Carmen Possnig: Südlich vom Ende der Welt – Mein Jahr in der Antarktis

Cover Possnig Südlich vom Ende der Welt

© Ludwig

Wie viele Kleidungsschichten schützen bei minus 80 Grad vor Erfrierungen? Wie erleben Menschen die monatelange Isolation auf einer Südpolstation? Wie verarbeitet der Körper die extreme Kälte und den Sauerstoffmangel der Antarktis? Und wie backt man auf mehr als 3.000 Metern Höhe, in extrem dünner Luft, perfekte Croissants? Carmen Possnig kennt die Antworten aus eigener Erfahrung. Für ein Jahr reiste die österreichische Allgemeinmedizinerin 2018 im Auftrag der ESA in die Antarktis: zur Station Concordia, die von Italien und Frankreich gemeinsam betrieben wird. Dieses Projekt diente auch als Vorbereitung für Langzeit-Weltraumflüge und Mars-Missionen. In ihrem Buch Südlich vom Ende der Welt erzählt Carmen Possnig von ihrem außergewöhnlichen Trip ins ewige Eis.

Bei der Ankunft im antarktischen Sommer war die Station noch von 70 bis 100 Personen bewohnt. Es herrschten Enge und ständiger Lärm. Carmen Possnig und die zwölf Mitglieder ihres Teams aus Forschenden und technischem Personal sehnten sich bald nach der Ruhe, die nach der Abreise aller anderen Personen eintreten würde. Schließlich begann ihre neunmonatige Isolation vom Rest der Welt, denn im Winter ist die Station unerreichbar!

Lebendig beschreibt Possnig, mit welchen Aktivitäten, Forschungsprojekten und Experimenten die Gruppe zu tun hatte. Sie gibt uns Einblicke in den Alltag und teilt ihre Erlebnisse in dieser grandiosen, aber auch eintönigen Landschaft aus Schnee und Eis. Zu ihren Aufgaben gehörten die regelmäßige Entnahme und Auswertung von Blutproben und die Überwachung der Tests im Flugsimulator einer Sojus-Kapsel, wo das Andocken an die Internationale Raumstation ISS mit viel Spaß am Crash geübt wurde. Außerdem ging es darum, herauszufinden, welchen Einfluss die dünne Atmosphäre auf das menschliche Immunsystem hat.

In dieser Extremsituation veränderte sich auch die Gruppendynamik – ein wichtiger Aspekt auch für zukünftige Weltraummissionen! Wie verändert sich die Psyche eines Menschen in einer so reizarmen Umgebung? Wie stark leidet man unter dem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus? Wer ist für solche Belastungen geeignet? Possnig stellte fest, dass sich bei allen Crew-Mitgliedern Konzentrations- und Schlafstörungen einstellten, sowie eine zunehmende Gereiztheit. Vor allem die dreieinhalbmonatige totale Finsternis während des antarktischen Winters zerrte an der Nerven. Während einige Team-Mitglieder die ewige Dunkelheit beklagten, konnten andere dem auch Positives abgewinnen und genossen den grandiosen Sternenhimmel. Auch der Mangel an Privatsphäre und der unvermeidbare Kontakt zu Menschen, die einem persönlich nicht nahestehen, sorgte für Konflikte, ebenso wie das Geschlechterverhältnis von zwei Frauen und elf Männern. Possnig bemüht sich um Neutralität, doch zwischen den Zeilen wird klar, wie sehr die Situation ihr zusetzte.

Um die Situation besser zu bewältigen und Stress abzubauen, standen viele Aktivitäten zur Wahl: von regelmäßigem Sport über Kochen bis zu Partys und gemeinsamen Sprachkursen. Oft half dies, die Gruppe wieder zusammenzuschweißen.

In spannenden Einschüben vergleicht Possnig die komfortable Situation in dieser beheizten, robust gebauten und mit genug Lebensmitteln ausgestatteten Forschungsstation mit den lebensgefährlichen Expeditionen von Robert Falcon Scott, Roald Amundsen und Ernest Shackleton.

So entsteht ein plastisches Bild von dieser lebensfeindlichen und zugleich überwältigend schönen Antarktis! Packend erzählt, extrem kurzweilig und hochinteressant!

Carmen Possnig: Südlich vom Ende der Welt – Wo die Nacht 4 Monate dauert und ein warmer Tag minus 50 Grad hat – Mein Jahr in der Antarktis
Ludwig Verlag 2020, 324 Seiten mit Fototeil
ISBN 978-3-453-28135-6
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