Andrea Grill: Schmetterlinge

Cover Grill Schmetterlinge

© Matthes & Seitz

Seit ich Landbewohnerin bin, übe ich mich im Beobachten und Identifizieren von Schmetterlingen. Selbst meine frühere Abneigung gegen Motten hat sich inzwischen gelegt, so dass ich den flatterhaften Wesen, die sich abends an beleuchtete Fensterscheiben pressen, mit Neugier und Gelassenheit begegne. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis ich zur passenden Lektüre griff: dem handlichen Büchlein Schmetterlinge von Andrea Grill, erschienen in der Naturkunden-Reihe von Matthes & Seitz.

Die österreichische Biologin und Schriftstellerin hat erst als Studentin im Rahmen eines Projekts ihre Liebe zu den Schmetterlingen entdeckt. Im Nationalpark Dadia im Norden Griechenlands quälte sich Andrea Grill monatelang mit der Bestimmung der vielen ihr unbekannten Insekten. Nach den Käfern sind Schmetterlinge die artenreichste Gruppe im Insektenreich mit mindestens 170.000 Arten. Etwa 70 lernte die Autorin bei ihrem Projekt kennen. Die Sympathie, die ihr die Arbeit mit den Schmetterlingen bei den Dorfbewohnern einbrachte, übertrug sich allmählich auf ihre Forschungsobjekte. Mittlerweile ist sie promovierte Expertin, vor allem für die Familie der Augenfalter. Besonders ist sie dem Sardischen Ochsenauge zugetan, das sie auf Sardinien und im Labor erforscht – ihr „wichtigster Arbeitgeber“, wie sie schreibt. In ihrem Buch erzählt sie von den Freuden und Mühen der Forschungsarbeit und den besonderen Eigenschaften der Schmetterlinge.

Haben diese filigranen Wesen eine Seele, wie das altgriechische Wort Psyche für Schmetterling impliziert? Können sie empfinden, denken und träumen? Mit solchen Fragen von Laien sieht sich die Wissenschaftlerin oft konfrontiert und wägt sorgfältig ab. Inzwischen ist es erwiesen, dass Schmetterlinge ein Erinnerungsvermögen besitzen. Sie können sich an den Geruch von Pflanzen erinnern, die vor der Metamorphose im Raupenstadium besonders nützlich oder unangenehm für sie waren. Darüber hinaus sind sie vor allem „ausgeklügelte Flugmaschinen“ ohne großes Interesse für ihre Artgenossen:

Ein Schmetterling bleibt, egal wie viele Artgenossen sich neben ihm in der Sonne tummeln, […] allein. Schmetterlinge schließen keine Freundschaften, keine Verträge, beschützen einander nicht. Kurz: Sie sind keine sozialen Wesen (wie wir). Weder warnen sie einander vor Feinden, noch trauern sie, wenn einer von ihnen einem Vogel oder einer Libelle zum Opfer fällt.

Schmetterlinge sind robuster als sie wirken und bedienen sich zum Überleben verschiedener Tricks, die man in Studien nachweisen konnte. Manche Bläulinge werden als Raupen von Ameisen versorgt. Indem sie Geruch und Geräusche einer Ameisenkönigin nachahmen, erhalten sie bevorzugte Pflege im Ameisennest. Vom Kleinen Monarch ist bekannt, dass er sich als Raupe von Blättern ernährt, die giftige Alkaloide enthalten. Diese Bitterstoffe bleiben auch nach der Metamorphose im Körper gespeichert, so dass der ausgewachsene Falter für Fressfeinde keine attraktive Beute darstellt.

Es hat lange Zeit gedauert, bis sich das Wissen um die Metamorphose der Schmetterlinge – vom Ei zur Puppe zur Larve zum Falter – durchsetzte. Die Naturforscherin Maria Sibylla Merian trug mit ihren Veröffentlichungen und ihren fantastischen Zeichnungen dazu bei, diese Entwicklungsstadien bekannt zu machen, hatte es aber als Frau im 17. Jahrhundert schwer, wissenschaftliche Anerkennung zu finden.

Die heutige Arbeit der Lepidopterologen, der Schmetterlingsforscher, spielt sich häufig im Labor ab. Besonders unbeliebt ist das Züchten von Schmetterlingen, denn es ist sehr aufwändig und verspricht wenig Prestige. Andrea Grill ist dieser Aufgabe nicht abgeneigt, denn sie ist notwendig, um offene Fragen beantworten zu können.  Bereits in ihrem Roman Das Paradies des Doktor Caspari hat sich die Autorin ironisch mit den negativen Seiten des Forscherdaseins auseinandergesetzt. Ihr Doktor Caspari ist ein besessener Forscher, der auf einer abgelegenen Insel versucht, eine seltene Schmetterlingsart zu züchten, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Ein erhellendes Buch!

Ein weiterer Schwerpunkt dieses Bandes sind die Porträts von 21 europäischen Tagfaltern, die die Autorin nach eigenen Vorlieben ausgewählt hat. Darunter befinden sich verschiedene Ochsenaugen, echte „Verschwindespezialisten“, die sich blitzschnell zusammenklappen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Alle Tiere sind in Originalgröße in männlicher und weiblicher Ausprägung abgebildet.

Die wunderschönen Zeichnungen im Buch stammen größtenteils aus historischer Fachliteratur. Mit ihrer Hilfe konnte ich sogar  einige Schmetterlinge, die ich beobachtet habe, bestimmen und etwas über ihre Eigenschaften lernen.

Das Buch Schmetterlinge enthält viele persönliche Erfahrungen einer Wissenschaftlerin, die manches auch nüchtern, geradezu spröde erzählt und doch immer die Liebe zu ihrer Arbeit spüren lässt. Für mich war die Lektüre ein Gewinn.

Eine lesenswerte Buchempfehlung habe ich bei Mannigfaltiges gefunden.

Andrea Grill: Schmetterlinge
Verlag Matthes & Seitz 2016, 159 Seiten
Reihe Naturkunden
ISBN 978-3-95757-249-3

11 Kommentare

  1. Es freut mich sehr, dass es dir auch gefallen hat. Ich blättere immer wieder gerne darin. Leider machen sich die Originalfalter bei mir heuer etwas rar.
    Und: Herzlichen Dank für die Verlinkung :-)
    LG Erich

    • Bei mir sieht es noch ganz gut aus mit Faltern. Jetzt überlege ich, welches Buch sich im Anschluss anbietet, eins von/über Frau Merian oder deine Empfehlung über Nabokov? Mal sehen.
      Liebe Grüße, Petra

  2. Interessant! Die Rezension erinnert ‘mal wieder schmerzlich ;-) daran, dass immer zu wenig Zeit ist, etwas “fachfremdes” zu lesen.

  3. Das scheinbar so Naheliegende ist doch immer wieder das Faszinierendste, und wenn Autoren genau hinschauen, dann eröffnen sie in einem Schmetterlingsflügel das gesamte Universum. Habe mir nach der Lektüre deiner Rezension die Leseprobe bei Amazon angesehen und werde mir das Buch wohl kaufen. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

    • Gern geschehen! Konntest du schon mal den Flug der Monarchfalter beobachten? Das muss ein beeindruckendes Naturschauspiel sein.

      • Ja, erst Ende letzten Dezember habe ich in Valle de Bravo ein Schutzgebiet besucht. Kurz nach Sonnenaufgang bin ich allein mit einem Führer auf einen der Berge gestiegen, auf denen sie überwintern. Erst haben sie noch in dichten Trauben in den Bäumen gehangen, aber mit der aufgehenden Sonne sind sie dann losgeflogen. Irgendwann war der ganze Wald voller flatternder Schmetterlinge, und es hat gerauscht, als würde es regnen.

        In Mexiko sind die Hochwälder durch illegale Abholzung in Gefahr, aber in den vergangenen Jahren wurden trotzdem eine ganze Reihe neuer Schutzgebiete gegründet. Es sind kommunale Projekte, der Staat gibt nichts dazu, aber die Gemeinden wissen, dass sie mit dem Schmetterling mehr verdienen als mit dem Verkauf von Holz (das sehen die Narcos und ihre Holzdiebe anders, weshalb es immer wieder zu handfesten Konflikten kommt). Das bescheidene Besucherzentrum von Valle de Bravo hat eine kanadischen Stiftung bezahlt. In Mexiko wird inzwischen viel für die Monarchfalter getan, dafür werden in Kanada und den USA die Lebensräume immer kleiner. Deshalb sind die Populationen in den letzten Jahren kleiner geworden. Auch an dieser Geschichte kann man eine Menge über uns und unsere Welt lernen…

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