Johann Brandstetter/Elke Zippel: Wie Schmetterlinge leben

Cover Brandstetter Zippel Schmetterlinge

© Haupt

Neulich beobachtete ich meinen ersten Schmetterling des Jahres beim Sonne tanken. Es war ein Admiral, der vermutlich den Winter hier in der Pfalz verbracht hat – obwohl er eigentlich ein Wanderfalter ist. Bis in die 80er Jahre zog diese Art jeden Herbst gen Süden und kam im Frühling wieder zurück. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit trotzen einige Admirale heute der winterlichen Kälte in unseren Breiten. Mehr über den Lebenszyklus des Admirals und anderer Falter habe ich im neuen Bildband Wie Schmetterlinge leben erfahren. Das Buch ist eine gelungene Zusammenarbeit zwischen der Biologin Elke Zippel und dem preisgekrönten Naturillustrator Johann Brandstetter, dessen Kunst ich sehr schätze.

Im Blog habe ich bereits einige von ihm illustrierte Werke vorgestellt: Magie des Staunens von Rachel Carson, das 2017 als Wissensbuch des Jahres ausgezeichnete Buch Symbiosen – zusammen mit dem Biologen Josef H. Reichholf, und zuletzt den Bildband Über Leben, einen Querschnitt durch Johann Brandstetters Schaffen.
Dieses neue Buch ist ein Zeugnis seiner lebenslangen Begeisterung für die Schmetterlinge. Elke Zippel hat es mit lehrreichen und engagierten Texten über die komplexe Lebensweise der Falter angereichert.

Die Biologin stellt uns zunächst verschiedene Lebensräume mit ihren typischen Bewohnern vor. Auf kargem Magerrasen herrschen andere Lebensbedingungen für die Falter als in Auwäldern, im Hochgebirge, der eisigen Tundra oder im tropischen Regenwald. Was macht diese Habitate aus und wodurch sind sie heute bedroht? Welche Pflanzen wachsen dort und welche Falter haben diese Lebensräume besiedelt?

Der Hauptteil des Bildbands widmet sich den Porträts vieler Schmetterlings-Arten. Nach einem Überblick zur Systematik lernen wir zum Beispiel die Familien der urtümlichen Wurzel- und Holzbohrer kennen, durchscheinende Glasflügler, zarte kleine Bläulinge, prächtige Edelfalter, exotisch anmutende Schwärmer und die große Familie der Eulenfalter.

Neben dem Text zeigen kleine Zeichnungen die vorgestellten Arten. Doch am beeindruckendsten sind die großen Bildtafeln, auf denen Schmetterlinge mit ihren Futterpflanzen abgebildet sind. Man kann zauberhafte Details erkennen: Blütenstände und Samenkapseln der Pflanzen, die Stadien im Leben eines Schmetterlings, Lebensgemeinschaften in bestimmten Ökosystemen, getarnte Falter auf der Borke eines Baums – und natürlich auch die Schmetterlingsart, die nach Johann Brandstetter benannt wurde: Mormogystia brandstetteri, ein Holzbohrer, der nur auf dem Sokotra-Archipel im Indischen Ozean zu finden ist.

Ein herausragendes Beispiel für die kunstvolle Gestaltung der großen Bildtafeln ist unten zu sehen: der Lebenszyklus des Schwarzblauen Bläulings. Er legt seine Eier in die Blütenstände des Großen Wiesenknopfs. Kaum sind die Raupen geschlüpft, lassen sie sich fallen und werden von Ameisen in deren Bau getragen. Dort werden sie bis zum Schlupf der Bläulinge gehegt und gepflegt. Die Leidtragenden sind die Ameisen, denn die Raupen vertilgen ihre Brut!

Lebenszyklus des Schwarzblauen Bläulings von Johann Brandstetter

Lebenszyklus des Schwarzblauen Bläulings © Johann Brandstetter

 

Ein weiteres Beispiel ist die folgende Zeichnung einer Brennnessel. Diese Pflanze dient gleich mehreren Arten als Kinderstube: Tagpfauenaugen, C-Falter, Admirale und weitere Falter legen dort ihre Eier. Ein reichhaltiges Buffet für die jungen Raupen – wobei jede Art einen anderen Teil der Pflanze bevorzugt. Elke Zippel legt uns ans Herz, die lästigen Brennnesseln in unseren Gärten auch mal stehen zu lassen, denn manche Arten sind auf diese Futterpflanze spezialisiert und können sich ohne sie nicht fortpflanzen.

Brennnessel: Nahrungspflanze vieler Raupen von Johann Brandstetter

Brennnessel: Nahrungspflanze vieler Raupen © Johann Brandstetter

In Bildern und Texten wird die enge Verbindung zwischen den Arten verdeutlicht. Je stärker die Schmetterlinge auf bestimmte Nahrungspflanzen spezialisiert sind und je bedrohter der Lebensraum, umso gefährdeter ist ihr Überleben. Diese wichtige Botschaft zieht sich durch das ganze Buch!

Erst durch die Lektüre dieses Buches wurde mir bewusst, wie kurz die Lebensdauer erwachsener Schmetterlinge ist – oft sind es nur wenige Wochen. Ihre schillernde Pracht, die unsere Blicke magisch anzieht, zeigen sie nur während der letzten Lebensphase: als sogenannte Imago. Den größten Teil ihres Lebens verbringen Falter in anderen Stadien der Metamorphose, vom Ei zur Raupe zur Puppe, bevor sie dann schlüpfen. Fasziniert bin ich von den unterschiedlichen Eiformen, den skurrilen Raupen und den Varianten bei den Puppen. Je nach Art der Befestigung gibt es zum Beispiel Stürz- und Gürtelpuppen. Eine unglaubliche Farben- und Formenvielfalt ist hier zu entdecken!

Ich freue mich nun auf flatterhafte Frühlingsboten wie den Zitronenfalter und den Aurorafalter, die beide zur Familie der Weißlinge zählen. In diesem Buch gibt es viele nützliche Informationen über die bezaubernden Falter: ihre bevorzugten Futterpflanzen, die Tricks zur Tarnung und Täuschung der Fressfeinde, ihre Balzrituale und die unterschiedlichen Ökosysteme, auf die sie angewiesen sind. Wie Schmetterlinge leben ist ein traumhaft schöner und zugleich informativer Bildband – also bestens geeignet zum Schmökern und zum Nachschlagen!

Johann Brandstetter/Elke Zippel: Wie Schmetterlinge leben – Wundersame Verwandlungen, raffinierte Täuschungen und prächtige Farbspiele
Haupt Verlag 2019, 224 Seiten mit 58 Bildtafeln und 250 Abbildungen
ISBN 978-3-258-08143-4
Leseprobe

Vom 17. Mai bis zum 31. Januar 2021 läuft im Museum Wiesbaden die Ausstellung
Schmetterlingen auf der Spur mit den Illustrationen von Johann Brandstetter!

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5 Kommentare

  1. Schön!
    Manchmal fehlt bei aller Schmetterlingsliebe noch die geignete Hinführung zu Details der Lebensbedingungen dieser allseits geliebten Tiere. Dies scheint das Buch auf vortreffliche Art zu leisten. :-)

    Jüngst hatte ich im Botanika Bremen und im “Überseemuseum” Gelegenheit, live und abgebildet/präpariert viele, viele Arten anzusehen, zuletzt im Schnelldurchgang, da die Zeit ablief.

    Danz wunderbar die vielrlei Formen. Auffällig waren natürlich die Ritterfalter und Edelfalter.

    Letztes Jahr hatte ich im heimischen Raum wohl 6, 7 verschiedene Falter fotografiert, abgesehen von kleinen Motten wie etwa die Gespenstmotte.
    Viel mehr werde ich sicher dieses Jahr nicht sehen!!!. Wo soleln sie auch herkommen?

    • Ich habe mir im letzten Jahr Präparate im Frankfurter Senckenberg Museum angeschaut. Was für eine beeindruckende Sammlung!
      Seit ich in der Pfalz wohne, habe ich viele Schmetterlings-Arten erstmals gesehen und lerne ständig dazu. Da hilft so ein fantastisches Buch mir besonders, weil es neben den schönen Illustrationen auch die Zusammenhänge erklärt. Aber es werden natürlich immer weniger. Darauf wird im Buch deutlich hingewiesen.

  2. Buch bestellt. Danke für den Tipp.

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