Hope Jahren: Blattgeflüster – Lab Girl

Cover Jahren Blattgefluester
© Ludwig

Zur Promotionsfeier an der Universität von Berkeley ist niemand aus ihrer Familie angereist. Während die anderen sich feiern lassen, verkrümelt sich die Geo-Biologin Hope Jahren mit ihrem Mitarbeiter und engsten Freund Bill, um eine weitere Nachtschicht im Labor einzulegen. Abgesehen von der Explosion des gesamten Glasbestands erlebt sie eine typische Nacht, denn sie ist ein Lab Girl (so lautet der Originaltitel des Buches), besessen von den Geheimnissen, die sie der Natur im Labor entlocken kann. Für ihre Dissertation untersuchte sie fossile Samen des Westlichen Zürgelbaums, um etwas über das Klima zu ihrer Entstehungszeit herauszufinden. Dabei entdeckte sie, dass die Samen Spuren der Mineralien Opal und Aragonit enthalten – die erste Erkenntnis, bei der sich Jahren wie eine echte Wissenschaftlerin fühlt!

In Blattgeflüster erzählt Hope Jahren von ihrem beruflichen Werdegang an Universitäten in Minneapolis, Atlanta, Baltimore, Oslo und Hawaii. Der Weg zur anerkannten Wissenschaftlerin war steinig, geprägt von einer hohen Arbeitsbelastung, dem ewigen Kampf um Forschungsgelder, damit sie die Labor-Ausrüstung und ihre Mitarbeiter bezahlen konnte, und von den Widerständen etablierter – vorwiegend männlicher – Wissenschaftler gegen ihre unkonventionellen Ideen. Blattgeflüster ist aber auch das Zeugnis einer innigen Verbundenheit mit ihrem Freund Bill, der sie bei allen beruflichen Stationen als Mitarbeiter begleitete.

Lab Girl – Laborarbeit und Feldforschung
Die Kindheit in einer Kleinstadt Minnesotas war von langen harten Wintern bestimmt. In Jahrens Familie mit norwegischen Wurzeln war es nicht üblich, Zuneigung zu zeigen oder über Gefühle zu sprechen – ein Mangel, unter dem sie stark litt. Während der kurzen Sommer beackerte sie mit ihrer resoluten Mutter den Garten, genoss das üppige Grün und konnte den Pflanzen buchstäblich beim Wachsen zuhören. Die Begeisterung für die Arbeit im Labor entdeckte Hope Jahren an der Seite ihres Vaters, der an einem College Chemie und Geowissenschaften unterrichtete und sie in alle Arbeitsschritte seiner Experimente einwies. Inzwischen hat sie drei Labore an verschiedenen Universitäten aufgebaut.

„Mein Labor ist ein Ort, an dem immer Licht brennt. Mein Labor hat keine Fenster, aber es braucht auch keine. Es ist in sich geschlossen, eine Welt für sich. … Mein Labor ist der Ort, an dem meine Gedanken direkt durch meine Finger in meine Arbeit fließen. … Es ist der Ort, an dem ich mit meinem besten Freund spiele. … Mein Labor ist ein Zufluchtsort und ein Heim. Es ist mein Rückzugsort vom beruflichen Schlachtfeld, der Ort, an dem ich kühl meine Wunden untersuche und meine Rüstung repariere.“

Anschaulich erklärt Jahren, wie ein Massenspektrometer oder eine Unterdruckleitung funktionieren, wie Proben aus Pflanzenzuchtexperimenten chemisch analysiert werden oder wie man Glasröhrchen bläst – was in einem Fall fürchterlich schief ging! Sie liebt aber ebenso die Feldforschung, gräbt sich durch metertiefe Bodenschichten oder nimmt Moosproben bei strömendem Regen. Die Berichte von Exkursionen und Forschungsaufenthalten in Alaska, Norwegen und Irland lesen sich wie Road Movies, voller Katastrophen und aberwitziger Erlebnisse.

Angststörungen und ihr Rettungsanker
Immer wieder hat die begabte Wissenschaftlerin mit Versagensängsten und einer bipolaren Störung zu kämpfen. Ihre offene Schilderung einer manischen Episode, die in einer Depression gipfelt, ist ergreifend zu lesen. Doch egal, wie prekär die Lage ist – das Buch strotzt vor urkomischen Anekdoten. Mit ihrem Freund Bill, einem Eigenbrötler, der einen ähnlich trockenen Humor wie sie besitzt und unerschütterlich auf alle Probleme reagiert, liefert sie sich verbale Keilereien, die in hilflosem Gelächter enden. Als Bill ihr am Telefon erzählt, dass er sich seine langen schwarzen Haare abrasiert hat, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg und sie verweigert einige Tage den Kontakt. Doch der pragmatische Freund hat eine Lösung, aus der sie künftig ein Ritual machen: er bewahrt die Haare in der Höhle eines Baums auf, wo sie sie besuchen können – natürlich nachts, denn das ist ihre liebste Tageszeit.

Erfolge
Mit 32 Jahren findet Hope Jahren endlich jemanden zum Lieben, einen Geowissenschaftler, mit dem sie eine Familie gründet. Allmählich stabilisieren sich auch die beruflichen Verhältnisse. Aus der Rolle der ewigen Außenseiterin hat sie sich herausgekämpft. Mit wachsender Anerkennung fließen die Fördergelder und sie kann ihre eigenen Forschungsideen verfolgen. Nach vielen befristeten Stellen erhält sie eine Anstellung als Professorin auf Lebenszeit an der Universität von Hawaii.

Blattgeflüster
Neben den autobiografischen Schilderungen erzählt Jahren, wie es Pflanzen gelingt, zu überleben: vom Samen, der auf den richtigen Zeitpunkt zum Keimen wartet, vom ersten Blatt einer Pflanze, mit dem der Kampf ums Licht beginnt oder von ehrgeizigen Kletterpflanzen. Vor allem Bäume faszinieren sie. In ihren Projekten hat sie unter anderem erforscht, warum Bäume im Sommer nicht so schwitzen wie im Frühjahr, oder wie es den Wäldern Alaskas während Millionen von Jahren gelang, mit dem krassen Wechsel der Lichtverhältnisse – drei Monate in permanenter Dunkelheit, drei Monate bei permanentem Sonnenschein – zurechtzukommen. Pflanzen sind ihrer Meinung nach längst nicht so passiv wie immer vermutet wird, sondern gestalten aktiv ihre Umwelt! Jahrens Hauptinteresse gilt den Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen. Außer Bäumen hat sie auch Süßkartoffeln und Rettich untersucht, um herauszufinden, welche Folgen die Kohlendioxid-Anreicherung in unserer Luft auf Nahrungspflanzen und damit auf die Ernährung der Zukunft hat. Für ihre Arbeit hat sie viele Auszeichnungen erhalten, die im Buch allerdings kein Thema sind. Wichtiger ist es ihr, ein Bewusstsein für die Leistungen von Pflanzen zu schaffen und auf die Zerstörung ihres Lebensraums aufmerksam zu machen. Und so endet ihr Buch mit dem Appell: Pflanzen Sie einen Baum!

Fazit
Mit großer Offenheit und einem herrlichen Sinn für Humor erzählt Hope Jahren von ihrer Leidenschaft für die Erforschung der Pflanzenwelt und einer großartigen Freundschaft. Dieses Buch hat einen wunderbaren, ganz eigenwilligen Sound! Weniger wie eine Autobiografie, eher wie ein Entwicklungsroman, in dem aus dem intelligenten, aber unterschätzten Mädchen gegen viele Widerstände eine selbstbewusste und erfolgreiche Forscherin wird. Stark und ermutigend!

Hope Jahren: Blattgeflüster – Die wunderbare Welt der Pflanzen – Aus dem Leben einer leidenschaftlichen Forscherin
Aus dem Amerikanischen von Merle Taeger
Ludwig Verlag 2016, 416 Seiten
ISBN 978-3-453-28069-4
Leseprobe

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12 Gedanken zu „Hope Jahren: Blattgeflüster – Lab Girl

  1. Pingback: Vorfreuden auf Wunder der Natur – Elementares Lesen

  2. Gerhard

    Klingt sehr vielversprechend! Uih!
    Das ist eine schöne Kombination - Persönliches und Biologie.
    "hohe Arbeitsbelastung, ewiger Kampf um Forschungsgelder"
    (auch Thema des Edge-Buches von 2014)

    Habe gerade einen Artikel zu Gottfried Schatz veröffentlicht - der wird Dich interessieren!

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    1. Petra Wiemann

      Danke, den Artikel schaue ich mir mal an! Bei Edge stecke ich noch im 2016er fest 😉 Aber dieses Buch hier war eine leichte Lektüre, gerade weil Wissenschaft und das Private miteinander verknüpft sind.

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      1. Gerhard

        Das 2014er Buch von edge ist in der Tat schwerer zu lesen als das von 2012: Von dem 2012er Buch habe ich einiges für meinen Blog rausgezogen 🙂

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    1. Petra Wiemann

      Gern. Es lohnt sich wirklich! Ich habe das Buch gleich 2x hintereinander gelesen und die Sprache sehr genossen!

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  3. Bettina Wurche (meertext)

    Danke für diese wunderschöne Buchbesprechung, das hört sich nach einem phantastischen Buch an von einer sehr interessanten Frau an. Ungewöhnlich, dass jemand so ehrlich über seine/ihre psychischen Probleme schreibt. Vor allem der Humor würde mich zum Lesen inspirieren : )

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    1. Petra Wiemann

      In diesem Interview, das auf Youtube zu sehen ist, erzählt sie, dass sie in keinem Buch so über bipolare Störungen gelesen hat, wie es ihrer Realität entsprach, wie sie es selbst erlebt hat. Es gehört jedenfalls ein starker Wille dazu, sich unter solchen Belastungen durchzubeißen. Und Humor hilft sicher auch 🙂

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  4. Mara

    Vielen lieben Dank für diese schöne Rezension, ich hatte das Buch vor Wochen zufällig entdeckt und gleich gekauft, bisher aber noch nicht gelesen - nun machst du mir große Lust darauf, es bald in die Hand zu nehmen!

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Petra Wiemann

      Es wird dir sicher gefallen, liebe Mara! Die Sprache hat mich ähnlich begeistert wie bei Helen MacDonalds "H wie Habicht". Vieles ist zwischen den Zeilen verborgen, während die Autorin von einigen Dingen sehr schonungslos und offen erzählt. Ich wünsche dir viel Spaß bei der Lektüre!

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