James Cheshire/Oliver Uberti: Die Wege der Tiere

Cover Cheshire Uberti Wege der Tiere

© Hanser

In der Tierforschung nimmt das Tracking – die Ausstattung von Tieren mit GPS-Sendern, Geolokatoren oder Funk-Transmittern – einen breiten Raum ein, denn sie ermöglicht es, ihnen bei ihren Wanderungen auch an unzugängliche Orte zu folgen. Das vereinfacht das Verständnis ihrer Lebensweise und damit auch den Schutz dieser Arten. James Cheshire, Geograf und Dozent am University College London, und Oliver Uberti, ein Bild-Designer, der für die Zeitschrift National Geographic tätig war, widmen sich dem Thema Tierwanderungen in ihrem elegant gestalteten Bildband Die Wege der Tiere. Sie übersetzten die Tracking-Daten von Forschern in anschauliche Karten und Grafiken, auf denen sie die Bewegungen von über 50 Tierarten darstellen. Schon beim ersten Durchblättern war ich hingerissen!

Für ihr Buch sprachen James Cheshire und Oliver Uberti mit vielen Pionieren auf dem Gebiet des Tier-Tracking, darunter Professor Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell. Dessen Projekt ICARUS setzt in Kürze sogar die Internationale Raumstation ISS ein, um Tieren bei ihren Wanderungen über die Kontinente zu folgen. Man erhofft sich u.a. Informationen über die Ausbreitung von Tierseuchen und das Fluchtverhalten von Tieren bei Naturkatastrophen. Viele Projekte dienen dem Artenschutz oder der Vermeidung von Konflikten zwischen Mensch und Tier. Daher werden die Daten auch in frei zugänglichen Netzwerken wie MovebankZoaTrack oder MEOP geteilt.

Cheshire und Uberti erzählen Geschichten über diese Forscher, stellen deren Projekte vor und zeigen auf ihren Karten die relevanten Landmarken und Treffpunkte der Tiere, zum Beispiel Wasserstellen, Schlafbäume, Brutkolonien der Zugvögel, Schutzgebiete und unüberwindliche Grenzen. Die Suche nach dem optimalen Sender für jede Tierart ist recht kompliziert, da die Tiere nicht zu stark in ihrer Lebensweise beeinträchtigt werden dürfen. Dank des Einfallsreichtums der Forscher reicht die Bandbreite der getrackten Tierarten heute von winzig kleinem Meeresplankton über Hummeln, Flughunde, Jaguare, Pythons und Giraffen bis zu Elefanten und Walen. Auf den Karten im Bildband können wir die Bewegungen einzelner Tiere über einen längeren Zeitraum verfolgen und erfahren spannende Details über ihren Lebensrhythmus, welche Distanzen sie überwinden und wie unterschiedlich ihre Routen zum gleichen Ziel manchmal verlaufen.

Slavc, ein osteuropäischer Wolf, konnte bei seiner über 1.000 Kilometer langen Wanderung durch mehrere Alpenländer beobachtet werden. In vier Monaten passierte er Autobahnen, durchquerte breite Flüsse und überwand bei eisiger Kälte einen 2.600 Meter hohen, tief verschneiten Pass, bis er schließlich im italienischen Naturpark Lessinien eine Partnerin fand und sesshaft wurde.

Rätselhaft waren zunächst die Daten einer Schnee-Eulen-Population im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada. Normalerweise ernähren sie sich im Winter von Nagetieren. Doch in einem besonders kalten Winter, als nur wenig Nagetiere zur Verfügung standen, flogen die Schnee-Eulen von einem zugefrorenen See zum nächsten. Ihr Ziel: Wasservögel als Beute – eine echte Überraschung für Ornithologen.

Neben den geografischen Karten gibt es im Buch auch fantastische Grafiken, die zum Beispiel das Auf und Ab des Planktons im Tag-Nacht-Rhythmus zeigen, oder eine Visualisierung der spiralförmigen Aufwinde, mit denen Gänsegeier sich kraftsparend in die Höhe schrauben – atemberaubend! Die Daten sind nicht nur für Tierforscher von Bedeutung. Rudolf, der See-Elefant, taucht bis zu 1.500 Meter tief. Mit seinem Hightech-Sender hilft er Meeresforschern bei der Messung der Wassertemperatur in verschiedenen Schichten des antarktischen Ozeans.

Eine wichtige Erkenntnis zieht sich durch die verschiedensten Projekte hindurch: der Aktionsradius der Tiere ist oft viel größer als erwartet. Die Schutzgebiete, die für bestimmte Tierarten geschaffen wurden, entsprechen selten deren Lebensgewohnheiten. Dies gilt sowohl für afrikanische Elefanten als auch für die Meeresschildkröten im Indischen Ozean. Bei australischen Leistenkrokodilen erwies sich eine Umsiedlung als nutzlos, da die Tiere immer wieder in ihre angestammten Reviere zurückkehrten und dem Lebensraum der Menschen bedrohlich nahekamen. Mithilfe von Tracking-Daten lässt sich das genau nachvollziehen und die Ausweisung von Schutzgebieten ist besser planbar.

 

 

Jede Geschichte im Bildband Die Wege der Tiere zeigt uns neue Aspekte aus deren Leben, die ohne Tracking verborgen blieben. James Cheshire und Oliver Uberti haben geschickt aus der Fülle der Daten herausgefiltert und eine eigene Bildersprache für die Tierwanderungen gefunden, mit Details wie Windströmungen, Lufttemperatur oder Schallwellen. Aus vielen Puzzlestücken ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Sowohl Naturfreunde als auch Kartenfreaks werden begeistert sein!

James Cheshire/Oliver Uberti: Die Wege der Tiere – Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft in 50 Karten
Aus dem Englischen von Claudia van den Block
Hanser Verlag 2017, 174 Seiten
ISBN 978-3-446-25665-1
Leseprobe

Nominiert zum Wissensbuch des Jahres 2018 in der Kategorie Ästhetik

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