Jessica Braun: Atmen

Cover Braun Atmen

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Ein – und aus. Ein – und aus. Eigentlich fließt der Atem ganz von selbst. Bis zu 20.000 mal am Tag atmen wir, ohne darüber nachzudenken. Doch wenn etwas Aufregendes passiert, stockt uns der Atem. Unter Stress atmen wir ganz flach oder hyperventilieren. Bei Atemwegserkrankungen bekommt man kaum genug Luft, mühsam und schwerfällig rasselt der Atem. Doch wir können den Atem auch bewusst kontrollieren, was uns zu besonderen Leistungen befähigt. Die Journalistin Jessica Braun hat die Wissenschaft des Atmens von der Geburt bis zum letzten Atemzug ergründet. In ihrem unterhaltsamen Buch Atmen erklärt sie, wie wir unser Atem-Potential richtig ausschöpfen können.

Was unser Körper beim Atmen leistet, ist erstaunlich! Bis zu drei Liter Luft werden pro Atemzug zur Lunge transportiert. Sie besteht aus 78 Prozent Stickstoff, 21 Prozent Sauerstoff und weiteren Elementen, die in umgewandelter Form, unter der Mitarbeit von 300 Millionen Lungenbläschen, wieder ausgeatmet werden. Bauchmuskeln, Zwerchfell, Lunge und das Atemzentrum arbeiten eng zusammen. Was dabei passiert, lässt sich am besten in Extremsituationen beobachten. Daher besuchte die Journalistin Menschen, die einen besonderen Bezug zur Atmung haben:

Von einem Kyudo-Meister ließ sie sich in der Kunst des Bogenschießens unterweisen, denn nur mit der richtigen Atemtechnik trifft man ins Schwarze. Sie beobachtete eine Apnoetaucherin beim disziplinierten Training, das dazu befähigt, minutenlang den Atem anzuhalten und ohne Atemgerät bis zu 100 Meter tief zu tauchen. Jede Sportart hat ihre eigene Atemtechnik, stellte die Journalistin beim Biathlon fest. Ein Phoniater, also ein Facharzt für Stimmbildung erklärte ihr, wie sie ihre hohe, aufgeregte Stimme bei Stress kontrollieren kann. Als Zuschauerin bei einer Lungen-Operation erlebte Jessica Braun, wie eine Maschine das Atmen für den Patienten übernahm. In einer Züricher Forschungseinrichtung erfuhr die Journalistin, dass unsere Ausatemluft sich aus über 870 Substanzen zusammensetzt. Diese Molekülmischung, Exhalom genannt, könnte in Zukunft Medizinern bei der Diagnose von Atemwegserkrankungen helfen.

Jessica Braun hat für ihre Recherchen diverse medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen, vom Lungenfunktionstest über die Atemgasanalyse bis zum Prick-Test. Sie scheute auch nicht den Weg zu einer Domina. Dort lernte sie im Selbstversuch das Gefühl kennen, wenn einem der Atem, durch eine Latexmaske gedrosselt, langsam schwindet – Sex, Lust und Atem sind ein Kapitel für sich! Wir erfahren außerdem, dass sich der Sauerstoffverbrauch durch regelmäßige Meditation verringert (um bis zu 40 %!) und wie ein gezieltes Atemtraining bei Angststörungen hilft. Das Buch ist gespickt mit Hinweisen, um den Atem bewusster einzusetzen, und einigen Atemübungen im Anhang. Eine Fundgrube des Wissens, in der jeder für sich etwas Nützliches entdecken kann!

In lockerem Tonfall verknüpft Jessica Braun persönliche Erfahrungen mit handfester Wissenschaft. Jedes Kapitel ist mit Fakten aus Wissenschaftsgeschichte und aktueller Forschung angereichert. Atmen ist ein abwechslungsreiches Buch, das informiert und richtig Spaß macht!

2. Platz als Wissensbuch des Jahres 2019 in der Kategorie Überraschung

Jessica Braun: Atmen – Wie die einfachste Sache der Welt unser Leben verändert
Kein & Aber Verlag 2019, 368 Seiten
ISBN 978-3-0369-5798-2

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6 Kommentare

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  3. Was Autorinnen alles auf sich nehmen. Sogar den Gang zur Domina, ui! Da hätte ich wohl eher Schnappatmung :-)
    Abseits davon: Das liest sich interessant, ich denke, das schaue ich mir näher an – ich mache derzeit ab und an Atemübungen, das passt jetzt richtig gut.

    • Die Autorin durfte sogar bei einem Kunden der Domina zusehen. Es ging dabei auch um absolutes Vertrauen und die Abgabe der Kontrolle – ganz schön mutig! Ich war fasziniert, was sie aus diesem Thema alles rausholt, immer mit persönlichem Einsatz.
      Ich habe vor einiger Zeit mit Pilates begonnen, wo der Atem auch bewusst eingesetzt wird. Das lohnt sich, ebenso wie die Lektüre des Buches!

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