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Die Anthropozän-Küche

Cover Anthropozaen-Kueche
© Springer

Wie ernähren wir uns im Anthropozän, dem von Menschen dominierten Erdzeitalter? Welche Konsequenzen hat unser moderner Lebensstil für die Umwelt? Kann die Ernährung auch in Zukunft sichergestellt werden? Antworten gibt es in dem ungewöhnlichen Comic Die Anthropozän-Küche. Dieses Buch ist das Ergebnis eines interdisziplinären Projekts an der Humboldt Universität Berlin, bei dem Forscher aus verschiedenen Bereichen unter Leitung des Geologen und Paläontologen Prof. Reinhold Leinfelder im Rahmen des Excellenzclusters Bild – Wissen – Gestaltung zusammengearbeitet haben. Zu den Herausgebern zählen außerdem die Mediendesignerin Alexandra Hamann, der Geologe Jens Kirstein und der Biologe und Politikwissenschaftler Marc Schleunitz.

Die Forschungsergebnisse des Projekts wurden in Bildgeschichten aus der Lebenswelt von zehn realen Personen auf fünf Kontinenten umgesetzt. So gewinnen wir Leser Einblicke in deren Alltag und Ernährungsgewohnheiten und lernen je ein Kochrezept mit typischen Zutaten wie Algen, Reis, Huhn oder Fisch kennen, aber auch ein Rezept mit Insekten ist dabei. Illustriert wurden die Geschichten von Künstlern aus den jeweiligen Ländern.

Phosphor und Phosphate sind lebenswichtig

Das Element Phosphor zieht sich durch alle Episoden des Buches, denn Phosphor ist ein lebenswichtiger Baustein für unseren Körper. Phosphate, eine chemische Verbindung des Phosphors, sind ein Hauptbestandteil von Düngemitteln. Dünger wird in der Landwirtschaft verwendet, um die Erntemengen beim Anbau von Nahrungsmitteln zu erhöhen. Die Phosphorbestände gehen weltweit zur Neige, daher werden dringend Lösungen gebraucht, um auch in Zukunft die Weltbevölkerung ernähren zu können.

Essen im Anthropozän

Wir sind zu Gast bei einer Landbewohnerin in Uganda, die ihre Lebensmittel noch selbst anbaut oder regionale Produkte verwendet. Ihren Gästen serviert sie Matooke, ein Gericht aus Kochbananen. Einen starken Kontrast dazu bilden die beiden Stadtbewohner in China, die sich alle Zutaten für ihr Essen aus dem Supermarkt besorgen und kaum noch einen Bezug zu den Produkten haben. Dieses Kapitel informiert unter anderem über den gewaltigen Düngemittel-Bedarf Chinas, aber auch über die asiatische Fünf-Elemente-Lehre. In weiteren Episoden begleiten wir eine Forscherin, die sich mit dem Abbau von Phosphat beschäftigt, und gehen mit einem sechsjährigen Jungen aus Brasilien zu einem Kindergeburtstag voller süßer Verführungen. Diese Episode wurde übrigens vom Vater des Jungen illustriert. Der Zeichner hat den Appetit auf Süßigkeiten und die Verführbarkeit von Kindern durch Werbung in Szene gesetzt. Hier lernen wir, welche Arten von Zucker es gibt, wie sie in Energie verwandelt werden und welche Zivilisationskrankheiten wir dem erhöhten Zuckerkonsum verdanken.

Probleme und Zukunftsperspektiven

Locker in die Geschichten eingebunden sind die Probleme, die sich aus unserem Lebens- und Ernährungsstil ergeben, darunter der massive Einsatz von Pestiziden, Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung und Berge von Plastikmüll. Aber es gibt auch Momente der Hoffnung wie Projekte zur Phosphorrückgewinnung oder erfolgreiche Versuche mit Naturdünger. Das Deutschland-Kapitel widmet sich dem ungewöhnlichen Thema Insekten als Nahrungsmittel der Zukunft. In dieser Episode begleiten wir die Biologiestudentin Sophie bei den Vorbereitungen zu einem Institutsfest, auf dem sie einen besonderen Bienenstich servieren wird. Dieser Kuchen ist nämlich mit gerösteten Bienendrohnenlarven belegt. Klingt doch lecker – oder? Sophie will die Akzeptanz solcher Produkte erhöhen, denn Insekten sind gesund und ihre Züchtung ist ressourcenschonender als die konventionelle Massentierhaltung.

Die künstlerische Gestaltung

Zwölf Künstler haben die einzelnen Kapitel dieses Comics sehr individuell gestaltet. Manche Episoden sind eher sachlich, in gedämpften Farben und strengen Linien illustriert, andere sind bunt und verspielt. Bei manchen Kapiteln wäre eine Lupe hilfreich, da die Schrift sehr klein geraten ist. Es gibt schöne Infografiken und nüchterne Diagramme. Jede Episode greift einen Aspekt aus der vorigen Geschichte auf, so dass die Kapitel aufeinander aufbauen. Auch ein Glossar ist vorhanden. Den Abschluss des Buches bilden Postkarten aus der Zukunft, auf denen mögliche Entwicklungen angedeutet werden, zum Beispiel der Anbau in fliegenden Gärten oder Insekten-Sushi - eine schöne Idee! Hier erfährt man einiges über die Künstler mit Abbildungen aus dem Buch.

Fazit

Das komplexe Thema Ernährung in einer Zeit des Bevölkerungswachstums und schwindender Ressourcen wird im Sachcomic Die Anthropozän-Küche auf spielerische Weise beleuchtet. In den Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen sind, werden die Zusammenhänge zwischen Lebensstil und Ressourcenverbrauch sehr gut deutlich. Ohne erhobenen Zeigefinger wird der Leser mit seinen inkonsequenten Gewohnheiten konfrontiert und zum Nachdenken angeregt. Trotz des ernsten Themas macht es viel Spaß, in dem Buch zu blättern. Es bietet erstaunlich viele, teils stark verdichtete Informationen, erklärt politische und wirtschaftliche Zusammenhänge und berührt neben dem Thema Ernährung viele Fachgebiete wie Geowissenschaft, Chemie und Biologie. Ein gelungener Sachcomic, der auch jungen Lesern ab 14 Jahren gefallen wird.

Die Anthropozän-Küche - Matooke, Bienenstich und eine Prise Phosphor - In zehn Speisen um die Welt, Hrsg. Reinhold Leinfelder, Alexandra Hamann, Jens Kirstein, Marc Schleunitz
Springer Verlag 2016, 236 Seiten
ISBN 978-3-662-49871-2
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1 thought on “Die Anthropozän-Küche

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