Monika Offenberger: Symbiose

Ein Sachbuch über die vielfältigen Formen der Zusammenarbeit in der Natur

Offenberger Symbiose

© dtv

Das World Wide Web kennt jeder, aber was ist mit dem viel größeren und viel älteren Wood Wide Web, dem Kommunikationsnetz, mit dem sich Bäume untereinander vor Schädlingen und Gefahren warnen? In diesem Buch habe ich zum ersten Mal davon erfahren und finde es absolut faszinierend! Die Bäume nutzen dazu die Partner, mit denen sie in enger Symbiose leben, nämlich Pilze. Der größte Teil dieses Netzwerks befindet sich im Erdreich, wo die Pilze mit ihrem feinen Wurzelwerk, dem Mycel, die Wurzeln der Bäume umschlingen und durchdringen. Dieses Mycel kann sich kilometerweit ausdehnen und auf chemischem Weg Botschaften übermitteln. Die Symbiose zwischen Bäumen und Pilzen besteht aus einem vielfältigen Austausch von Nährstoffen. Während die Pilze Phosphat und Stickstoff aus dem Boden lösen und an die Baumwurzeln abgeben, erhalten sie dafür Traubenzucker, den die Bäume durch Photosynthese herstellen – ein perfekter Tausch!

Dies ist nur ein Beispiel für die Kooperation verschiedener Organismen, die die Biologin und Wissenschaftsjournalistin Monika Offenberger in ihrem Buch Symbiose vorstellt. Solche Bündnisse haben sich im Laufe der Erdgeschichte herausgebildet und perfektioniert, so dass viele Lebewesen ohne einen Symbiosepartner gar nicht mehr fähig wären zu überleben. Vom gegenseitigen Austausch von Nährstoffen bis hin zum Schmarotzertum zum Schaden des Wirtsorganismus gibt es sehr unterschiedliche Grade der Symbiose.

Möglicherweise sorgte eine spezielle Form der Symbiose, die Endosymbiose, sogar für einen Meilenstein der Evolution. Nach der Endosymbiontentheorie, zu deren Anerkennung die Evolutionsbiologin Lynn Margulis entscheidend beigetragen hat, wurden urzeitliche Einzeller zu mehrzelligen Organismen wie den Mitochondrien verschmolzen. Die Endosymbiose ist demnach ein unverzichtbarer Faktor für die Entwicklung komplexerer Lebensformen und letztlich für die Existenz der Menschen. Dieser Theorie widmet sich die Autorin ausführlich.

Was wäre unsere Welt, wenn es keine Symbiosen gäbe und nie gegeben hätte? Sie sähe radikal anders aus, als wir sie kennen. Es gäbe keine Wälder, keine Wiesen, kein einziges Tier, weder an Land noch im Wasser. Keine Mäuse, keine Fische, keine Vögel, keine Würmer, nicht einmal Schimmelpilze oder Pantoffeltierchen. Natürlich gäbe es auch uns selbst nicht, keine denkenden Wesen, die Betrachtungen über die Welt anstellen können.

Symbiosen gibt es in allen Lebensräumen. Einige lernen wir in diesem Buch besser kennen:

  • An Korallenriffen wie dem Great Barrier Reef gibt es Korallen und Algen, die in gemeinsamer Anstrengung Kalk bilden und dem Sonnenlicht als Energielieferant entgegen wachsen. Der Klimawandel sorgt allerdings für das Absterben solcher Riffe.
  • Am Meeresgrund bei den Schwarzen Rauchern fehlt es an Licht als Energiequelle. Die dort lebenden Riftiawürmer bilden daher eine enge Kooperation mit Schwefelbakterien, die in ihrem Inneren leben und dort Chemosynthese betreiben.
  • Blattschneiderameisen bilden einen Superorganismus zusammen mit Pilzen, die sie in ihrem Bau kultivieren, und Mikroben, die sie gegen Parasiten schützen. Sie betreiben damit eine Form von Landwirtschaft.
  • Auch der Mensch lebt in enger Symbiose mit Billionen Mikroorganismen, die das Innere und Äußere unseres Körpers bevölkern. Von Geburt an sorgen sie dafür, dass unser Körper nicht von Schädlingen überrannt wird. Vor allem im Darm haben sich eine Vielzahl von Mikroben angesiedelt, die beim Zersetzen der Nahrung helfen. Im Gegenzug ernähren sich diese Bewohner von den Abfallstoffen. Bisher ist erst ein Bruchteil dieser lebenswichtigen Austauschprozesse bekannt.

Mit diesem Buch lenkt Monika Offenberger unseren Blick auf einen der zentralen Mechanismen der Natur. Der Autorin gelingt es sehr gut, die komplexe Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Spezies, die chemischen Prozesse in den Zellen sowie die Veränderungen im Laufe der Evolution zu erläutern. Sie berichtet von aktuellen Forschungsprojekten und lässt die beteiligten Wissenschaftler zu Wort kommen. Auch ein Ausblick auf die Anwendungen in der Medizin und der Landwirtschaft fehlt nicht, denn je besser wir das Prinzip der Symbiose verstehen, um sehr besser können wir sie sinnvoll einsetzen. Ein interessantes und flüssig erzähltes Buch.

Monika Offenberger: Symbiose – Warum Bündnisse fürs Leben in der Natur so erfolgreich sind
Deutscher Taschenbuch Verlag dtv 2014
ISBN 978-3-423-26055-8

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6 Kommentare

  1. Interessant. Das werde ich mir besorgen. Danke für den Hinweis.

  2. Ein hochinteressantes Thema, da wirkt das Coverbild leicht angestaubt und täuscht eher über die Komplexität der Zusammenarbeit hinweg! Tolles Buch, danke für den Tipp!

  3. Danke für den Buch tipp und schöne Weihnachten.

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