Barbara Natterson-Horowitz/Kathryn Bowers: Wir sind Tier

Cover Natterson Wir sind Tier

© Knaus

Herzprobleme, Übergewicht, Depressionen, Krebs, sexuelle Störungen, Sucht, Infektionen – nicht nur Menschen, sondern auch Tiere erkranken daran. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir haben dieselben Krankheiten, denn: auch wir sind Tier! Diese Krankheiten sind ein gemeinsames Erbe der Evolution! Die Herzspezialistin Barbara Natterson-Horowitz und die Journalistin Kathryn Bowers setzen sich daher in ihrem lesenswerten Buch Wir sind Tier  für eine intensive Zusammenarbeit zwischen Human- und Tiermedizinern ein. Ihr Buch öffnet die Augen für die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier und bietet eine Perspektive auf bessere Behandlungsmöglichkeiten. Die Jury der Zeitschrift bild der wissenschaft wählte es für seine originelle Darstellung kürzlich zum Wissensbuch des Jahres 2015!

Speziesübergreifende Krankheiten: Wir sind Tier!

Für Tiermediziner ist die Erkenntnis gleicher Krankheitsbilder nichts Neues. Unter ihnen kursiert folgender Witz:

Was ist ein Humanmediziner? Ein Tiermediziner, der nur eine Spezies behandeln kann.

Viele Humanmediziner müssen erst überzeugt werden, um die Gemeinsamkeiten zu sehen. Barbara Natterson-Horowitz hat ihre Lektion bereits gelernt. Als Beraterin des Zoos von Los Angeles hat sie immer wieder übereinstimmende Krankheitsbilder zwischen Mensch und Tier gefunden und sich voller Neugier auf deren Erforschung gestürzt. Sie belegt ihre faszinierenden Erkenntnisse gemeinsam mit Kathryn Bowers durch viele Beispiele aus dem klinischen und privaten Alltag.

Essstörungen bei Beutetieren

Essstörungen sind auch eine Folge unserer Vergangenheit als Beute stärkerer Raubtiere. Sie sind also nicht nur bei Menschen zu finden, sondern auch bei Tieren. Die Ursache liegt im heiklen Status als Beutetier:

Jeder Bissen erfordert höchste Konzentration auf zwei Dinge, bei denen es um Leben und Tod geht: Wie komme ich an Futter? Und wie vermeide ich es, Futter zu werden? Wenn es einem Tier nicht gelingt, sich regelmäßig mit Essbarem zu versorgen, wird es verhungern. Wenn es nicht wachsam genug ist, wird es selbst zur Beute. In der Natur ist Essen stets von Gefahr, Risiko, Stress und Angst durchsetzt.

So kommt es auch bei Tieren zu Essstörungen. Das Verständnis dieser Herkunft bietet neue Ansätze für eine Therapie.

Krebs schon bei Dinosauriern

Krebs ist eine sehr alte Krankheit, die schon bei Dinosauriern nachgewiesen wurde. Dafür können Genmutationen ebenso wie Umweltgifte verantwortlich sein. Aber es gibt Tierarten, die weniger davon betroffen sind als andere. Mediziner müssen also tiefer graben, um die Ursachen der unterschiedlichen Anfälligkeit für Krebs zu erforschen. In der Vergleichenden Onkologie gibt es bereits erste Ansätze einer speziesübergreifenden Betrachtung.

Ohnmacht schützt

Selbst die Ohnmacht oder Synkope ist kein typisch menschliches Phänomen. Bei vielen Tierarten tritt sie auf, wenn Flucht oder Kampf unmöglich sind und ein Tier seinen Herzschlag verlangsamt und sich einfach totstellt. Der Fachbegriff lautet Angstbradykardie:

Die Angstbradykardie schützt schon seit Urzeiten Tiere quer durch alle Wirbeltierklassen und hat sich im heutigen Menschen erhalten. Und zwar genau deswegen, weil seine Schutzfunktion so tief im autonomen Nervensystem verankert ist, einem System, das uns von unseren frühen, im Wasser lebenden Urahnen vererbt worden ist.

Niemand muss sich also für seine Ohnmacht beim Blutabnehmen oder in anderen Stresssituationen schämen.

Lernen aus den Übereinstimmungen

Welche Lehren können wir aus den vielen Übereinstimmungen zwischen tierischen und menschlichen Krankheiten ziehen? Barbara Natterson-Horowitz und Kathryn Bowers fordern eine speziesübergreifende Betrachtung und Therapie. Auch der Ursprung einer Krankheit als Erbe unserer tierischen Vergangenheit muss stärker berücksichtigt werden. Dann besteht eine bessere Chance auf die Heilung vieler Krankheiten.

Wir sind Tier ist ein lebendig erzähltes, sehr engagiertes Buch voller überraschender Einsichten. Den Autorinnen gelingt es auch komplizierteste  Zusammenhänge zu veranschaulichen. Es ist daher nicht nur für Mediziner geeignet, sondern für alle, die das Thema Gesundheit aus einer neuen Perspektive kennenlernen möchten.

Barbara Natterson-Horowitz/Kathryn Bowers: Wir sind Tier – Was wir von den Tieren für unsere Gesundheit lernen können
Aus dem Amerikanischen von Susanne Warmuth
Knaus Verlag 2014, 448 Seiten
ISBN 978-3-8135-0554-2
Leseprobe

4 Kommentare

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  2. Davon mal abgesehen, dass ich den Spruch damals in Deutschland “Wir sind Papst” viel erfrischender fand, ärgere ich mich ein wenig über diesen pauschalisierenden Rückschritt in der Betrachtung der Humanmedizin. Haben wir es nicht gerade eben erst geschafft, die Unterschiede in den Symptomen und der Behandlung von Krankheiten bei Männern, Frauen und Kindern zu etablieren, da werden wir wieder alle in einen Topf geworfen, diesmal sogar mit Dinos?! Wir stammen definitiv nicht von den Dinos ab. Andere Gebiete derPaläogenetik geben da wahrscheinlich mehr Aufschlussreiches her. Außderdem erfordert nicht jeder Bissen höchste Konzentration, denn da hat man seine Beute ja schon, sondern jeder Gedanke….
    Sorry, aber bei diesem Buch bleibe ich doch sehr skeptisch. Ich danke Dir aber trotzdem für diese “Warnung”. ;-)

    • Ich finde den Titel “Wir sind Tier” recht gut geeignet. Es ist ja nicht so, als hätten wir alles abgestreift, was uns mit unserer tierischen Herkunft verbindet. Der Originaltitel lautet übrigens “Zoobiquity”, ein Kunstwort, das die Verbindung von Human-, Tier- und Evolutionsmedizin verdeutlichen soll.
      Im Buch wird auch nicht behauptet, dass wir von den Dinosauriern abstammen. Es geht eher darum, dass bestimmte Krankheiten nicht erst durch die moderne Zivilisation entstanden sind, sondern – wie Krebs – schon seit Millionen von Jahren existieren, auch schon bei Dinosauriern. Die Suche nach den Ursachen von Krankheiten als Erbe unserer steinzeitlichen Lebensweise hat sich ja bereits etabliert, ob es um Rückenprobleme durch Bewegungsmangel geht oder um falsche Ernährung, die zu Fettleibigkeit führt. In diesem Buch wird die Betrachtung von Krankheiten noch um einen Aspekt erweitert, eben den Vergleich mit anderen Arten.
      Die Autorinnen werfen auch nicht sämtliche Krankheiten bei Mensch und Tier in einen Topf. Sie differenzieren sehr genau. Es gibt Gemeinsamkeiten, bei denen die verschiedenen Disziplinen voneinander lernen können. Ich sehe das als Fortschritt und nicht als Rückschritt. Vielleicht habe ich das nicht genug herausgearbeitet ;-)

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