Jonathan B. Losos: Glücksfall Mensch – Ist Evolution vorhersagbar?

Cover Losos Glücksfall Mensch

© Hanser

Verläuft die Evolution auf vorhersagbaren Bahnen? Oder bestimmt der Zufall, welche Merkmale sich durchsetzen? War die Existenz der Menschheit eine zwangsläufige, deterministische Entwicklung oder war es einfach Zufall? Welche Mechanismen steuern die Evolution? Diesen spannenden Fragen widmet sich der Evolutionsbiologe und Harvard-Professor Jonathan B. Losos in seinem Buch Glücksfall Mensch – Ist Evolution vorhersagbar?.

Wie ein roter Faden zieht sich auch die große Kontroverse zwischen dem Paläontologen Simon Conway Morris als Vertreter der konvergenten, zwangsläufigen (deterministischen) und damit wiederholbaren Evolution und dem Biologen Stephen Jay Gould als Vertreter der kontingenten, vom Zufall bestimmten Evolution durch das Buch. Für beide Denkrichtungen gibt es viele Beweise in der Natur, die Losos in seinem äußerst lesenswerten Buch zusammengetragen hat. Anders als man angesichts des Buchtitels erwarten könnte, spielt der Mensch hier nur eine untergeordnete Rolle! Im Original lautet der Titel Improbable Destinies. Fate, Chance and the Future of Evolution. Der deutsche Titel ist eine Anlehnung an Steven Jay Goulds Buch Zufall Mensch von 1991.

Konvergente Evolution Bei vergleichbaren Umweltbedingungen kommen in verschiedenen Regionen ähnliche Anpassungen zustande. Viele Tiere haben Doppelgänger auf anderen Kontinenten, die nicht mit ihnen verwandt sind, aber die gleiche ökologische Nische besetzen. So ähnelt der Maulwurf dem Beutelmull und das Murmeltier dem Wombat. Das Auge entwickelte sich gleich mehrmals im Laufe der Evolution. Und bei Menschen, die Kühe hielten, entstand in Nordeuropa, Ostafrika und dem Nahen Osten unabhängig voneinander die Fähigkeit, Milchzucker auch im Erwachsenenalter zu verarbeiten. Hat also Simon Conway Morris recht?

Kontingente Evolution Doch der Zufall kann auch völlig unterschiedliche Lösungen für das gleiche Problem ermöglichen. Besonders auf Inseln, die Losos als “großes Kochbuch der Evolution” bezeichnet, entwickelte sich eine Vielzahl ungewöhnlicher Lebensformen und sehr spezieller Anpassungen. Maden, die in Bäumen leben, werden häufig von Vögeln gefressen, die sie mit ihren Schnäbeln aus dem Holz herauspicken. Das Fingertier auf Madagaskar, das laut Losos aussieht “wie eine finstere Kreuzung zwischen Albert Einstein und Yoda”, – schafft das jedoch mit seinem in alle Richtungen drehbaren Mittelfinger und nachwachsenden Schneidezähnen. Tiere wie der Koala und das Schnabeltier sind kuriose Einzelfälle, für die es nirgendwo ein Gegenstück gibt. Sie stehen für das Wirken des Zufalls als Mechanismus der Evolution, ganz im Sinne von Stephen Jay Gould.

Die experimentelle Evolutionsbiologie versucht herauszufinden, ob die Evolution hauptsächlich vom Zufall oder vom Determinismus vorangetrieben wird. Dies ist auch das Forschungsgebiet des Autors. Jonathan B. Losos erforschte Guppys auf Trinidad und Anolis-Echsen auf den Bahamas und Jamaika. Lebendig und detailverliebt erzählt er von diesen Projekten, manchmal etwas zu ausschweifend. In Experimenten, auch im Labor, konnten viele Mechanismen der Evolution nachgebildet werden, die für eine zwangsläufige Entwicklung sprechen. Doch die Forscher gewannen auch überraschende Erkenntnisse! Losos berichtet von faszinierenden Langzeitexperimenten mit Fruchtfliegen, die eine Toleranz gegen Alkohol entwickelten, und von Mikroben, bei denen es zu evolutionären Sprüngen kam. Manchmal verläuft die Evolution eben schneller als erwartet! Dies zeigte sich bereits im 19. Jahrhundert bei Birkenspannern, die ihre helle Farbe  in Anpassung an die rußgeschwärzten Bäume wechselten, damit sie weiterhin gut getarnt waren.
Jonathan Losos kommt zu dem Ergebnis, dass vieles für eine Wiederholbarkeit der Evolution spricht. Die natürliche Selektion wählt häufig dieselben Merkmale als Lösung aus. Das haben viele Experimente und Beobachtungen in der Natur gezeigt. Doch ohne den Zufall geht es nicht! Auch die Menschheit würde ohne ein Ereignis vor 66 Millionen Jahren wohl nicht existieren. Letztlich wird der Prozess der Evolution durch eine Kombination aus beiden Mechanismen bestimmt.

Losos erweist sich als mitreißender Erzähler, der uns faszinierende Einblicke in die Mechanismen der Evolution gibt. Mit einer Fülle von Beispielen aus der aktuellen Forschung werden komplizierte Prozesse nachvollziehbar. Das Buch Glücksfall Mensch enthält sehr viele Fachbegriffe, die vom Autor natürlich erläutert werden, – eine konzentrierte Lektüre ist dennoch erforderlich. Erst auf den letzten Seiten kommt Losos auf die menschliche Existenz zu sprechen, die wir einer Kette von Zufällen zu verdanken haben. Wäre die Erde vor 66 Millionen Jahren nicht von einem Asteroiden getroffen worden, vielleicht existierten statt der Säugetiere heute noch Nachfahren der Dinosaurier – als zweibeinige, intelligente Dinosauriden? Besonders gut gefielen mir die wunderbaren Illustrationen des Künstlers Marlin Peterson, die uns zahlreiche Lebewesen vor Augen führen – auch das skurrile Fingertier! Lesenswert und sehenswert!

 

Nominiert als Wissensbuch des Jahres in der Kategorie Zündstoff

Jonathan B. Losos: Glücksfall Mensch – Ist Evolution vorhersagbar?
Aus dem Englischen von Sigrid Schmid und Renate Weitbrecht
Hanser Verlag 2018, 384 Seiten mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen von Marlin Peterson
ISBN 978-3-446-25842-6
Leseprobe

4 Kommentare

  1. So differenziert habe ich mir die Evolution bisher nicht vorgestellt.

  2. Danke für die Rezension!
    Ich gehe in diesem Zusammenhang gerne mit Wagner “Arrival of the fittest” konform, der ja mit seinen multidimensionalen Datenbanken, etwa beiStoffwechseln, veranschaulicht, daß die Natur sich ständig an neue Lösungen herantastet. Es wird ständig probiert, nach Möglichkeit natürlich unter Beibehaltung der bisherigen Funktionen.

    “Manchmal verläuft die Evolution eben schneller als erwartet! Dies zeigte sich bereits im 19. Jahrhundert bei Birkenspannern, die ihre helle Farbe in Anpassung an die rußgeschwärzten Bäume wechselten, damit sie weiterhin gut getarnt waren.”
    Ja, da gab es auch ein Beispiel von bestimmten Stadtpflanzen auf kleinem Grün, die schwerere Samen entwickelten, damit diese in unmittelbarer Nähe runtergingen.

    • Spannend! Im Buch gibt es weitere interessante Beispiele, von den Anolis-Echsen, dem Spezialgebiet von Losos. Deren Beinlänge änderte sich innerhalb von 1 bis 2 Generationen, je nachdem ob sie vor neuen Feinden auf Bäume flüchten mussten oder nicht. Oder die Finken auf den Galapagos-Inseln, die ein Trockenjahr dank ihrer großen Schnäbel überlebten. Oft ist es auch der Einfluss des Menschen, der Anpassungen besonders schnell herbeiführt.
      Das Buch müsste genau auf deiner Wellenlänge liegen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.