Highlights des Jahres 2019

 

Zum Jahresende ist es wieder Zeit, Bilanz zu ziehen: Welche Bücher haben mir das größte Lesevergnügen beschert? Welche überraschten mich durch ungewöhnliche Themenwahl oder begeisterten mit ihrer Originalität? Was sind die schönsten Sachbücher, die auch mit Wissen auftrumpfen? Hier sind sie, meine

Highlights des Jahres 2019:

Evolution mal ganz anders

Cover Schilthuizen Darwin Stadt

© dtv

Evolution verläuft viel schneller als Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, dachte. Und sie ereignet sich an unerwarteten Orten: mitten in unseren Städten! Denn Städte gelten inzwischen als Rückzugsort vieler Arten. In seinem spannenden Buch Darwin in der Stadt ist der Evolutionsbiologe Menno Schilthuizen den Überlebenstricks dieser Tiere und Pflanzen auf der Spur. Er hat Städte wie London, Rotterdam, Singapur und Paris bereist und zeigt, welche besonderen ökologischen Nischen sich dort entwickelten und was Städte, im Vergleich zu anderen Lebenswelten, so anziehend macht. Schilthuizen ist ein lebendiger, amüsanter Erzähler, der einen überraschenden Blick auf die Anpassungsfähigkeit vieler Lebewesen wirft. Das Ökosystem Stadt erscheint in einem ganz neuen Licht!

 

Poetische Naturbeschwörung

Cover Macfarlane Morris Wörter

© Matthes & Seitz

Was passiert, wenn Wörter aus unserem Wortschatz verschwinden? Erinnern wir uns noch an das, was sie einst bezeichneten? Oder geht es unwiederbringlich verloren? Der britische Naturschriftsteller Robert Macfarlane versammelt in seinem Buch Die verlorenen Wörter zwanzig Naturbegriffe, die aus einem britischen Wörterbuch für Kinder gestrichen wurden. Mit Sprüchen und Beschwörungen holt er diese Wörter zurück aus der Verbannung. Das Charakteristische einer Pflanze oder eines Tieres wird lustvoll inszeniert – in Wort und Bild, hinreißend illustriert von der Künstlerin Jackie Morris. Die Texte sind dazu gedacht, sie laut zu lesen wie Zaubersprüche. Da wird gereimt oder auch gerappt, oft mit einem leichten Augenzwinkern. Und das macht nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen richtig Spaß! Dieses Buch gab mir außerdem den Anstoß, endlich mit einer Serie über Wort-Schätze zu beginnen, für die ich schon seit Jahren interessante Begriffe sammle. Bisher gibt es erst zwei Beiträge, doch weitere werden folgen.

Fantastische und bedrohte Bergwelt

Cover Francis Feng Everest

© NordSüd

Das Kinder-Sachbuch Everest zeigt die Bergwelt des Himalaya in all ihrer Schönheit, weist aber auch auf die Schattenseiten des Bergsteigens und die Bedrohung durch menschliche Eingriffe in die Natur hin. Ich habe die Flora und Fauna der verschiedenen Vegetationszonen kennengelernt, seine menschlichen Bewohner und die Gipfelstürmer aus aller Welt, die den Mount Everest bezwingen wollen. Ein Kinderbuch mit beeindruckender Bandbreite: die Kinderbuch-Autorin Sangma Francis vereint Erdgeschichte, Tier- und Pflanzenwelt und geht auf die Kultur und Religionen der Menschen Nepals und Tibets ein. Die Illustratorin Lisk Feng schafft mit ihren Zeichnungen eine ganz eigene Atmosphäre: schroffe, hart konturierte Berge vor blau leuchtendem Himmel, lächelnde Göttinnen in sanften Blau- und Rottönen, liebevoll porträtierte Lebensformen vor einer kargen Landschaft – einfach wunderschön! Everest eignet sich für Kinder ab 7 Jahren, die gern in die Ferne schweifen und an geologischen und ökologischen Zusammenhängen interessiert sind.

Schleim ist mein!

Cover Wedlich Buch vom Schleim

© Matthes & Seitz

Schleim ist eklig, aber auch sehr nützlich. In den Meeren findet man ihn ebenso wie in den Wüsten – und natürlich im menschlichen Körper. Schleim ist überall! Woraus er besteht, was ihn zusammenhält und welche faszinierenden Eigenschaften er besitzt, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich in ihrem unterhaltsamen Buch vom Schleim. Die Autorin streift Mikrobiologie, Physik, Botanik, Zoologie und Erdgeschichte. Sie lotet aber auch gekonnt und überaus kurzweilig die kulturellen Abgründe des Themas aus, die ihr oft als Ausgangspunkt für die wissenschaftlichen Aspekte dienen. Auch wenn wir uns vor Schleim ekeln: der menschliche Körper ist voll davon. Wir besitzen gleich vier Schleimsysteme, die uns zum Beispiel vor Krankheitserregern schützen. Grund genug, dem Schleim auf den Grund zu gehen – mit diesem originellen Buch!

Graphic Novel auf Humboldts Spuren

Cover Wulf Abenteuer Alexander von Humboldt

© C. Bertelsmann

Alexander von Humboldt berichtet hier persönlich von seiner Expedition durch die Länder Südamerikas in den Jahren 1799 bis 1804. Die Humboldt-Expertin Andrea Wulf hat dessen Reise in der Graphic Novel Die Abenteuer des Alexander von Humboldt verarbeitet, üppig illustriert von der New Yorker Künstlerin Lillian Melcher. Wir begleiten den preußischen Universalgelehrten auf der rasanten Fahrt über die Stromschnellen des Orinoco, bei der gefährlichen Besteigung des Chimborazo und bei all seinen faszinierenden botanischen und astronomischen Entdeckungen. Wir erleben seinen unermüdlichen Forscherdrang, die Sammel- und Experimentierfreude und sein Interesse an den indigenen Völkern Südamerikas. Diese originelle Reisebeschreibung basiert auf Humboldts Südamerika-Tagebüchern, seinen Zeichnungen, Briefen und Werken, die hier in einem herrlichen Stilmix kombiniert werden. Man bekommt ein Gespür für dessen hellwachen Geist und seine geradezu besessene Suche nach Erkenntnissen. Ein idealer Einstieg in Humboldts Welt!

Symbiose aus Kunst und Wissenschaft

Cover Brandstetter Über Leben

© oekom

Netzwerke der Natur: sie stehen im Mittelpunkt der Werke von Johann Brandstetter, dem preisgekrönten Künstler und Illustrator. Der Bildband Über Leben – Die Wiederentdeckung der Natur zeigt einen Querschnitt durch sein Werk aus mehreren Jahrzehnten. Johann Brandstetter versteht sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Forscher. Er recherchiert gründlich die ökologischen Zusammenhänge dessen, was er beobachtet. Das Ergebnis zeigt sich in seinen wunderschönen Naturillustrationen, die uns Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lebensformen erschließen. Im Essay “Schönheit ist Politik” des Biologen und Journalisten Andreas Weber und im Interview Brandstetters mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl habe ich den Menschen hinter den Bildern ein bisschen kennengelernt, und etwas über sein Selbstverständnis als Naturillustrator und seine Motivation erfahren. Ein Bildband, der verdichtetes Wissen mit ästhetischem Genuss verbindet. Zum Schmökern, Schwelgen und Erkennen!

Bis zum letzten Atemzug

Cover Braun Atmen

© Kein & Aber

Was unser Körper beim Atmen leistet, ist erstaunlich. Die Journalistin Jessica Braun ergründet die Wissenschaft des Atems von der Geburt bis zum letzten Atemzug. In ihrem unterhaltsamen Buch Atmen erklärt sie, was wir da überhaupt einatmen, woraus die Ausatemluft besteht, wie der Körper die verschiedenen Gase verarbeitet und wie wir unser Atem-Potential richtig ausschöpfen können. Jessica Braun hat Menschen besucht, die einen besonderen Bezug zur Atmung haben. Man erfährt, wie der Atem in Extremsituationen funktioniert, zum Beispiel beim Apnoetauchen, im Hochgebirge oder wenn man unter Stress steht. Vieles hat die Autorin selbst ausprobiert: Sportarten, medizinische Tests und Atemtechniken. In lockerem Tonfall verknüpft sie persönliche Erfahrungen mit handfester Wissenschaft. Nach der Lektüre lausche ich meinem Atem ganz bewusst.

 

Euch allen, die hier mitlesen und kommentieren, wünsche ich eine friedliche, entspannte Weihnachtszeit, in der Ihr auch Zeit für gehaltvolle Lektüren findet! Kommt gut ins neue Jahr :-)
Auf ein baldiges Wiederlesen 2020!

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6 Kommentare

  1. Schön, dass es Schilthuizen und der Schleim auf Deine Hitliste geschafft haben, das sind auch meine Favouriten.

    Ich wünsche ein frohes Weihnachtsfest und einen gesunden Rutsch in neue Jahr!

  2. Liebe Petra,

    hab’ Dank für all die wissenswertvollen Buchhinweise, die Du uns alljährlich so fundiert und Interesse weckend vorstellst.
    Dir ebenfalls schöne und heiter-besinnliche Weihnachtsfesttage und einen gelungenen Jahreswechsel!
    Herzlich grüßt Dich
    Ulrike

  3. Tolle Liste! Die verlorenen Wörter muss ich mir unbedingt besorgen, ich liebe Macfarlanes Stil sowieso :-)

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