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Sibylle Anderl: Das Universum und ich – Die Philosophie der Astrophysik

Cover Anderl Universum
© Hanser

Klarer Fall – die Astrophysik ist eine ganz besondere Wissenschaft. Sie bestimmt das Gewicht Schwarzer Löcher, die Entfernung zu anderen Galaxien oder den Anteil der geheimnisvollen Dunklen Materie an der Gesamtmasse des Universums. Sie untersucht sogar Mikrowellen aus der Zeit des Urknalls vor 14 Milliarden Jahren! Und das, obwohl sich viele kosmische Phänomene in gewaltiger Distanz befinden - in Raum und Zeit! Wie die Astrophysik ihre unglaublichen Erkenntnisse gewinnt, erklärt die Astrophysikerin und Philosophin Sibylle Anderl in ihrem erhellenden Buch Das Universum und ich.

Die Astrophysik hat ein Problem: Mit dem Universum kann man keine Experimente machen. Man kann es nur beobachten und vermessen, Hypothesen aufstellen und Beweise dafür sammeln. Wenn Signale bei uns eintreffen, ist der Auslöser oft unerreichbar, ob es um Gravitationswellen, Exoplaneten oder das Innere der Sonne geht. Eine direkte Überprüfung ist unmöglich. Doch Wissenschaftlern ist es gelungen, aus einer Vielzahl von Puzzlestückchen und Indizien ein konsistentes Modell unseres Universums zu bauen. Sibylle Anderl nennt diesen Prozess die Sherlock-Holmes-Methode. Zusätzlich zum Blick durch optische Teleskope untersuchen Forscher heute die kosmische Strahlung und die elektromagnetische Strahlung von Himmelskörpern. Vor allem die Datenanalyse und Computersimulationen (mathematische Modellierung) spielen heute eine große Rolle, um dem Universum auf die Spur zu kommen. Im Labor kann man dann testen, ob ein Modell funktioniert.

In ihrem Buch erzählt Sibylle Anderl mit anschaulichen Beispielen von den Mühen dieses Prozesses und den Tücken der Beweisführung. Oft beeinflussen Störfaktoren die Messergebnisse. Beim Aufspüren von Neutrinos führten locker sitzende Kabel in die Irre, und bei der Suche nach Gravitationswellen (für deren Nachweis in diesem Jahr der Physik-Nobelpreis vergeben wird,) sorgte ein tieffliegendes Flugzeug schon mal für ein falsches Signal. Akribie, Erfahrung und Geduld sind also unverzichtbar.

Wissenschaftsphilosophen beschäftigen sich mit der Frage, wie Wissen erlangt wird. Sie hinterfragen die Methoden verschiedener Disziplinen und interpretieren deren Antworten. Anderl stellt verschiedene Philosophen der Gegenwart vor, arbeitet sich aber vor allem an der Kritik des kanadischen Wissenschaftsphilosophen Ian Hacking an der Astrophysik ab: Wo keine Experimente möglich seien, ließe sich nichts beweisen. Hacking stellt daher infrage, ob kosmische Phänomene wie die Schwarzen Löcher überhaupt real sind. Und wenn es mehrere Erklärungen für eine Erscheinung gibt – welche ist dann korrekt? Für Sibylle Anderl ist diese Kritik ein Ansporn, ihre Arbeit sorgfältig zu reflektieren. Dabei kommt ihr die Doppelbegabung als Astrophysikerin und Philosophin zugute.
Zum Glück liefert auch das kosmische Labor viele Antworten. Astrophysiker können Phänomene in unterschiedlichen Stadien beobachten: von Babysternen bis hin zu alten, sterbenden Sternen. Die Interpretation der Beobachtungen ist jedoch unglaublich schwierig. Neue Erkenntnisse werfen ein anderes Licht auf bisherige Gewissheiten. Da wir nur etwa fünf Prozent der Materie unseres Universums kennen, könnte alles auch ganz anders gedeutet werden! Über den Rest aus Dunkler Materie und Dunkler Energie wird heftig spekuliert. In Zukunft sind revolutionäre Entdeckungen denkbar, die unser Weltbild erschüttern könnten.
Manche Fragen werden wohl niemals beantwortet werden: Was war vor dem Urknall?  Warum ist das Universum so perfekt für das menschliche Leben geeignet? Gibt es noch andere Universen? Aber die Suche nach Antworten ist zutiefst menschlich und verbindet die Philosophie mit der Astrophysik.

Viele Aspekte dieser Detektivarbeit klingen für Laien sehr abstrakt. Doch Sibylle Anderl gelingt es in ihrem Buch Das Universum und ich, sie mit Leben zu füllen. Sie gibt Einblicke in eigene Projekte wie die Untersuchung von Stoßwellen im interstellaren Medium oder die Forschung an Sternenembryos und erzählt selbstironisch von ihrem Praxisschock bei der Teleskoparbeit in der chilenischen Atacama-Wüste. In einem fiktiven Dialog mit ihrem Vater, der kluge Fragen zur Astrophysik stellt, diskutiert sie über Schwarze Löcher, den Urknall und die Ausdehnung des Universums. So entsteht ein spannender Blick hinter die Kulissen der Astrophysik. Und eines hat Sibylle Anderl bewiesen: die Astrophysik ist eine ganz besondere Wissenschaft!

Sibylle Anderl: Das Universum und ich – Die Philosophie der Astrophysik
Carl Hanser Verlag 2017, 256 Seiten
ISBN 978-3-446-25663-7
Leseprobe

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8 thoughts on “Sibylle Anderl: Das Universum und ich – Die Philosophie der Astrophysik

  1. Sabine

    Das hast Du hier schon mal vorgestellt oder? Weil ich sicher bin, dass ich durch Dich auf dieses Buch und somit die Lesung Ende des Monats gestoßen bin. Frau Wiemann, sie sind einer der schlimmsten Buch-Verführerinnen in der Blog-Szene für mich 😉

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  2. Gerhard

    Schön vorgestellt!

    Ich glaube, daß sich mit fast jedem Jahr neue Methoden auftun, zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen. Es verdichtet sich alles mehr und mehr.
    Da die Sachverhalte aber immer komplizierter werden und vieler Hände Hilfe benötigen, wird wohl bald eine Grenze erreicht werden.

    Was mich traurig macht, ist, daß all unser phänomenales Wissen wohl bald nichts mehr wert sein wird, nämlich dann, wenn unsere Krisen zum Zusammenbruch führen. Wie sagte jemand mal: Wir haben die Erde "verkonsumiert", auf Teufel komm raus, und jetzt müssen wir den Tatsachen ins Auge schauen.

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    1. Petra Wiemann

      Spannend wäre es doch, wenn man irgendwann herausfinden könnte, was Dunkle Materie und Dunkle Energie wirklich sind. Oder dass sie gar nicht existieren, sondern andere, bisher unbekannte Kräfte. Das würde alles auf den Kopf stellen!

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  3. Jürgen

    Klingt sehr interessant. Grade bei der dunklen Materie habe ich den Eindruck, es handelt sich um etwas, das man dazu addieren musste, damit die Rechnung aufgeht -- wie vor Einstein der Äther. Wer weiß, wenn man die Quantenmechanik zu Ende denkt, ist dieses Universum wahrscheinlich sowieso etwas ganz anderes als das, was wir uns mit unserem eingeschränkten Denken vorstellen können. Vielleicht sitzen wir am Ende ja tatsächlich auf einer Scheibe, und das ganze Universum existiert nur in unserem Kopf und den Messapparaten, die er sich zusammenbastelt...

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    1. Petra Wiemann

      Auf den Äther kommt Sibylle Anderl übrigens auf S. 22 der Leseprobe zu sprechen. Und für die Dunkle Materie erwähnt sie alternative Erklärungsmodelle. Solange sich nichts beweisen lässt, wird die Suche nach Erklärungen wird wohl niemals enden. Mich fasziniert der Gedanke, dass selbst neue Beweise für die eine oder andere Theorie wohl wieder neue Fragen aufwerfen werden.

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