Florian Werner: Verhalten bei Weltuntergang

Werner Verhalten bei Weltuntergang

(c) Nagel & Kimche

Vor mir liegt eines dieser Bücher, die man, kaum dass man es in der Hand hält, auch schon besitzen möchte – ein echtes haptisches und optisches Vergnügen. Es besteht aus einem dicken Pappeinband mit elfenbeinfarbenen Seiten und Fadenheftung. Man blättert und blättert und ist sofort fasziniert. Das liegt nicht nur an den makaberen Zeichnungen, sondern natürlich am Thema. Der Literaturwissenschaftler Florian Werner hatte schon immer einen Hang zu etwas abseitigen, aber dennoch naheliegenden Aspekten der Kulturgeschichte. In seinen vorigen Büchern widmete er sich z.B. dem Thema Schüchternheit (Schüchtern. Bekenntnis zu einer unterschätzten Eigenschaft) oder den menschlichen Ausscheidungen (Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße). Und sein Buch Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung wurde 2009 sogar als Wissensbuch des Jahres in der Kategorie Überraschung ausgezeichnet.

Da uns im Laufe der Geschichte immer wieder der Weltuntergang prophezeit wurde, ist es daher nur folgerichtig, sich auch dieses Themas einmal anzunehmen. Bereits in seiner Dissertation Rapokalypse: Der Anfang des Rap und das Ende der Welt hat sich Florian Werner mit der Apokalypse beschäftigt. In seinem neuen Buch Verhalten bei Weltuntergang wird das Thema auf eine breitere Basis gestellt.

In der Bibel und vielen anderen religiösen Schriften finden sich Hinweise auf eine bevorstehende Apokalypse. Astrologen und andere Experten warnen immer wieder vor dem ultimativen Strafgericht oder dem Ende der Zeit. Aber bis jetzt gibt es uns noch. Wie können wir erkennen, wann der Weltuntergang wirklich bevorsteht? Dazu nennt uns Florian Werner die wichtigsten Anzeichen: Wir müssen auf Kreaturen wie Chimären, Drachen oder Heuschrecken achten. Auch bestimmte Schlüsselzahlen wie die Null, die 1, 2, 3, 7 und vor allem die 666 sind ein untrügliches Zeichen für das herannahende Ende. Ein ausgiebiger Exkurs in die Wissenschaft der Zahlensymbolik und der Gematrie weiht uns ein in die Grundlagen der “Apokalypsearithmetik”, damit wir in der Lage sind, zu berechnen, von welchen Personen Gefahr ausgeht.

Wir folgen der Spur der angekündigten Weltuntergänge durch die verschiedenen Kulturen und Epochen. Dabei spielte auch das Problem des Kalenders eine große Rolle. Jahrhundert- und Jahrtausendwenden waren immer schon beliebte Zeitpunkte für eine Untergangsprophezeiung, sogar im Zeitalter der neuen Medien, als die Furcht vor dem Y2K-Problem umging. Und wir alle erinnern uns noch an die von den Medien zusätzlich angeheizte Furcht vor dem Ende des Maya-Kalenders am 21.12.2012. In diesem Kontext habe ich in meinem Blog auch das hervorragende Buch 2012 Keine Panik des Astronomen Florian Freistetter vorgestellt, welches diverse Untergangsprognosen und kosmische Katastrophen für das Jahr 2012 behandelte.

Welchen Sinn haben diese immer wiederkehrenden Ankündigungen? Warum fallen immer wieder Menschen darauf herein? Worin liegt die Faszination von Katastrophenszenarien in klassischen und modernen Mythen? Liegt es daran, dass wir eine Motivation für ethisches Verhalten benötigen, um dem Untergang entgegenzuwirken? Oder verhindern diese Theorien vom bevorstehenden Untergang dank ihrer Unausweichlichkeit, dass wir unserer Verantwortung gerecht werden? Dieses Buch bietet viel Stoff zum Nachdenken, dabei kommt es so locker und ironisch daher.

Florian Werner beschreibt die realen Gefahren, die von der Menschheit ausgehen und den Weltuntergang bewirken können:

Mit über sieben Milliarden Exemplaren stellt der Homo sapiens die zahlenmäßig stärkste Großsäugerart des Planeten dar und damit mutmaßlich die größte Gefahr für den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen. Vor allem seine konsumistische Lebensweise und wachstumsorientierte Wirtschaftsform machen den Menschen zu einer solchen Bedrohung.

Heutzutage sind die Propheten des Weltendes jene Wissenschaftler, die berechnen, wann uns das Erdöl ausgeht, um wieviel Grad sich die Erde dank des Klimawandels durchschnittlich erwärmen wird, welche Kriege uns bevorstehen oder wann wir unsere Ressourcen verbraucht haben.

Um uns Leser nicht vollends zu deprimieren, gibt der Autor einige Tipps, wie wir den Weltuntergang, so er denn kommt, mithilfe dieses Buches überleben können. Von Aufessen bis Wegschmeißen des Buches ist alles vertreten:

Die Postapokalypse lässt grüßen und hoffen, dass man selbst dabei sein wird. Der Weltuntergang wird vor allem als Untergang der Menschheit gedacht. Aber auch ohne die Menschen wird die Welt weiter existieren, so wie sie es vor dem Entstehen des Homo sapiens getan hat. Irgendwann wird es keine Spuren unserer Existenz auf der Erde mehr geben. Außerdem ist jedes Ende zugleich ein neuer Anfang, daher zählt dieses Buch auch rückwärts von Omega bis Alpha. Alles beginnt von vorn. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?

Abgerundet wird dieses originelle Werk durch die albtraumhaft-schönen Zeichnungen des Kinderbuch-Illustrators Nikolaus Heidelbach.

Florian Werner: Verhalten bei Weltuntergang
mit Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach
Nagel & Kimche Verlag bei Hanser 2013
ISBN 978-3-312-00581-9

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7 Kommentare

  1. Super, danke! Hast mich richtig neugierig gemacht – auf Werk und Autor!

  2. Hey, danke für den Tipp. Das Buch sollte genau mein Ding sein :D

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