Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten

Cover Morris Leben der Surrealisten

© Unionsverlag

Der Surrealismus war eine einflussreiche Kunstrichtung, deren Glanzzeit die 1920er bis 50er Jahre umspannt. Kennzeichen: Provokation, Bruch mit den Konventionen, Traum- und Alptraumwelten, Verfremdung, Spontaneität … Mein Interesse für diese Epoche wurde entflammt durch die Lektüre des Buchs Die Surrealistin von Michaela Carter: ein empfehlenswerter Roman über die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington und ihre Beziehung zum Künstler Max Ernst. Ich hoffte, im Buch Das Leben der Surrealisten von Desmond Morris mehr zu erfahren. Meine Erwartungen wurden allerdings teilweise enttäuscht.

Desmond Morris war mir bisher ein Begriff als bedeutender Zoologe, Verhaltensforscher und erfolgreicher Sachbuch-Autor. Doch er blickt auch auf eine Karriere als surrealistischer Künstler zurück. Das Cover des vorliegenden Buchs ist von ihm gestaltet. Morris macht schon in seinem Vorwort deutlich, dass es ihm nicht um eine Auseinandersetzung mit der Kunst der Surrealisten geht, sondern um ihre Lebensgeschichten und Persönlichkeiten. Viele Menschen, die er in seinem Buch porträtiert, kannte er persönlich.

Es sind biografische Skizzen über 27 Künstler und 5 Künstlerinnen, die dem Surrealismus in ganz unterschiedlicher Intensität verbunden waren: Schlüsselfiguren wie André Breton, Hans Arp, Edouard Mesens, Roland Penrose und Conroy Maddox, große Namen wie Salvador Dalí, Joan Miró und Meret Oppenheim, Außenseiter wie Man Ray und Verstoßene wie Giorgio de Chirico. Jedes Kapitel umfasst etwa zehn Seiten, mit einem kurzen Überblick zu biografischen Daten, Elternhaus und Liebesbeziehungen, einem Porträtfoto und einem Kunstwerk.

Wer mit wem? Sex und Liebe – Freundschaft oder Feindschaft

Im Vordergrund stehen das Sexleben der Porträtierten und andere zwischenmenschliche Aspekte. Morris erzählt süffig von Partys, Skandalen und Exzessen. Er liefert pikante Details, häufig nur Gerüchte, zu den wechselnden Beziehungen der Künstlerinnen und Künstler, ihren Heiraten, Beziehungskrisen und Scheidungen; ja sogar zu den sexuellen Lieblingspraktiken mancher Protagonisten lässt er sich aus, kurz: Klatsch und Tratsch über die privatesten Dinge.

Das Porträt über André Breton als Gründer der surrealistischen Bewegung ist besonders ausführlich und wunderbar bissig formuliert. Es zeigt einen einflussreichen, bedeutsamen Theoretiker und Künstler, zugleich aber einen zutiefst unbeliebten Langweiler, Autokraten, Schwulenhasser und Frauenverächter. So erhalten wir zugleich eine Vorstellung vom Frauenbild der Surrealisten: »die Frau war Muse, Sexobjekt und dekorativ, aber zweitrangig«. Für die Künstlerinnen war es nicht leicht, sich Respekt zu verschaffen.

Eine große Rolle spielt im Buch, wer wen künstlerisch, finanziell oder anderweitig unterstützte, wer in den inneren Zirkel der französischen Surrealisten um Breton aufgenommen, und vor allem wer – wie zum Beispiel Giorgio de Chirico – wieder verbannt wurde. Aus engsten Freundschaften wurden kompromisslose Feindschaften, die gegenseitige öffentliche Schlammschlachten nach sich zogen.

Kunst des Surrealismus als Nebensache

Wer etwas über die Kunstrichtung des Surrealismus erfahren möchte, kommt im Buch nur bedingt auf seine Kosten. Im Vorwort gibt Morris zumindest eine lesenswerte Einführung. Weitere Informationen sind in manchen Porträts versteckt.

Die surrealistische Bewegung ist aus dem Dadaismus hervorgegangen, als Reaktion auf das sinnlose Morden im Ersten Weltkrieg und als Protest gegen das Establishment. Das Wesen des Surrealismus bestand darin, aus dem Unbewussten zu schöpfen: »arbeite mit dem Unbewussten, analysiere nicht, plane nicht, lass den Verstand draußen, kümmere dich nicht um Schönheit und Ausgewogenheit. Lass deine dunkelsten, irrationalsten Gedanken aus deinem Unbewussten aufsteigen und sich auf deiner Leinwand ausbreiten.«

In einigen Kapiteln äußert sich Morris ausführlich zum künstlerischen Prozess. Er schildert Max Ernst als experimentierfreudigsten Surrealisten und geht auf die verstörenden Werke von Hans Bellmer und Francis Bacon ein. Gern hätte ich mehr dieser klugen Anmerkungen über Werke und ihre Entstehung gelesen. Oft gab es Konflikte zwischen André Bretons strengen theoretischen Vorgaben und den surrealistischen Werten von Freiheit und Kreativität. Dies führte bei Künstlern wie André Masson zur Entfremdung von der Pariser Gruppe.

Zwiespältiger Gesamteindruck

Stilistisch ist das Buch leider nicht aus einem Guss. Manche Lebensbilder sind banal und oberflächlich gestrickt. Da werden Lebensdaten aneinander gereiht wie in einem Schulaufsatz und platt psychologisiert nach dem Motto: engstirniges Elternhaus – daraus folgt rebellischer Künstler/rebellische Künstlerin. Andere Porträts hingegen sind witzig und originell. Manche Texte sind einfühlsame Charakterstudien voller feiner Beobachtungen, zum Beispiel über Arshile Gorky, den »Surrealisten mit dem traurigsten Lebenslauf« oder den vom Krieg traumatisierten Francis Bacon, der Hunderte seiner Werke aus Unzufriedenheit zerstörte.

Das Leben der Surrealisten von Desmond Morris war für mich eine manchmal ärgerliche, insgesamt aber kurzweilige Lektüre, bei der auch ein paar Körnchen über die Kunst abfielen. Ein Buch, das nicht satt macht, sondern Appetit auf weitere Lektüren – und vor allem Museumsbesuche – weckt. Es eignet sich immerhin gut, um die Allgemeinbildung etwas aufzupeppen: Wer gehörte zur surrealistischen Kunstbewegung? Von welchen Persönlichkeiten wurde diese Kunst beeinflusst? Wie entwickelten sich bestimmte Künstler weiter? Und vor allem: Wie tickten diese Menschen? Desmond Morris als Teil dieser Bewegung hat mir ein facettenreiches Gesamtbild vermittelt.

Mehr Begeisterung für das Buch lest ihr bei Sebastian Meißner von Sounds & Books und bei Eva Hepper vom Deutschlandfunk Kultur.

 

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten
Aus dem Englischen von Willi Winkler
Unionsverlag 2020, 352 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-293-00556-3
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7 Kommentare

  1. Ich hatte vor ein paar Jahren ein Büchlein über den Surealismus gelesen…ganz einfach, um etwas mehr bescheid zu wissen.
    Was ich dunkel in Erinnerung habe, war ein Konflikt über politische Arbeit ja/nein. Einige Künstler sind in die kommunistische Bewegung abgewandert, wo sie offensichtlich mehr an Änderungspotential für die Gesellschaft sahen.
    Breton war m.E. noch länger aktiv, d.h. die Bewegung war nicht so kurzlebig wie es allgemein angenommen wird.

    Die sexuellen Eskapaden interessieren mich nur am Rande. Daß die Frauen es in dieser Zeit nicht leicht hatten, wen wunderts.
    Emanziaptorische Prozesse dauern eben Jahrhunderte – so leid es mir tut. Immerhin waren sie mit im Boot und taten ihr Quäntchen zum Fortschritt.

    1989/90 gab es in Frankfurt eine große Surreaslistenausstellung. Den Katalog hierzu konnte ich erst Jahre später kaufen, weil mir DAMALS die Ausstellung nicht in allen Teilen gefiel. Ich denke, das war die letzte Mammutausstellung in Frankfurt!!

  2. Deine Ausflüge in die Kunst sind eine hochinteressante Wende in deinem Blog! Ob uns die Kunst mehr über die Wirklichkeit verrät hat als die Naturwissenschaften? Zumindest etwas, scheint mir, das unsere entzauberte, positivistisch-rationalistisch-materialistische Zeit dringend nötig hat. Oder was verbindest du damit?

    Elena Poniatowska hat übrigens einen biografischen Roman über Leonora Carrington geschrieben, den ich über weite Strecken gut fand — “Die Frau des Windes” heißt er in der deutschen Übersetzung. Dazu habe ich hier auch was geschrieben: https://ausmexiko.wordpress.com/2016/05/08/ich-habe-nie-eine-melone-gemalt. Vielleicht interessiert dich das ja auch.

    • Kunst und Künstlerbiografien fand ich schon immer spannend. In meiner Familie gibt es zwei Malerinnen, deren Werke mich seit meiner Kindheit begleiten. Da das Wissensbuch des Jahres wegen Corona ausfällt, nehme ich mir in diesem Jahr mehr Zeit dafür.
      Ich würde nicht sagen, dass Kunst uns mehr über die Wirklichkeit sagt als die Naturwissenschaft. Sie spricht uns auf andere Weise an, ist sinnlich und manchmal rätselhaft. Das reizt mich. Ich brauche auf jeden Fall beides: die Kunst und die Wissenschaft!
      Vielen Dank für deinen wunderbaren Tipp! Der von dir empfohlene biografische Roman spricht mich sehr an! Leonora Carringtons Buch »Unten« kenne ich inzwischen. Außerdem habe ich noch den Roman »Max« von Markus Orths entdeckt. Viel Stoff, um das bisher Gelesene abzurunden.

  3. Zum Thema “Künstlerbio” habe ich noch einen Tipp für dich, falls du Jackson Pollock magst: https://meinkunstbuch.wordpress.com/2018/11/02/jackson-pollock-die-biografie/

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