Peter Ward/Joe Kirschvink: Eine neue Geschichte des Lebens

Evolution durch Klimakatastrophen

Cover Neue Geschichte des Lebens

© DVA

Beim größten Massenaussterben aller Zeiten, an der Schwelle vom Perm zur Trias, starben 90 % aller Arten aus. Dieses Ereignis war geprägt von Sauerstoffmangel, viel Kohlendioxid in der Atmosphäre, einer hohen Konzentration von Schwefelwasserstoff in den Ozeanen, 40 Grad Wassertemperatur und 60 Grad Hitze an Land! In der Folge kam es zu einer explosionsartigen Entwicklung neuer Arten mit neuen Körperbauplänen.
Für die amerikanischen Naturwissenschaftler Peter Ward und Joe Kirschvink steht fest: Katastrophen wie diese waren der wichtigste Faktor bei der Entwicklung des Lebens. Ihr Buch Eine neue Geschichte des Lebens ist ein interdisziplinärer Überblick über die gesamte Geschichte des irdischen Lebens, mit dem sie an Richard Forteys Buch Leben – Eine Biographie. Die ersten vier Milliarden Jahre anknüpfen – einem populärwissenschaftlichen Bestseller, der vor 20 Jahren erschienen ist. Dabei geht es den Autoren vor allem um das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Stoffkreisläufe und die Konsequenzen für die Lebensformen auf der Erde.

Wissensquellen

Das Spezialgebiet von Peter Ward, Professor für Biologie, Geo- und Weltraumwissenschaften an der Universität von Washington, ist die Paläobiologie. Joe Kirschvink ist Professor für die interdisziplinär arbeitende Geobiologie am Institute of Technology in Kalifornien. In ihrem Buch verarbeiten die Autoren eigene und fremde Forschungsergebnisse der letzten beiden Jahrzehnte. Disziplinen wie die Genetik, Chemie, Biochemie und die Botanik arbeiten heute enger mit den Paläontologen zusammen als zu Richard Forteys Zeiten. Neue Fossilienfundstellen haben dazu beigetragen, das Wissen über die erdgeschichtliche Entwicklung zu erweitern.

Sauerstoff, Kohlendioxid und Temperaturschwankungen

Darwins Vorstellung von einer allmählichen Evolution des Lebens verliert durch die neuen Erkenntnisse an Bedeutung. Ward und Kirschvink betonen demgegenüber den Einfluss von Katastrophen. So kam es im Laufe der Erdgeschichte immer wieder zu plötzlichen Klimaveränderungen. Die Konzentration von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Atmosphäre und den Meeren schwankte sehr stark. In Phasen hoher CO2-Konzentration litt der Planet unter einem massiven Treibhauseffekt. Doch es gab auch Zeiten der Vergletscherung, für die Joe Kirschvink den Begriff Schneeball-Erde prägte. Diese heftigen Schwankungen in den Stoffkreisläufen hatten gravierende Auswirkungen. Sie krempelten ganze Ökosysteme um und forderten eine schnelle Anpassung der Überlebenden. Arten, denen das nicht gelang, starben aus.

Massenaussterben und beschleunigte Evolution

Neben den sogenannten Big Five, den fünf großen Massenaussterben, bei denen mehr als die Hälfte der Arten ausstarben, machen die Autoren fünf weitere dramatische Ereignisse aus. Die Ursachen sind bis heute nicht aufgeklärt. Nur wenige davon lassen sich eindeutig auf Vulkanismus oder den Einschlag eines Asteroiden zurückführen. Die Autoren zeigen detailliert die unterschiedlichen Konsequenzen für das Leben im Meer und an Land. Nach jedem Massenaussterben erholte sich das Leben wieder. Die biologische Vielfalt stieg explosionsartig an mit weiterentwickelten Arten und neuen Körperbauplänen. Die im Buch geschilderten Entwicklungen der Skelette, der Blätter oder der Atmungsorgane sind faszinierend.

Schwächen des Buches

Leider hat dieses ambitionierte Werk auch einige Schwächen. So gibt es neben vielen flüssig erzählten Kapiteln, vor allem über eigene Forschungsprojekte, auch Passagen mit gebetsmühlenartigen Wiederholungen und sogar aufeinander folgende Absätze desselben Inhalts, leicht variiert. Für Irritation sorgt auch, dass die Autoren sich nicht auf die Zeiträume konzentrieren, die in den Kapitelüberschriften genannt wurden. Teils geriet die Chronologie völlig durcheinander, Fakten wurden an Fakten gereiht oder die klare Argumentationslinie fehlte. Auch der Hang der Autoren, ihre Beiträge zu Theorien oder Definitionen zu betonen, trübte das Lesevergnügen. Es hat sich dennoch gelohnt!

Fazit: Viele neue Einsichten!

Diese Neue Geschichte des Lebens bietet einen umfassenden Einblick in aktuelle Theorien und Erkenntnisse über die Evolution. Trotz der genannten Schwächen ein spannendes Buch, das den Zusammenhang zwischen klimabedingten Katastrophen und evolutionären Prozessen verdeutlicht.

Nominiert zum Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Überblick

Peter Ward/Joe Kirschvink: Eine neue Geschichte des Lebens – Wie Katastrophen den Lauf der Evolution bestimmt haben
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
DVA 2016, 544 Seiten
ISBN 978-3-421-04661-1
Leseprobe

11 Kommentare

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  3. Interessante Thematik.
    Aber die von Dir genannten Schwächen lassen es mir schwerfallen, das Buch zu bestellen.
    Es ist eine Menge im Fluß! Fast täglich neue bedeutende Fossilienfunde, die die Geschichte des Lebens im Detail neu schreiben. Man kann damit rechnen, daß es jährlich fast neu etwas zu schreiben gibt. Schade, daß dann Bücher, die nur wenig alt sind, WOMÖGLICH nicht mehr das bieten können, was der wisshungrige Leser, der up to date bleiben möchte, braucht. Es sei denn, er ist auch an Wissenschaftsgeschichte interessiert.

    • Lieber Gerhard,
      Ich denke, dass die Stärken des Buches seine Schwächen ausgleichen. Selbst wenn du up-to-date bleiben möchtest, ist es wichtig, die Grundlagen und Zusammenhänge zu verstehen. Im Buch wird sehr gut beschrieben, welche Theorien gegenwärtig diskutiert werden und welche Methoden man heute benutzt – welche Erkenntnisse wir zum Beispiel der Paläobotanik oder der Evo-Devo (gleich Evolutionäre Entwicklungsbiologie) verdanken. Man erfährt von Lebensformen, die erst seit kurzem bekannt sind, von neuen Fundstellen und der schwierigen Interpretation der Fossilien. Es gibt in dem Buch so viele faszinierende Details, über die ich schwärmen könnte ;-)
      Vielleicht schaust du dir einfach mal die Leseprobe mit den ersten 42 Seiten an:
      Ich bedauere trotz meiner Kritik nicht, dieses Buch gelesen zu haben.

  4. Liebe Petra,
    ja die Leseprobe überzeugt!
    Allerdings merkte ich, daß man so manches für sich separat nachschlagen sollte, etwa zu den zwei Kohlenstoffkreisläufen. Neben diesen Dingen, die man nicht ohne weiteres versteht, fand ich z.b. die Passage:
    “Kürzlich hat man entdeckt, dass die winzigen Wasserspuren in den Gesteinsproben, die vom Mond mitgebracht wurden, zu denen der gro-
    ßen Wassermenge auf der Erde passen. ”
    Was genau ist damit gemeint?! Auch hier müsste man für sich nachschlagen. Macht man es nicht, dann liest man drüber hinweg, was ja im Grunde kontraproduktiv ist. Andererseits wird das Lesen dann zu einer wirklich freizeitfüllenden Tätigkeit.
    Mein Zögern anfangs hat auch damit zu tun, daß ich nach grober Schätzung knapp 30 Bücher rumliegen habe, die ich in den letzten 2 Jahren neu gekauft habe. Du kennst das ja :-)

    Das von mir einst Dir empfohlene Buch “Survival of the fittest” hat, obwohl ich es großartig finde, auch Schwächen. Ich hatte Durststrecken, aber die wurden durchaus wett gemacht durch diesen neuen, attraktiven Ansatz, multidimensionale Datenbanken zu nutzen, um dem Geheimnis des evolutionären “Ausprobierens” auf die Spur zu kommen.

    Ich werde es mir also überlegen mit dem Kauf!
    Danke!

    • “Survival of the fittest” fand ich auch sehr spannend, weil es einen neuen Aspekt in das Thema Evolution hereinbringt. Aber es hat sehr viel Konzentration erfordert. Vor allem ein Glossar habe ich vermisst und öfter Begriffe nachgeschlagen, um sicherzugehen, dass ich alles richtig verstanden habe. Das ging mir bei diesem Buch nicht so. Für mein Verständnis war alles gut erklärt.
      Vor ein paar Jahren habe ich ein wunderbares Überblickswerk zur Evolution von Nick Lane gelesen. Das könnte auch was für dich sein.
      Ich habe wirklich Lust, noch mehr zum Thema zu lesen, aber wie du schon bemerkt hast: das Regal der Ungelesenen ist gut gefüllt ;-)
      Herzliche Grüße,
      Petra

  5. Mir fiel noch ein, dass ich unlängst ” Die Geschichte der Erde” las, das dem Anfang des Buches zu gleichen scheint. Leider wurde es für mich zunehmend schwierig zu folgen, gerade was die geologischen Themen anbelangte. :-(

  6. Das Vorwort beginnt mit einer Anklage: Viele Geschichtsbücher haben keine Relevanz für die Gegenwart und keinen Bezug zu den Lesern, so die Autoren. Dabei sei es so wichtig — der unvermeidliche Sanataya — aus der Geschichte zu lernen, um die Gegenwart zu gestalten. Hinter solchen Gesten vermutet man den Anspruch, es besser zu machen — und das könnte angesichts der Diskussionen um Klimawandel und Nachhaltigkeit sicher ein interessanter Beitrag sein.
    Meint man. Leider hatte ich nach gut hundert Seiten den Eindruck, dass das den Autoren nicht gelungen ist. Kein roter Faden, kein zentraler Gedanke, der das alles zusammengehalten hätte, sondern nur eine Aneinanderreihung von Theorien und Informationen, alles nicht einmal sonderlich neu, sondern überwiegend aus anderen Büchern zusammengeklaubt. Es folgt Fakt auf Fakt — ein bisschen Tektonik, ein bisschen Genetik, ein bisschen Paläontologie –, aber aus nichts ziehen die Autoren interessante Schlüsse, und was das alles für uns bedeutet, das scheint ihnen selbst nicht klar zu sein. Ich habe selten ein so lebloses Buch über das Leben gelesen.
    Wer wirklich eine zusammenhängende Geschichte der Erde sucht, die einen roten Faden hat und eine echte Relevanz, dem würde ich bis heute James Lovelocks “Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten” empfehlen — in Einzelheiten sicher nicht mehr aktuell, aber von einer Idee getragen, und nicht stumpfe Faktenhuberei. Wirklich schade.

    • Vielen Dank für die Empfehlung von James Lovelocks “Gaia-Prinzip”. Ich würde auch zu gern ein 2. Mal den Klassiker von Richard Fortey “Leben” lesen – ein wunderbares Buch! Denn leider gibt es nur wenige allgemeinverständliche Überblickswerke zur Geschichte des Lebens.
      Sicher beeinflussen die eigenen Erwartungen und Vorkenntnisse unsere unterschiedliche Meinung zu diesem Buch.
      Ich stimme teilweise mit deiner Kritik überein, wie schon im Beitrag beschrieben. Und es stimmt: der Ausblick auf die Zukunft und die Lehren, die wir aus der Vergangenheit ziehen können, geraten im Buch recht knapp. Sie konzentrieren sich auf die letzten 2 Kapitel, in denen das Auftauchen der Menschen, das Aussterben der Megafauna und das gegenwärtige 10. Massenaussterben thematisiert werden. Ob das nun von Menschen gemacht ist und wo es hinführt – da wägen die Autoren vorsichtig ab, das hätte deutlicher formuliert werden können.
      Aber die Botschaft, was für Konsequenzen ein plötzlicher Klimawandel mit Treibhauseffekt für viele Arten haben kann, ist insgesamt mehr als deutlich. Da können intelligente Leser hoffentlich ihre eigenen Schlüsse ziehen ;-)
      Ich kenne kein anderes aktuelles Buch mit dem Anspruch, eine Gesamtgeschichte des Lebens zu erzählen. Die Schwächen verzeihe ich den Autoren, weil sie mir Zusammenhänge vermittelt haben, die mir nicht so klar waren. Aber ihr Buch hat auch den Wunsch geweckt, etliche Aspekte zu vertiefen.

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