Ulrike Fokken/Stefanie Argow: Spuren lesen

Cover Fokken Argow Spuren lesen

© Quadriga

Eine Spur zieht sich durch den Garten, gut erkennbar im pulverigen Schnee. Ich erkenne fünf Zehen, Ansätze von Klauen und Ballen. Von welchem Tier mag sie stammen? Und wie alt ist die Spur? Auch bei Spaziergängen und Wanderungen treffe ich auf unbekannte Trittsiegel, die ich gern enträtseln möchte. Im Buch Spuren lesen erfahre ich, wie ich am besten vorgehe. Zwei zertifizierte Fährtenleserinnen nehmen uns mit auf Entdeckungstour und erzählen von ihren Beobachtungen in der Natur: die Umweltjournalistin, taz-Reporterin und Autorin Ulrike Fokken und Sozialpädagogin Stefanie Argow, die bei Forschungseinrichtungen und Naturschutzorganisationen als Expertin gefragt ist.

Auf geht´s: in die Wildnis von Berlin zu Dachsen, Füchsen und Wildschweinen; in eine Feldlandschaft bei Dresden, wo sich Feldhasen und Rehe tummeln; auf der Suche nach Rothirschen in eine alpine Schneelandschaft; in die Sierra Nevada, das Rothaargebirge und in das Naturschutzgebiet der Lausitz, wo sich wieder Wölfe angesiedelt haben. In diesen Umwelten folgen wir den Spuren verschiedener Tiere.

Spuren: damit sind nicht nur die Fährten der Tiere gemeint, sondern auch ihr Kot, Federn und Tierhaare, Fraßspuren an Pflanzen oder die Reste ihrer Beute. Auch Geräusche oder der Geruch, den sie hinterlassen, zählen dazu. Diese Spuren erzählen Geschichten über ihre Lebensweise.

»Beim Spurenlesen können wir die Bresche schließen, die unsere Zivilisation in das Verhältnis von Mensch und Natur geschlagen hat. Wir erkennen, wie klug ein Reh seinen Liegeplatz auf einer Böschung gewählt hat. Wir sehen, wie schlau ein Fuchs seinen Pfad durch unwegsames Gelände wählt, und wir können beim Spurenlesen für Momente wieder ein Teil der Natur werden, wenn wir uns auf die Geschichte einlassen, die die Spuren erzählen.«

In diesem Sinne lassen uns die Expertinnen an ihren Beobachtungen teilhaben und geben Einblicke in verschiedene Ökosysteme mit ihren Räuber-Beute-Beziehungen, Nahrungsketten und dem Familienleben der Tiere. Die Form und Größe der Spuren verrät, ob es Pfoten oder Hufe sind, ob sie von einem großen oder kleinen, leichten oder schweren Tier stammen. Die Gangart und der Abstand der Abdrücke lassen Rückschlüsse zu, ob sie gemächlich unterwegs waren, galoppierten oder sprangen. Es klingt zwar unappetitlich, im Kot eines Tieres zu wühlen, aber genau das zählt zu den nützlichsten Aspekten der Spurensuche!

In diesem kurzen Video erzählen die Autorinnen, worauf sie achten und wie ihre Handspanne beim Identifizieren einer Spur hilft. Im Buch folgen dazu ausführliche Erläuterungen. Argow und Fokken sind regelmäßig auf der Pirsch und haben die Tiere im Laufe der Zeit immer besser kennengelernt. Und manchmal versuchen sie, einem Tier bis ans Ende seiner Fährte zu folgen. Sie berichten vom Lautrepertoire der Dachse, der kulinarischen Vielfalt bei Füchsen und den ritualisierten Scheinkämpfen der Steinböcke. Und sie weisen auf die Konflikte zwischen Mensch und Tier in einem gemeinsam genutzten Lebensraum hin. Aus vielen Puzzlesteinen ergibt sich ein Bild über den Lebensrhythmus der Tiere.

Besonders amüsant liest sich die Schilderung eines Feder-Stammtisches, an dem Stefanie Argow teilnahm. Bei diesem Treffen ging es um Gewölle, also ausgewürgte Klumpen bzw. Speiballen verschiedener Vögel. Die Gruppe diskutierte angeregt über die verschiedenen Bestandteile, zum Beispiel Chitinpartikel von Insekten, Knöchelchen und andere unverdaute Reste der Nahrung. So ein Gewölle würde ich gern einmal finden und unter die Lupe nehmen!

Nach der Lektüre ist mir klar, wie groß die Bandbreite an Spuren ist! Das Buch Spuren lesen hat mir die Augen geöffnet. Leider gibt es darin nur wenige Abbildungen. Doch unter den 20 Trittsiegeln in Originalgröße fand ich auch meine Spur aus dem Garten! Die konnte ich einem Steinmarder zuordnen. Nun achte ich noch genauer auf die vielen Hinweise in der Natur und versuche das Gesamtbild zu entschlüsseln.

Ulrike Fokken/Stefanie Argow: Spuren lesen – Geschichten, die uns die Fährten der Tiere erzählen
Quadriga Verlag 2020, 288 Seiten
mit Illustrationen von Florian Frick und Iris Luckhaus
ISBN 978-3-86995-101-0
Leseprobe

Beitrag empfehlen

Ein Kommentar

  1. Diese Gewölle zu untersuchen, war auch mal Bestandteil eines Videos, das ich vor Jahren sah.
    Man kann ja auch aus versteinerten Mageninhalten viel schliessen.

    Danke für diese interessante Vorstellung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.