tiere, die uns nicht willkommen sind. Doch muss man sie gleich ausmerzen? Der engagierte Wildlife-Gärtner verzichtet auf Pestizide, Insektizide und zahlreiche weitere Hilfsmittel, die seiner Meinung nach überflüssig sind. Schließlich gibt es natürliche Helfer: harmlose Ohrenkneifer, die sich auf Blattläuse stürzen, Fliegen und Bienen, die die Obstbäume bestäuben und Regenwürmer, die die Böden auflockern und recyceln. Mehr als 6.000 Arten von Regenwürmern gibt es und sie sind wichtiger als Bienen, erklärt der Autor! Ein Regenwurm kann pro Jahr 4,5 Kilogramm nährstoffreiche Ausscheidungen produzieren, und die sind gehaltvoller als jeder Dünger! Wer Schädlinge beseitigt, erwischt auch all diese nützlichen Lebewesen. Goulson erläutert auch, wie komplex das Leben in Ameisenkolonien ist, ihre Symbiosen mit Bläulingen und Blattläusen und ihre bewundernswerte Anpassungsfähigkeit. Ebenso wie Regenwürmer tragen Ameisen zur Gesundheit unserer Böden bei. Daher ist es besser, sie zu tolerieren, statt ihnen einen Giftcocktail zu verpassen.

Eine unterschätzte Gruppe sind auch die Nachtfalter. Sie sind wichtige Bestäuber und Nahrungsquelle vieler Vögel und Kleinsäuger. Mit nachts blühenden Pflanzen wie dem Waldgeißblatt oder der Nachtviole lässt sich dem Artenverlust bei den Faltern entgegensteuern. In Goulsons Garten zählte ein Schmetterlingsexperte in einer einzigen Nacht 864 Nachtfalter, verteilt auf 151 Arten – beneidenswert!

Wäre Dave Goulson Premierminister, scherzt er, dann gäbe es eine Teichpflicht für jeden Garten, mit einheimischen Arten bepflanzt. Denn Wasser ist ein wahrer Insektenmagnet und tut auch uns Menschen gut. Gartenteiche könnten einen Ersatz bilden zu all den pestizidverseuchten Gewässern und versiegelten Flächen. Schnell entsteht dort ein einzigartiges Ökosystem mit Libellen, Schwebfliegen, Kröten und weiteren Arten.

Natürlich lernt man in diesem Buch auch die Gegenwelt zum klimaneutralen und insektenfreundlichen Wildlife Gardening kennen. Mit Beispielen aus den USA holt Dave Goulson für meinen Geschmack etwas zu weit aus. Doch er beschreibt auch ausführlich die Fehlentwicklungen in Europa. Er beklagt den massiven Einsatz von Giften in der konventionellen Landwirtschaft und auf kommunalen Grünflächen, der oft nicht bedarfsgerecht, sondern prophylaktisch oder strikt nach Kalender erfolgt. Haustierhaltern ist nicht bewusst, dass Flohpräparate für Haustiere oft Neonicotinoide enthalten – die können ins Grundwasser gelangen. Vermeintlich insektenfreundliche Pflanzen aus Baumärkten und Gartencentern sind nicht frei von Pestiziden, wie der Entomologe in eigenen Studien feststellte. Eine Alternative stellen Pflanzen aus biologischem Anbau dar.

Unser Konsumverhalten sollten wir überdenken, meint Goulson, denn wir haben uns weit von unserer Nahrung entfremdet. Produkte aus eigener Erzeugung oder wild wachsende Beeren und Pilze wissen wir nicht mehr zu schätzen. Vor allem die Verschwendung von Nahrungsmitteln ist dem Autor ein Gräuel. Und so verschmäht er auch nicht überfahrene Tiere wie Kaninchen, Rehe oder Fasane, da sie – im Gegensatz zu unserer Supermarktware – frei von Antibiotika sind. (In Deutschland würde er sicher Probleme mit dem Jagdgesetz bekommen.) Mit seinem Ruf als Exzentriker hat der Brite kein Problem.

Das Buch Wildlife Gardening macht uns vertraut mit faszinierenden Lebenswelten, die meist unbemerkt in unseren Gärten existieren. Einfach toll, wie die ökologischen Zusammenhänge erklärt werden! Goulsons Buch, mit amüsanten und bitterernsten Passagen, endet mit einer Liste seiner Lieblingspflanzen für Bestäuber und Vögel sowie einer Bauanleitung für eine Wurmfarm, in der aus Küchenabfällen bester Kompost für den Garten wird. Nicht jeder hat so viel Platz zur Verfügung wie er. Doch viele Tipps zum naturschonenden Gärtnern sind auch in kleinem Maßstab umsetzbar – eine bereichernde Lektüre!

Dave Goulson: Wildlife Gardening – Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten
Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke
Hanser Verlag 2019, 304 Seiten mit Zeichnungen von Nils Hoff
ISBN 978-3-446-26188-4
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4 Kommentare

  1. Pingback:Vorfreuden für Leseratten II Frühjahr 2019 | Elementares Lesen

  2. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich das Buch lesen soll.

    Sowohl “Und sie fliegt doch” als auch “Das Summen in der Wiese” fand ich zwar jeweils recht interessant und charmant, aber schon da war mir die ausufernde Beschreibung seines Gartens etwas zu lang…da wäre für meinen Geschmack weniger (Wiederholung) doch mehr gewesen.

    • Die beiden Bücher kenne ich auch. Hier standen andere Tier- und Pflanzenarten im Vordergrund. Es ist übrigens schon um Goulsons 6. Garten, also doch etwas Neues für dich? Was sich wiederholt, sind natürlich die Erläuterungen zum Insektensterben und dessen Ursachen – was aber kein Schaden ist. Vielleicht probierst du mal die Leseprobe.

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