Florian Werner: Helium und Katzengold – 92 elementare Geschichten

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Helium, ein Edelgas, ist das zweithäufigste Element im Universum und verhilft Ballons zum Fliegen. Katzengold sieht aus wie Gold, ist aber ein Mineral, das sich aus den Elementen Eisen und Schwefel zusammensetzt. Das Buch “Helium und Katzengold” von Florian Werner erzählt von den 92 chemischen Elementen, die natürlich auf der Erde vorkommen. Sortiert ist es nach den Ordnungszahlen der Elemente, von 1H = Wasserstoff bis 92U = Uran.

Es ist aber kein Sachbuch, sondern eine literarische Auseinandersetzung in Form von Kurzgeschichten. In einem Interview mit René Aguigah bezeichnet Florian Werner sein Buch als “literarisches Periodensystem”, als Katzengold, das ein Sachbuch zu sein vorgibt, in Wirklichkeit aber ein Erzähl-Experiment ist.

Der Autor ist kein Chemiker, sondern promovierter Literaturwissenschaftler, Musiker und Rezensent von Songtexten, Übersetzer von Essays u.a. von Paul Auster und Jonathan Safran Foer. Außerdem hat er mehrere kulturwissenschaftliche Sachbücher mit skurrilen Titeln verfasst, siehe mein Beitrag zu seinem letzten Buch “Verhalten bei Weltuntergang”.

Seine elementaren Geschichten sind raffinierte, fein gesponnene Texte zum Enträtseln. Sie enthalten Anspielungen auf Mythen, nähern sich Gott (Phosphor) und dem Teufel (Schwefel) ohne Respekt. Sie erklären das Wesen von Elfen, Wichten und Werwölfen und klingen dabei so nüchtern und lakonisch wie in einem Sachbuch.

Der Bezug zu den chemischen Elementen liegt nicht immer auf der Hand. Manche Geschichten drehen sich um die Eigenschaften und Anwendungen der Elemente im Alltag und in der Technik, manchmal dient die Herkunft eines Begriffs dem Autor als Ausgangspunkt. So ist Vanadium nach Vanadis, einem Beinamen der Fruchtbarkeitsgöttin Freya, benannt und bietet Stoff für eine Geschichte über die bedauernswerte Göttin, bei der sich alles vermehrt, was sie berührt.

Die seltsamen Dialoge, die Florian Werner erspinnt, z.B. zwischen dem Teufel und einem Parfumverkäufer oder zwischen Ikarus und einem Wetterhahn, sind starker Tobak, aber gut!

Da viele Geschichten durch Elementsymbole miteinander verbunden sind, gibt es wiederkehrende Motive und Personen in diesem Buch: den fliegenden Priester, die Venusfliegenfalle, den vom Tinnitus Geplagten, den Cowboy. Aus dessen Geschichte hat der Autor auch einen Song gemacht, der bei jedem Hören besser wird:

Hier geht es natürlich um das Element Pb = Blei.

Hinter dem Element Cadmium verbirgt sich die Antwort von Kafka sen. auf den nie abgeschickten Brief seines Sohnes Franz. Cadmium wird nämlich auch eingesetzt, um die gelbe Farbe von Briefkästen herzustellen. So sieht eine typische Assoziationskette bei Florian Werner aus. Am Ende jeder Geschichte steht eine knappe Erläuterung zu den Eigenschaften des Elements. Da staune ich dann als Leserin darüber, wie man vom Element Cadmium auf Kafka kommen kann.

Nach dem ersten Lesen der Geschichten war ich fasziniert, aber ich war mir nicht sicher, ob sie mir nun gefallen oder nicht. Sie haben jedenfalls Eindruck gemacht, mich zur Suche nach dem verborgenen Sinn veranlasst. Beim zweiten Lesedurchgang habe ich noch mehr geschmunzelt oder anerkennend genickt angesichts der makabren Einfälle dieses Autors. Dies ist seine Geschichte zum Element Polonium:

Die Boeing B-29 Superfortress ist ein Vogel aus der Familie der Falkenartigen, der allerdings seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ausgestorben ist. Die Flugsilhouette der Tiere weist lange, fast rechteckige Flügel auf, meist ohne Fingerung, wie sie für andere Greifvögel typisch ist. Der Kopf ist gedrungen und verglast, der Schnabel zurückgebildet, das Gefieder ist silbern glänzend. Im Unterschied zu anderen Greifvögeln wie etwa den Habichtartigen, die ihre Beute mit den Fängen töten, benutzt die Boeing B-29 Superfortress zur Jagd ihre Eier, die sie aus großer Höhe über der Beute abwirft. Die Jungvögel schlüpfen in der Luft, meist mehrere Hundert Meter über dem Erdboden. Sie können ein Gewicht von bis zu fünf Tonnen haben und entwickeln beim Schlüpfvorgang eine Hitzestrahlung von mehreren tausend Grad. Die Jungvögel sind sofort tot, ebenso die meisten anderen Lebewesen, die sich in ihrem 92Umkreis aufhalten.

Hier wird deutlich, wie die Geschichten durch die chemischen Elementsymbole miteinander verflochten sind. Diese Geschichte hat einen Bezug zur Episode des Elements 92 = Uran. Und so blättere ich beim Lesen zwischen den Kapiteln hin und her, damit mir auch ja kein Zusammenhang entgeht. Und nebenbei erfahre ich etwas über die Elemente!

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Die Erzählungen sind teils morbid und düster, von feinem, manchmal auch von derbem Humor. Ein Buch für Freunde des Absurden, die sich inspirieren lassen, den zahlreichen Anspielungen und Rätseln dieser Texte zu folgen – in die Chemie, in die Mythologie, in die Literatur. Ist dieses Buch wirklich Katzengold oder vielleicht doch echtes Gold???

Florian Werner: Helium und Katzengold – 92 elementare Geschichten
Nagel & Kimche Verlag / Hanser 2014
ISBN 978-3-312-00634-2, 208 Seiten
Erhältlich bei der Buchhandlung des Vertrauens

7 Kommentare

  1. Na, das hört sich ja wirklich etwas schräg an, aber nicht uninteressant! Vielleicht sollten Sie aber die Weiterlesen-Empfehlungen in “Vorab-Lese-Gebote” umbenennen, damit man die Geschichten von Werner genießen kann und sich nicht hoffnungslos verliert. ;-)

  2. Das gefällt mir, “literarisches Periodensystem” – kommt auf die Liste, danke für den Tipp : )

  3. Liebe Petra,
    dass klingt ja wirklich interessant, wobei, schräg mag ich ja sehr gerne, düster oder schaurig ist nicht so meines. Wo liegt denn der Schwerpunkt bei diesen Geschichten?
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Einen Schwerpunkt gibt es nicht, nur den gemeinsamen Nenner, dass sie etwas mit den chemischen Elementen zu tun haben. Manche Geschichten sind Dialoge, andere klingen wie ein Lexikonartikel, siehe das zitierte Beispiel mit dem Flugzeug. Es gibt Episoden über seltsame Ereignisse aus ganz verschiedenen Kontexten – ich möchte gar nicht so viel verraten, aber sie haben alle etwas irritierendes an sich. Mir hat das gefallen.
      Hör dir auf jeden Fall mal den Song über den Cowboy an, um herauszufinden, ob dir dieser Stil liegt. Oder auch das verlinkte Interview. Da liest der Autor auch ein paar Geschichten vor.
      Liebe Grüße,
      Petra

  4. Pingback:Florian Werner: Schnecken – Elementares Lesen

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